Berne
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.
Sehr geehrter Herr Präsident
Sehr geehrte Damen und Herren
Ich freue mich, dass Sie mich an diese Veranstaltung über das künftige Rollenverständnis von Ärztinnen und Ärzten eingeladen haben.
Es fragt sich allerdings, ob ich als Vertreter von Bundesbern ein glaubwürdiger Redner bin, wenn es um die digitale und interprofessionelle Welt der Zukunft geht.
Nur schon mein Titel:
Bundesrat…
Unverändert seit 1848.
Durch und durch analog.
Heutzutage fast schon eine Provokation!
Aber das täuscht. Die Digitalisierung prägt inzwischen auch die Regierungstätigkeit.
Ich habe jetzt zum Beispiel eine App, die mir anzeigt, wann es weitergeht mit den Verhandlungen über das Rahmenabkommen mit der EU.
Eigentlich sehr praktisch.
Das Problem ist nur:
Auf dieser App passiert seit längerem gar nichts.
Aber diese Ruhe sorgt für gute Werte auf meiner Blutdruck-App.
Man merkt: Der Aussenminister ist ein Arzt…
Im Ernst, meine Damen und Herren
Digitalisierung und demographischer Wandel: Das ist die doppelte Herausforderung, die unsere Gesellschaft tiefgreifend verändern wird.
Und es ist wie immer in Umbruchssituationen:
Die Skeptiker, die Warner und die Bedenkenträger laufen zu Hochform auf.
Und deuten vielschichtige Herausforderungen zuverlässig zu reinen Bedrohungen um.
Wenn wir aber allzu defensiv über den Wandel nachdenken, verbauen wir uns die Zukunft.
Der Technologiepionier Sebastian Thrun hat kürzlich das digitale Zeitalter auf folgende Formel gebracht. Ich zitiere:
„Das ist eine Revolution,
aber keine der Maschinen,
sondern der menschlichen Kreativität
und des Selbstbewusstseins.“
Ende Zitat.
Kurz: Bei der Digitalisierung steht der Mensch im Mittelpunkt – und nicht die Maschine.
Das ist – gerade für die Medizin – eine gewaltige Chance.
Auch bei der zweiten grossen Veränderung unserer Zeit – dem demographischen Wandel – ist grundsätzlich Optimismus angebracht.
Unsere Lebenserwartung steigt und steigt. Sie hat sich in den letzten hundert Jahren praktisch verdoppelt.
Heute lebt eine 65-jährige Frau im Schnitt noch fast 23 Jahre
Ein Mann noch 20 Jahre.
Das ist zuerst einmal hocherfreulich.
Aber auch in dieser Debatte sind häufig pessimistische oder gar defätistische Töne zu vernehmen.
Der demographische Wandel wird häufig als Niedergang beschrieben:
Generationenkrieg,
Reformunfähigkeit,
Finanzierungsprobleme.
Der Schweizer Altersforscher Francois Höpflinger hat in diesem Zusammenhang eine interessante Beobachtung gemacht:
Nicht nur die Alterung der Gesellschaft lässt uns erschauern, sondern auch deren Gegenteil:
Ein sinkendes Durchschnittsalter,
wie es zum Beispiel Russland seit einiger Zeit kennt.
Höpflinger kommt zum Schluss:
„Was auch immer demographisch geschieht,
scheint zum gesellschaftlichen Niedergang zu führen.“
Beide Prozesse – Digitalisierung und demographischer Wandel – haben eines gemeinsam, nicht zuletzt im Hinblick auf das Berufsprofil von Ärztinnen und Ärzten:
Wenn es uns gelingt,
diese strategisch intelligent zu begleiten,
machen wir unsere Gesellschaft humaner, innovativer und kreativer.
Mesdames et Messieurs,
La numérisation est une force disruptive, qui amène des changements considérables dans le diagnostic et le traitement des patients.
Elle offre un immense potentiel d’amélioration à tous les niveaux :
de la qualité des soins à la relation entre médecin et patient,
en passant par la sécurité des patients, les processus et la collaboration,
sans oublier l’efficience et les coûts.
Mais pour que ce potentiel puisse se déployer pleinement, il est impératif de bien former les médecins durant leurs études et leur formation continue.
Afin qu’ils connaissent l’immense potentiel des nouvelles technologies – et les façons de l’exploiter,
mais aussi les limites de ces nouvelles technologies.
Les médecins sont censés développer les compétences des patients en cybersanté (health literacy).
Or, l’étude 2019 de l’OCDE sur la numérisation montre que nombre de médecins ne possèdent pas les compétences numériques suffisantes.
De même, les résultats pour la Suisse de l’enquête IHP 2019 de la fondation Commonwealth Fund laissent songeur :
sur les onze pays sondés, la Suisse arrive en dernière position en matière d’utilisation des outils de cybersanté.
Si les professionnels de la santé sont insuffisamment préparés à la numérisation croissante,
des conséquences négatives sont à craindre.
Plus grave : les opportunités qu’amène cette évolution ne seront pas totalement exploitées.
Les changements à apporter aux cursus sont principalement du ressort des universités, des hôpitaux et des sociétés de disciplines médicales.
Les facultés de médecine adaptent déjà leurs cours pour former les étudiants aux technologies numériques.
Et naturellement, la Confédération soutient leurs démarches dans ce sens.
Mesdames et Messieurs,
Une réponse partielle aux défis mentionnés pourrait être la délégation des tâches.
C’est à dire la reprise de certaines activités jusqu’alors dévolues aux médecins par d’autres professionnels de la santé.
En effet, grâce à l’académisation des métiers paramédicaux, les professionnels pourraient s’acquitter de tâches pour lesquelles ils n’étaient pas qualifiés auparavant.
Cette approche permet non seulement d’accroître la satisfaction de l’ensemble des acteurs de la santé, mais aussi – dans l’idéal – d’améliorer la qualité du diagnostic et du traitement.
Les médecins en particulier auraient tout à y gagner. Parce qu’ils pourraient se recentrer sur leur cœur de métier.
Cette approche doit toutefois encore faire l’objet d’une analyse détaillée.
En effet, elle comporte également des risques, notamment celui de générer de nouvelles sources d’erreurs, et donc de péjorer la qualité.
Par ailleurs, modifier les cursus peut aussi engendrer
une diminution de l’attrait de certaines spécialités médicales.
En résumé : la délégation des tâches ne peut fonctionner que si elle est soutenue par l’ensemble des professions concernées.
Mesdames et Messieurs,
En raison de l’évolution démographique, il faut s’attendre à l’avenir à une augmentation des patients polymorbides.
Cela signifie qu’il faudra encore améliorer la coordination entre les différents corps de métier qui composent notre système de santé.
Il est probable qu’à long terme, des centres de santé regroupant plusieurs professions remplacent les actuels cabinets individuels ou de groupe.
Cette évolution correspond non seulement aux besoins des patients, mais aussi à ceux de la nouvelle génération de professionnels de la santé.
Et comme la Suisse va au-devant d’une pénurie de personnel qualifié, en raison de la faible proportion de médecins de moins de 45 ans, nous devons tout faire pour maintenir l’attrait de cette profession.
Sehr geehrte Damen und Herren
Der Arztberuf feminisiert sich seit längerer Zeit schon, die Medizinstudentinnen sind heute bekanntlich in der Überzahl.
Entsprechend verändern sich die Erwartungen der jungen und zukünftigen Ärzteschaft – oder eben vielmehr: der Ärztinnenschaft.
Dieser Wertewandel wird eindrücklich dokumentiert durch die deutsche Karmed-Studie sowie eine Studie der Plattform „Zukunft der ärztlichen Bildung“:
Die Millennials werden die nächsten 30 Jahre die Gesundheitsversorgung in unserem Land sicherstellen.
Sie sind technikaffin, streben einen hohen Bildungsgrad an und wollen eine gute Work-Life-Balance.
Sie hinterfragen bisherige Methoden und Strukturen, bevorzugen das Arbeiten in Teams.
Status und Prestige ist ihnen weniger wichtig;
Ebenso der Aufstieg in höchste Leitungspositionen.
Diese Generation möchte bereits die Weiterbildung überwiegend in Teilzeit absolvieren; danach wollen viele nicht 100 Prozent arbeiten.
Gegen diesen Wertewandel gibt es einen relativ starken Widerstand.
Man kann strukturelle und berufs-ethische Veränderungen beklagen – aufhalten lassen sie sich nicht.
Sinnvoller ist, sich zu überlegen, wie man unter veränderten Bedingungen sicherstellt, dass die Patientinnen und Patienten weiterhin optimal versorgt werden.
Und als Gesellschaft müssen wir nach Lösungen suchen, damit die Wünsche der Ärztinnen und Ärzte mit den Anforderungen des Gesundheitswesens bis zu einem gewissen Grad in Einklang gebracht werden können.
Seitens des Bundes stellen wir uns beispielsweise die Frage, ob wir mit unseren Ausbildungskapazitäten langfristig noch auf Kurs sind.
Wenn Ärztinnen und Ärzte neue Arbeitszeitmodelle wählen und damit im Schnitt weniger Behandlungszeit zur Verfügung steht,
dann hat das einen direkten Einfluss auf die Versorgung.
Aber auch die Weiterbildungsstätten müssen sich die Frage stellen, wie das Weiterbildungsangebot erweitert werden könnte.
Meine Damen und Herren
Wie bewältigen wir im Gesundheitswesen die Umwälzungen von Digitalisierung und demographischem Wandel?
Durch intensiven Dialog und unsere traditionell gute Zusammenarbeit.
Wir alle haben dasselbe Ziel:
Ärztinnen und Ärzte sollen ihren Beruf auch weiterhin mit viel Engagement, Wissen und Freude ausüben können und im einmal gewählten Beruf verbleiben.
Dazu müssen wir eine Balance finden zwischen individuellen und gesamtgesellschaftlichen Bedürfnissen.
Und dazu müssen wir jetzt die richtigen Fragen stellen.
Die heutige Veranstaltung trägt den Titel: «Medizinisches Rollenverständnis im 21. Jahrhundert – Zeit für eine neue Selbstfindung».
Selbstfindung: Das ist ein aktiver Prozess.
Selbstfindung wird nicht erduldet –
vielmehr schwingt in diesem Begriff ein Geist des Aufbruchs mit.
Und das ist entscheidend: Unser Umgang mit schnellem Wandel sollte nie sorglos, aber doch stets proaktiv sein.
Im Gesundheitswesen, aber selbstverständlich auch in sämtlichen anderen Bereichen.
Das Bewusstsein, dass historische Prozesse und technologische Umbrüche immer – bis zu einem gewissen Grad – ergebnisoffen sind, stärkt uns als Individuen und als Gesellschaft.
Die Verhältnisse und die eigene Identität: Sie sind nie einfach, wie sie sind.
Es kommt auf uns an.
Und ich bin überzeugt:
Ein Berufsstand wie jener der Ärztinnen und Ärzte,
der mit lebenslangem Lernen so vertraut ist,
wird auch diese Selbstfindung in einer veränderten Umwelt bravourös meistern.
Vielen Dank.