Zurich

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Herzlichen Dank für die Einladung.

Ich freue mich hier zu sein.

Als Gesundheitsminister und als Kulturminister.

Dass das Zurich Film Festival heute eröffnet werden kann – in Anwesenheit leibhaftiger Menschen! – das ist ein Grund zur Freude.

Sie alle, die hier und im Corso heute versammelt sind, sind in der Mehrheit.

Genauer: in einer Mehrheit von 58 Prozent, die NICHT bis ins nächste Jahr mit dem Besuch von Kulturveranstaltungen warten wollen.

Das hat eine Umfrage des Bundesamts für Kultur ergeben.

Die Botschaft, die von dieser Festivaleröffnung ausgeht, ist trotzig und sie ist klar:

Das Virus prägt unseren Alltag – aber es dominiert ihn NICHT.

Das ist ein feiner Unterschied – aber ein entscheidender.

Man kann sich fragen:

Ist das der berühmte Zürcher Pragmatismus?

Diese wachsame Gelassenheit ist jedenfalls alles andere als selbstverständlich.

Denn wir leben bekanntlich in nervösen Zeiten, in denen sich «fake news» und Verschwörungstheorien rasend schnell verbreiten.

Und in diesen Zeiten hat die Angst ein leichtes Spiel.

Vielleicht ist es ja ein Vorteil, dass das Zurich Film Festival der Neuen Zürcher Zeitung gehört.

Das wirkt halt einfach beruhigend.

Denn die NZZ hat die Risiken des Internets schon früh erahnt.

Sehr früh…

Schon in ihrer ersten Ausgabe vom 12. Januar 1780.

Damals stand auf der Frontseite ein eindrücklicher Satz zu lesen:

Ich zitiere:

„Es wird uns nicht möglich sein,

die Weltbegebenheiten früher anzuzeigen,

als sie geschehen sind.“

Ende Zitat.

Es wird also erst über etwas berichtet, nachdem es stattgefunden hat.

Das nenne ich seriös!

Diese Unaufgeregtheit ist auch begrüssenswert im Hinblick auf die inflationären Diagnosen darüber, wie Corona die Welt verändert.

Wird die Gesellschaft jetzt solidarischer – oder wird sie egoistischer?

Erstarkt die internationale Kooperation – oder werden die Länder nationalistischer?

Es gibt inzwischen eine halbe Bibliothek von Titeln,

die eine glasklare These vertreten.

Hier kann ich nur für mehr Bescheidenheit plädieren:

Wir alle lernen jeden Tag dazu.

Nicht nur über Covid 19.

Sondern auch über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen der Pandemie.

Bescheidenheit und Lernfähigkeit sind die wichtigsten Voraussetzungen,

um als Land einigermassen unbeschadet durch diese Krise zu kommen.

Die Kulturbranche steht unter besonderem Druck; in vielen Ländern präsentiert sich die Situation gar desolat.

Was dies für die Lebensqualität und das kreative Potenzial einer Gesellschaft bedeutet,

lässt sich derzeit noch kaum abschätzen.

In der Schweiz wurde und wird die Kultur in dieser existentiellen Krise vergleichsweise stark unterstützt – und das entspricht einem breiten politischen Konsens.

Trotzdem: Die erwähnte Umfrage des BAK hat auch ergeben, dass 86 Prozent den Kultursektor für gefährdet halten.

Das muss ein Weckruf sein.

Zwar betonen momentan alle, wie wichtig, ja unverzichtbar das kulturelle Leben ist.

Aber was ist nach der Krise?

Was passiert, wenn die staatlichen Massnahmen auslaufen?

Dann kommt es auf jede und jeden von uns an.

Auf unser Interesse, auf unsere Präsenz, auf unseren Beitrag.

Meine Damen und Herren

Was bedeutet Corona für unsere Gesellschaft?

Wir wissen,

dass wir es nicht wissen.

Und wir wissen auch,

dass wir uns vor jenen hüten müssen,

die es wissen.

Ein einziger Trend scheint sich bisher wirklich abzuzeichnen.

Die Stadtflucht.

Die Angst vor der Pandemie treibt die Bewohner aus den Metropolen.

In New York, Paris, London ist die Stadtflucht schon im Gange.

Und auch in Zürich setzt sie ein:

Die Stadt hat jetzt 275 Einwohner weniger als vor einem Jahr.

«Die Stadtflucht habe ich mir aber grösser vorgestellt»,

werden jetzt ein paar Zürcher sagen…

Wenn man diese Stadtflucht weiterdenkt, fragt man sich schon:

Treibt uns die Corona-Krise am Ende noch in die Alpen?

Gar ins Réduit?

Und, epidemiologisch entscheidend:

Kann man dort lüften?

Die Sehnsucht nach dem Landleben zeigt sich auch im Programm des diesjährigen Zurich Film Festival.

«Grunda» ist ein Film über ein norwegisches Schwein.

In « Antoinette dans les Cévennes » geht es um Patrick, einen französischen Esel.

Erwähnt sei hier auch der neue Film von Rolf Lyssy:

«Eden für Jeden».

Er spielt in einem Schrebergarten.

Also noch nicht wirklich auf dem Land.

Aber Schrebergärten sind immerhin schon die erste Schwundstufe des urbanen Lebens.

Meine Damen und Herren

Das Landleben hatte natürlich immer auch seine Kritiker.

Der deutsche Schriftsteller Kurt Tucholsky gehörte zu ihnen.

Zum Schweizer Bergpanorama fiel ihm nur folgendes ein:

Ich zitiere:

„Hier gletschern die Gletscher“.

Das war noch vor dem Klimawandel…

Und auch Nietzsche versuchte es mit der Sinnstiftung in der Natur.

Er sass häufig am Ufer des Silsersees auf einer Parkbank und sinnierte.

Darüber schrieb er im «Zarathustra», ich zitiere:

«Hier sass ich wartend,

wartend –

auf Nichts».

Vielleicht verspüren ja auch Sie schon dieses Gefühl des ewigen Wartens und fragen sich bang:

Wird diese Rede je enden?

Ja, meine Damen und Herren,

sie endet

jetzt

sofort.

Das ist die good news.

Die bad news ist:

Die Rede geht weiter, im Corso.

Meine Damen und Herren

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld.

Wobei: Sie konnten ja gar nicht weglaufen, schliesslich herrscht Sitzpflicht…

Wie auch immer.

Was ich Ihnen sagen will: Bleiben Sie in der Stadt!

Ohne das Städtische,

also ohne die überraschende Begegnung,

verödet unsere Gesellschaft.

Gerade in diesen Zeiten der Polarisierung und der Polemik ist der persönliche Austausch über die Milieugrenzen hinweg unverzichtbar.

Vielleicht sind Filmfestivals, allem Streaming zum Trotz, sogar wichtiger denn je:

Weil über Filme wahrscheinlich offener und selbstkritischer geredet wird als über explizit Politisches.

Was ein Film in uns auslöst,

ist manchmal nicht so eindeutig.

Und deshalb ist der Diskussionsbedarf echt –

und erschöpft sich nicht im leeren Ritual,

im Austausch vorgefertigter Meinungen.

Die Konfrontation mit anderen Werten, Sichtweisen, Weltbildern – sie ist heute geradezu existentiell geworden für unser Zusammenleben, für die Demokratie.

Das hat der amerikanische Regisseur John Waters – eine Ikone der subversiven Gegenkultur – prägnant formuliert:

Ich zitiere:

«Es herrscht momentan eine Art Bürgerkrieg in meinem Land.

Aber ich will allen zuhören.

Ich bin gegen jeden Separatismus.

Ich versuche unergründliches Verhalten zu verstehen und ich will mit Leuten sprechen, mit denen ich nicht einverstanden bin.

Deshalb lese ich jeden Tag das Wall Street Journal.

Ich will lesen, was intelligente Leute denken,

mit denen ich nicht einverstanden bin.»

Ende Zitat.

Lesen und hören, was intelligente Leute zu sagen haben, mit denen wir nicht einverstanden sind.

Das ist echter politischer Austausch –

und wir brauchen robuste Dialoge.

Heute mehr denn je.

Erfahren

– zum Beispiel im Medium Film –

wie Menschen die Welt erleben, mit denen wir wenig gemeinsam haben,

Das ist unverzichtbar,

wenn wir schwierige Verhältnisse verbessern wollen.

Meine Damen und Herren

Wir brauchen Orte der echten Meinungsvielfalt.

Nur so können wir weiterkommen als Gesellschaft.

Wie sehr man im urbanen Zürich voneinander lernt, zeigt sich exemplarisch bei der Linken und den Grossbanken:

Die Credit Suisse, der Hauptsponsor des ZFF, macht jetzt Duzis mit ihren Kunden,

das gab es früher nur unter Linken…

Und im Gegenzug hat Rot-Grün,

in Zürich seit langem an der Macht,

von den Banken gelernt:

«too big to fail»!

Im Ernst, meine Damen und Herren

Veranstaltungen wie das Zurich Film Festival sind wichtig für unsere Gesellschaft.

Man könnte sogar sagen: Hier entsteht erst Gesellschaft.

Aber die momentane Situation ist, wie wir alle wissen, labil.

Wir müssen weiterhin vorsichtig bleiben,

die Distanz- und Hygieneregeln einhalten,

im Restaurant bei der Registrierung mitmachen,

damit das Tracing funktionieren kann.

Aber das «physical distancing» darf nicht zum «social distancing» verkommen.

Ich weiss, es klingt paradox:

Aber je mehr Disziplin wir im Alltag beweisen,

desto mehr Lebensfreude werden wir haben in den nächsten Monaten.

Meine Damen und Herren

Der grosse französische Philosoph Pascal hat einst geschrieben:

«Das ganze UNGLÜCK der Menschen rührt allein daher,

dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.»

Nach etlichen Wochen in der Pascal’schen Idealwelt, in denen wir zu Hause sassen und uns nur noch auf den Bildschirmen begegnet sind, muss man sagen:

Vielleicht irrte Pascal…

Vielleicht rührt das ganze GLÜCK der Menschen daher,

dass sie nicht endlos in ihrem Zimmer bleiben mögen,

dass sie vom Sofa aufstehen

und sich wieder treffen.

Ich wünsche allen ein anregendes Festival!

In diesem Jahr erst recht!

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