Bâle

Publié en allemand sous le titre « NATUR Kongress »

Allocution prononcée par le Conseiller fédéral Alain Berset à l’occasion du Congrès NATUR – Seules les paroles prononcées font foi.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Wer das Stichwort „Nachhaltigkeit“ googelt, erhält 15 Millionen Ergebnisse.

Beim englischen Begriff „sustainability“ sind es 113 Millionen.

Diese enormen Zahlen sind gleichzeitig erfreulich und beunruhigend.

Erfreulich, denn das beweist dass das Konzept „Nachhaltigkeit“ in den Köpfen unzähliger Menschen angekommen ist.

Das ist gut so und es ist auch höchste Zeit. Nachhaltigkeit sollte heute im Zentrum all unserer Bemühungen stehen – ungeachtet dessen, wo wir tätig sind. In der Politik, in der Wirtschaft, im Non-Profit-Bereich. Ob als Konsument oder als Produzentin. Ganz so, wie es heute am NATUR Kongress geschieht, wo Anspruchsgruppen aus allen Bereichen vertreten sind.

Auch der Bundesrat hat sich bekanntlich der Nachhaltigkeit verpflichtet.

Nicht nur mit dem Atomausstieg, der einen nachhaltigen Umbau unserer Energieversorgung bedingt.

Die Schweiz hat die nachhaltige Entwicklung in allen gesellschaftlichen Bereichen als Staatsziel definiert.

Als Kulturminister darf ich im Wagner-Jahr sagen: Die Nachhaltigkeit ist sozusagen zum Leitmotiv der Regierungstätigkeit erhoben worden. Damit uns die Schweiz als das landschaftlich-kulturelles Gesamtkunstwerk erhalten bleibt, als das wir sie kennen.

Die unglaubliche Anzahl von Google-Ergebnissen beim Stichwort Nachhaltigkeit ist erfreulich. Aber auch beunruhigend.

Wieso beunruhigend? Weil – das ist zumindest mein Eindruck – der Begriff „Nachhaltigkeit“ seit einiger Zeit Gefahr läuft, als PR-Floskel und Lippenbekenntnis missbraucht zu werden.

Zwei Gründe sehe ich für die Gefahr, dass das Konzept Nachhaltigkeit allmählichen erodiert – wegen rhetorischer Übernutzung, um es ökologisch zu formulieren.

  • Erstens herrscht bei vielen Menschen Skepsis darüber, dass es die Staatengemeinschaft schafft, die grossen Herausforderungen ernsthaft anzupacken. Zum Beispiel die Klimaerwärmung, das Bevölkerungswachstum oder die Regulierung der Finanzmärkte. Die Globalisierung der Märkte sowie die Globalisierung der gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen ist massiv fortgeschritten. Gleichzeitig hinkt aber die Globalisierung unserer Problemlösungskapazitäten leider hinterher
  • Einen zweiten Grund für die wachsende Skepsis sehe ich in einer Entwicklung, die eigentlich zu begrüssen ist. Nämlich dass sich die Wirtschaft stärker als früher ihrer Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt bewusst ist. Aber es gibt eben nicht nur die Unternehmen, die wirklich handeln. Es gibt auch jene, die Nachhaltigkeit im Mund führen aus Marketinggründen. Und um Regulierungen abzuwenden. Letzteren hilft die Tatsache, dass vieles kaum messbar ist, was unter dem Titel „Nachhaltigkeit“ figuriert.

Gerade weil eine diffuse Skepsis herrscht, ist es umso wichtiger, dass wir alle handeln – jede und jeder dort, wo es konkret möglich ist.

Wie sagte doch der Philosoph Karl Popper: „Optimismus ist Pflicht! Wir sind verantwortlich für das, was kommt.“

Und ich füge bei: Wir sind auch verantwortlich für das, was war – und zwar im Namen einer nachhaltigen Entwicklung, im Namen einer Entwicklung mit Zukunft.

Vor 50 Jahren wurde – mit grosser Mehrheit – der Verfassungsartikel zum Natur- und Heimatschutz angenommen.

  • Natur und Kultur.
  • Das Gebaute und das organisch Gewachsene.

Eine verblüffend Sicht der Dinge. Zumal in den frühen sechziger Jahren ein unbändiger Fortschrittsglaube dominierte. Veränderung und Wachstum galten per se als gut. Dass Natur- und Heimatschutz vor diesem geschichtlichen Hintergrund zusammen gedacht wurden, wirkt heute in seiner Ganzheitlichkeit modern. Was damals konservativ erschien, war in Wahrheit avantgardistisch.

Versetzen wir uns kurz in diese Zeit zurück:

  • 1962 war das Jahr, in dem erstmals von der 10-Millionen-Schweiz die Rede war – die Schweiz zählte damals übrigens idyllische 5,5 Millionen. Von Dichtestress keine Spur, darf man rückblickend konstatieren.
  • Angesichts der wachsenden Anzahl von Autos plante man zur Bewältigung der drohenden Verkehrsprobleme Autobahnen, die pro Fahrtrichtung „mindestens (!) vierspurig“ sein sollten.
  • Es war die Zeit, als ernsthaft die Idee besprochen wurde, im Seebecken des Zürichsees eine künstliche Insel von 70‘000 Quadratmeter aufzuschütten. Darauf sollten dann zwei Hochhäuser gebaut werden. Mit 50‘000 Arbeitsplätzen und 17‘000 Parkplätzen.

Aber dieses Planungsfieber der sechziger Jahre wurde begleitet von den Anfängen eines Umwelt- und Geschichtsbewusstseins. Der Wert des Bestehenden, des Überlieferten, der lokalen Umgebung wurde wiederentdeckt.

Aujourd’hui, nous en sommes tous conscients :

  • Pas d’avenir sans passé
  • Pas de durabilité sociétale sans identité historique

Aujourd’hui, la mondialisation nous invite à une réflexion approfondie sur notre « vivre ensemble ».

En ces temps incertains pour cause de crise financière et de la crise de la dette, de montée en puissance de l’Asie ou d’évolution démographique, l’identité s’avère d’autant plus importante.

Ces bouleversements nous touchent particulièrement car notre pays est fortement mondialisé et, quelle ironie, fortement intégré à l’ensemble européen par certains aspects.

  • Comment sommes-nous arrivés là où nous sommes aujourd’hui ? Les questions d’identité sont particulièrement existentielles pour un pays qui se caractérise par sa petite taille et par sa diversité.
  • Quelles sont les valeurs qui font la cohésion de notre société, loin du kitsch et des clichés ? Car si le kitsch et les clichés ont aussi leur place, ils n’engendrent pas moins une distorsion de notre perception des réalités de la vie. Et cette distorsion peut avoir des conséquences politiques peu souhaitables.

Ce serait une grave erreur que de croire que la préservation de notre héritage culturel entrave le développement de notre société. Ce modernisme musclé est heureusement derrière nous.

Car c’est bien le contraire qui prévaut : notre héritage culturel est plutôt un catalyseur de notre développement culturel, sociétal et économique.

La protection du patrimoine considère notre héritage comme une culture « du construit » qui ne cesse toutefois d’évoluer. Ainsi, nombreux sont les bâtiments industriels abandonnés qui deviennent des appartements. Il y a toujours plus de beaux exemples d’urbanisme utilisant le passé pour construire l’avenir, au sens propre comme au sens figuré…

Wir stehen heute an einem Punkt, an dem klar geworden ist: Der Primat des Wirtschaftlichen schafft keine nachhaltigen Lösungen.

Wer die Gesellschaft und ihre kulturelle Befindlichkeit vergisst, tut dies auf eigene Gefahr.

Wer aber das kulturelle Erbe als identitätsstiftend begreift, wird auch den Wert der natürlichen Ressourcen erkennen. Und umgekehrt.

Das ist ganzheitliches Denken. Und in Basel, der Stadt von Erasmus und Burckhardt, drängt es sich auf zu sagen: Das ist humanistisches Denken.

Das ist ein Denken, das die Menschen ins Zentrum rückt statt von ihnen zu abstrahieren.

Was die Gesellschaft stabilisiert, was die Menschen in ihrer Identität stärkt und sicherer macht – all das ist nachhaltige Politik.

Wir müssen deshalb einen intensiven Dialog führen über Natur- und Heimatschutz, bei dem Experten und Bevölkerung gleichermassen involviert sind. Weil das Thema uns alle im Alltag betrifft. Wie momentan beim Raumplanungsgesetz, das ja demnächst zur Abstimmung gelangt.

  • Unser Ziel muss es sein, den Wandel so zu gestalten, dass unsere Identität, unser kulturelles Erbe keinen Schaden nimmt.
  • Unser Ziel muss es sein, als Wirtschaft mit den Stärksten mithalten zu können – ohne die natürlichen Ressourcen zu verschwenden oder die Umwelt zu verschandeln.

Wenn wir diesen Balanceakt auch unter den erschwerten Bedingungen des 21. Jahrhunderts schaffen – dann leisten wir unseren Beitrag zu einer wirklich nachhaltigen Entwicklung.

Nachhaltigkeit in all ihren Facetten ist stets eine Frage der politischen Kultur.

Eine Frage unserer Grundwerte.

Und ein Gradmesser dafür, wie ernst es uns mit diesen Grundwerten wirklich ist.

Vielen Dank.

Source : Conseil fédéral, admin.ch · Document original (PDF)

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