Soleure

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand, en français et en italien. Texte original, non traduit.

Sehr geehrter Botschafter

Sehr geehrte Stadtpräsidentin

Sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger

Liebe Freunde der Literatur

Heute werden die Schweizer Literaturpreise zum 10. Mal vergeben.

In diesem Jahrzehnt hat die Welt den Siegeszug der «social media» erlebt.

Oder erlitten, je nachdem, wie man die Entwicklung einschätzt.

Es war ein Jahrzehnt der informationellen HorizontERWEITERUNG und gleichzeitig der politischen HorizontVERENGUNG.

Ein Jahrzehnt der weltanschaulichen Aufsplitterung.

Vor allem aber war es ein Jahrzehnt der Ablenkung, des knallharten Kampfes um unsere Aufmerksamkeit.

Und so drängt sich natürlich die Frage auf:

Kann die Literatur im Twitter-Zeitalter überhaupt bestehen?

Gut, im Sinne des medialen Darwinismus könnte man natürlich sogar episch lange Bücher problemlos auf das Wesentliche eindampfen…

Wie das ja Theodor Fontane bereits 1897 getan hat, als er seinen grossen Altersroman «Stechlin» folgendermassen zusammenfasste:

«Zum Schluss stirbt ein Alter und zwei Junge heiraten sich.»

48 Zeichen.

Nicht schlecht!

Inzwischen fast zu kurz für Twitter…

Im Ernst: Natürlich wissen wir, wie tiefgründig der Stoff – genauer: der Gesprächsstoff – ist, den das dürftige narrative Gerüst des «Stechlin» transportiert.

Die ganze Welt, sozusagen.

Das Lissaboner Erdbeben von 1755 soll sich ja im Stechlin-See in Brandenburg in Form von Fontänen ausgewirkt haben.

Daraus leitete Fontane eine Art Schmetterlings-Theorie avant la lettre ab:

Nämlich dass alles mit allem verbunden ist.

Und sich das grosse Ganze auch an den abgelegensten Orten der Welt manifestiert.

Und gilt das nicht für jeden guten Roman?

Steckt nicht in ihnen allen das grosse Ganze in kondensierter Form?

Ist der aus der Zeit gefallene Begriff «Dichtung» also nicht vielmehr zeitlos?

Vielleicht ist ja das Buch, das langsamste Medium, schneller als die vermeintlich schnellen?

Vielleicht verbindet uns ja das einsame, also un-soziale Lesen stärker mit der Welt als die sozialen Medien?

Könnte es also sogar sein, dass wir durch die Lektüre langer Texte Zeit gewinnen?

Verblüffender Weise singen seit kurzem ausgerechnet social-media-Ikonen wie der Amerikanerin Emma Chamberlain das hohe Lied auf die Literatur.

Erschöpft und ermattet vom ständig flimmernden In- und Output, hat Chamberlain das gute alte Buch entdeckt!

Und sie bekennt: Sie sei weniger deprimiert, seit sie vermehrt das Handy zur Seite lege und Romane lese!

Vielleicht sollte das Bundesamt für Gesundheit nicht nur 5 Portionen Gemüse und Früchte pro Tag empfehlen, sondern auch noch 5 Romane pro Jahr.

An Chamberlain kommt das BAG allerdings nicht heran.

Sie hat 10 Millionen Follower.

PRIX SUISSES DE LITTÉRATURE : L’ÉLOGE DE LA DIVERSITÉ

Mesdames et Messieurs, En dix ans, les Prix suisses de littérature ont distingué près de septante livres, dont beaucoup ont été traduits dans les autres langues nationales.

Ces œuvres remarquables se démarquent par leur diversité :

œuvres d’auteurs confirmés ou premiers romans, roman ou poésie.

Les Prix suisses de littérature ont acquis une renommée nationale et internationale.

Année après année, ils montrent qu’il est possible d’entretenir un dialogue nourri sur les différents genres littéraires qui font notre pays.

Mesdames et Messieurs, La culture a été fortement impactée par la pandémie.

Dès mars 2020, le Conseil fédéral a décidé de la soutenir et débloqué les aides nécessaires :

les autrices et auteurs, traductrices et traducteurs ont ainsi bénéficié d’aides d’urgence et d’allocations pour les pertes de gains ; les cantons ont pu attribuer des indemnités aux éditeurs ; et les différentes manifestations ont bénéficié du parapluie de protection en cas d’annulation.

La pandémie a parallèlement accéléré l’apparition de nouveaux formats pour accéder à la culture, et notamment à la littérature.

Ces innovations doivent perdurer et compléter les manifestations bien établies, comme les prix littéraires de ce soir.

Meine Damen und Herren

Ich habe von der Vielfalt des hiesigen literarischen Schaffens gesprochen.

Dieses Jahr ist diese Vielfalt besonders ausgeprägt:

Un orizzonte di macerie e tuttavia di speranze, di polveri dietro le quali balugina la luce: è questo lo scenario principale della raccolta di poesie di Yari Bernasconi La casa vuota.

Un premier roman – drôle et fascinant –, une étude sur un thème peu abordé en littérature: un oncle. D’oncle von Rebecca Gisler.

Ein satirisches Porträt Rumäniens, wo man auf Geister trifft und die Politiker an Dracula erinnern. Die nicht sterben von Dana Grigocea.

Wer ist dieser Besucher, dieser Fremde, der im Alltag der Erzählerin Platz nimmt? Ein Debütroman von Ariane Koch, Die Aufdringlichkeit.

Eine Reise in die Abgründe einer Familie, deren Geschichte sich auf tragikomische Weise mit der deutschen Geschichte kreuzt. Eurotrash von Christian Kracht.

32 récits mordants, comme autant de dents, c’est l’Émail Diamant de Fabienne Radi.

tout tient tout d’Isabelle Sbrissa est une émancipation du carcan classique de la poésie, une remise en question de la langue et de l’écriture, une observation de la nature.

Grazie a Maurizia Balmelli, vincitrice del Premio speciale di traduzione, opere letterarie scritte in inglese e francese sono accessibili al pubblico di lingua italiana.

Und schliesslich Reto Hänny mit seinem Gesamtwerk, wo das Poetische und das Politische bis zur Kenntlichkeit verschwimmt.

Wobei ich betonen möchte:

Sein Buch «Am Boden des Kopfes. Verwirrungen eines Mitteleuropäers in Mitteleuropa» ist kein Buch über die bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU…

Meine Damen und Herren

Wie heisst es doch in Fontanes «Stechlin»:

«Alles still hier».

Ja, an der Oberfläche des Sees schon.

Bis man hineintaucht.

Alles still hier.

Ja, an der Oberfläche unseres Lebens schon.

Bis man zu lesen beginnt.

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