Interlaken

Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Damen und Herren National- und Ständeräte
Sehr geehrte Botschafterinnen und Botschafter
Meine Damen und Herren

Wir sind über alles informiert – aber wir fühlen uns zunehmend orientierungslos.

Das hat politische und wirtschaftliche Kosten: Wer sich von der Nervosität anstecken lässt, neigt dazu, überhastet zu entscheiden. Aber wer ruhig bleibt, läuft Gefahr, als undynamisch kritisiert zu werden.

Diesem zunehmend gehetzten Zeitgeist wurde hier in Interlaken in den letzten 25 Jahren etwas wirklich Konstruktives entgegengesetzt – und das wird in den kommenden Jahren noch relevanter werden: Das SEF ist ein unverzichtbares Forum der Reflexion, der direkten Begegnung, des respektvollen Austauschs auf Augenhöhe. Kurz: Ein Mikrokosmos der abwägenden Unaufgeregtheit.

Deshalb ist die NZZ natürlich auch die richtige Besitzerin des SEF. Sie war sich der Gefahren der Beschleunigung schon früh bewusst. SEHR früh… In ihrer ersten Ausgabe vom 12. Januar 1780 stand auf der Frontseite zu lesen, ich zitiere: „Es wird uns nicht möglich sein, die Weltbegebenheiten früher anzuzeigen, als sie geschehen sind.“ Ende Zitat.

Das ist eine Haltung, die der Bundesrat ausdrücklich begrüsst. Diese programmatische Gelassenheit bewegt sich ja auch sehr nahe an der obersten Maxime von Bundesbern: «nume nid gschprängt».

Meine Damen und Herren

Die Welt hat sich im letzten Viertel-jahrhundert nicht nur ungeheuer beschleunigt – sie ist auch viel unübersichtlicher geworden.

Heute sind die autoritären Staaten auf dem Vormarsch, die Demokratien schwächeln mancherorts. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine herrscht wieder Krieg in Europa. Und die liberale Nachkriegsordnung mit Multilateralismus und Freihandel droht zu erodieren – oder sich zumindest zu fragmentieren.

Wahrscheinlich hätte man die weltpolitische Realität von heute in den neunziger Jahren kurzerhand als Dystopie gewertet.

Meine Damen und Herren

Die Beschleunigung und geopolitische Verunsicherung sind eine gewaltige Herausforderung – gerade für die Stabilitäts-verwöhnte Schweiz.

Beides zwingt uns dazu, uns wieder stärker zu überlegen, was wesentlich ist und was nicht. Was zu den unverzichtbaren Erfolgsfaktoren der Schweiz zählt, was auf den Prüfstand muss und was sich überholt hat.

Auf globaler Ebene ist die Positionierung der Schweiz klar. Gerade, weil wir uns an einem Kipp-punkt befinden. Die «rule of law» im internationalen System droht zu erodieren.

Als eher kleines, aber weltoffenes Land kennen wir den eminenten Wert einer funktionierenden internationalen Rechtsordnung. Sie sorgt für Stabilität und entspricht den Werten der Schweiz, wie sie in unserer Verfassung definiert sind.

In diesem Kontext kommt der Schweiz, als Verfechterin des Völkerrechts und des Multilateralismus, eine neue Bedeutung zu.

Auch wirtschaftlich haben wir allen Grund, die internationale Ordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, zu verteidigen. Sie hat der Schweiz Wohlstand und Sicherheit gebracht. Nationalismus und Protektionismus hingegen werden am Schluss alle unsicherer machen. Und zudem ärmer, auch uns.

Meine Damen und Herren

Auch innenpolitisch sollten wir die Verunsicherung zum Anlass nehmen, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren: Nämlich darauf, das Vertrauen zwischen Wirtschaft und Politik wieder zu stärken. Denn die gesellschaftliche und politische Stabilität, die ja auf diesem gegenseitigen Vertrauen beruht, ist unsere grösste Stärke. Von der ja auch die Schweizer Unternehmen stark profitieren. Und in ganz besonders hohem Masse die Schweizer Banken.

Im den letzten Jahrzenten – vor allem aber nach der Finanzkrise von 2008 – haben sich Wirtschaft und Gesellschaft zunehmend voneinander entfremdet. Vertrauen ging verloren und wurde allzu oft durch eine Kultur des reflexartigen Grundverdachts abgelöst.

Wie lässt sich dieses Vertrauen zwischen Politik und Wirtschaft wieder stärken?

Indem wir uns wieder stärker unserer jeweiligen Rollen bewusstwerden.

Ganz so, wie es der grosse Adam Smith postulierte.

Auch Adam Smith feiert übrigens dieses Jahr Geburtstag – seinen 300!

Sie denken vielleicht: Ausgerechnet Adam Smith! Die Gallionsfigur des freien Marktes, der Urahn des Neoliberalismus, der gnadenlose Kritiker staatlicher Intervention!

Ja, Adam Smith.

Er hat «Origins of the Wealth of Nations» verfasst – weltberühmt. Aber auch das weit weniger bekannte, erste Buch: «The Theory of Moral Sentiments».

«Wealth of Nations» gilt heute als Lobrede auf den Eigennutz, während «Theory of Moral Sentiments» als etwas seltsames Kontrastprogramm verstanden wird: Denn hier plädiert Smith für Altruismus, Solidarität, Zusammenarbeit, Empathie.

Aber tatsächlich ist es derselbe Adam Smith, der diese scheinbar so andersartigen Bücher verfasste: Denn in beiden Werken plädiert Smith für das Gemeinwohl – das gesellschaftliche UND das wirtschaftliche. Für gesellschaftliche Normen, die das gegenseitige Vertrauen der Menschen stärken und Institutionen hervorbringen, die ihrerseits diese Normen aufrechterhalten.

Und falls das Vertrauen zwischen den Akteuren erodiert, braucht es eben auch den Staat, damit Märkte sich fair und frei entfalten können zugunsten der Menschen. Das ist hoch aktuell. Denken wir nur an die Quasi-Monopole von Big Tech. Denken wir an die Macht des Lobbyismus, der meist nicht das wirtschaftliche Gemeinwohl im Blick hat, zum Beispiel im Gesundheitswesen. Oder an die politischen Verwerfungen und den Vertrauensverlust durch die wachsende Ungleichheit.

Für Adam Smith, der ja nicht nur Ökonom, sondern auch politischer Philosoph und Psychologe war, stand fest: Bedingung für eine erfolgreiche Wirtschaft ist, dass es allen einigermassen gut geht.

Ich zitiere aus «Wealth of Nations»: «Keine Gesellschaft kann blühend und glücklich sein, in der der weitaus grösste Teil der Mitglieder arm und elend ist.»

Und weiter: «Ausserdem ist es nur gerecht, dass diejenigen, die das ganze Volk ernähren, kleiden und beherbergen, einen solchen Anteil am Ertrag ihrer eigenen Arbeit haben sollten, dass sie selbst einigermassen gut ernährt, gekleidet und untergebracht sind.»

Ich wiederhole: «einigermassen gut ernährt, gekleidet und untergebracht» – soviel zur angemessenen Ungleichheit bei Adam Smith.

Meine Damen und Herren

Ich bin sicher: Adam Smith wäre gern ans SEF gekommen.

Denn er debattierte leidenschaftlich. Er war getrieben vom Willen, stets dazuzulernen – und seine Theorien an den realen Verhältnissen zu testen und weiterzuentwickeln.

In Interlaken werden die – häufig künstlichen – Grenzen der Branchen, der Wissensgebiete, der biographischen Hintergründe überwunden.

Adam Smith war bekanntlich auch ein grosser Bewunderer echten Mehrwerts für die Konsumentinnen und Konsumenten, wie ihn die Schweizer KMU erfolgreich schaffen.

Und am SEF lässt sich seit einem Vierteljahrhundert erleben, was die Schweiz zu einem wirtschaftlich hoch erfolgreichen Land macht: Eine Kultur des Dialogs, die Argumente höher gewichtet als deren Absender. Ein «mind-set», der sich nicht mit Halbherzigem zufriedengibt, sondern stets weiterkommen, sich stets verbessern will; der dieses Streben nach Perfektion jedoch mit der nötigen Dosis Pragmatismus zu kombinieren weiss.

Die Schweizer Unternehmen wollen stets von den Besten lernen – ob diese nun aus dem Nachbarkanton stammen oder vom anderen Ende der Welt.

Deshalb steht unser Land bei der Innovation ebenso an der Weltspitze wie bei der Wettbewerbsfähigkeit.

Meine Damen und Herren

Das Swiss Economic Forum feiert seinen 25. Geburtstag.

Es leistet seit 25 Jahren einen wichtigen Beitrag zu einer erfolgreichen Schweiz.

Herzlichen Dank und herzliche Gratulation!

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