Aegerten
Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Geschätzte Frau Gemeindepräsidentin
Liebe Aegerterinnen und Aegerter
Meine Damen und Herren
Wenn ich mal in Aegerten gewesen bin, höre ich auf. Auf dem Höhepunkt. Das habe ich schon bei meiner Wahl gesagt. Oder so ähnlich.
Tatsache ist: Kaum war die Zusage für heute Abend gemacht, habe ich angekündigt, dass ich Ende Jahr aufhöre. Und: Ich freue mich, hier zu sein. Oder besser: Je me réjouis d’être ici!
«Bundespräsident Berset spricht dreimal in der Romandie», hat der Tages-Anzeiger im Vorfeld geschrieben. Lausanne, Domdidier – Aegerten.
Und ich habe eine deutsche Rede vorbereitet… Ich hoffe, dass es ein paar Deutschsprachige hat, die übersetzen können.
Herzlichen Dank für die Einladung, liebi Aegerterinne auch liebi Aegerter. Sie sehen, ich habe geübt. Nach 12 Jahren kann ich sogar «chli Bärndütsch».
Aegerten – das tönt sogar hochdeutsch nach Dialekt! Vielleicht sind Sie doch keine Romands…
Aber ein Ort ohne National-, Stände-, Regierungs-, Gross- oder Bundesräte – da wollte ich hin! Da denken die Leute noch selber. Und ich kann dann meine Wurst essen.
Und – ich gebe es zu – habe natürlich auch gehört, dass hier im «Goldhubel» ein Goldschatz versteckt sein soll. Erinnert mich an den Bundesplatz. Vielleicht können wir Moitié-Moitié machen: Die Hälfte in Ihre Gemeindekasse und die Hälfte für die AHV.
Meine Damen und Herren,
Es gibt keinen schöneren Beruf als der des Bundesrats.
Aber ganz ehrlich: Es gibt auch ein paar Dinge, die ich nicht vermissen werde. Die Medienkonferenz zu den Prämien, zum Beispiel. Oder während der Session die Frühstückssitzungen mit den Parteien um 7 Uhr morgens.
Oder wenn man vor der Bundesratssitzung das Handy einschliessen muss. Und es vier Stunden später wieder hervorholt – mit 100 verpassten Nachrichten.
Nicht auf die Liste der Quälereien gehören 1. August-Reden.
21 Reden zum 1. August habe ich in den letzten 11 Jahren gehalten.
Nun kommen die Reden 22 – heute –, 23 – morgen in Domdidier – und 24 – morgen in Lausanne – dazu.
Ich war in Middes, Altdorf, Rümlang, Stansstad, Sursee, La Chaux-de-Fonds, Lindau, Sierre, im Landesmuseum, auf dem Julier, in Rorschach, Lausanne, Belfaux, in Euschels – dort habe ich 2018 die Urkunde für den 9er-Club signiert –, auf dem Rütli, in Yverdon, Bellinzona, Gruyères, Luzern, Stein am Rhein und Vully. Und in Aegerten.
Und weil es das letzte Mal ist, dass ich als Bundesrat eine 1. August-Rede halten kann, werde ich Reden der vergangenen 11 Jahre in den nächsten acht Stunden alle nochmals halten – am Stück. Und nein, es war nicht immer dieselbe Rede.
Ich hoffe, Sie haben alle ein Bier. Ohne Alkohol, empfiehlt der Gesundheitsminister. Gerne auch mit, findet der Kulturminister.
Im Ernst: ich halte gerne 1. August-Reden. Weil ich die Schweiz mag. Weil ich überzeugt bin von ihren Stärken und dass wir die Schweiz noch erfolgreicher, gerechter und besser machen können. Weil ich Optimist bin. Trotz allem.
Meine Damen und Herren
Wir feiern in diesem Jahr den 175. Geburtstag unseres Bundesstaates.
Ein Dokument des Optimismus, des Selbstbewusstseins, der Zukunftsfreudigkeit. Ein Dokument, das aus der Schweiz erst das gemacht hat, was wir mögen und feiern. Ein Ort, an dem es sich gut leben lässt. Demokratie, Heimat.
Sie fragen sich vielleicht: Was haben wir mit der Bundesverfassung zu tun? Die Bundesverfassung und der moderne Bundesstaat haben der Juragewässerkorrektion den Weg bereitet – und damit auch Aegerten aus dem Sumpf gezogen.
Ja, früher kam das Wasser. Heute die Welschen. Die Romandie breitet sich aus. Vielleicht müsste man mal über eine Röstigraben-Korrektion nachdenken?
Aber zurück zur Juragewässerkorrektion: Ein Jahrhundertwerk, das dazu beigetragen hat, den jungen Bundesstaat zu legitimieren. Auch und gerade in den Augen derer, die die Veränderung damals kritisch beäugten.
Etwas ändern, etwas wagen. Grosse Würfe, zusammen weiterkommen – diesen Geist von damals brauchen wir wieder. Der Zeitgeist von heute ist eher geprägt von Verunsicherung.
Natürlich, dafür gibt es – leider – gute Gründe: In Europa herrscht Krieg. Wieder. Und ein Ende ist nicht absehbar.
Dazu kommen weitere Krisen.
Die Klimakrise. Die steigenden Preise, die steigenden Kosten für die Gesundheit, den Strom, die zunehmende Ungleichheit in vielen Ländern.
Wir dürfen angesichts der vielen Krisen nicht den Mut verlieren.
Meine Damen und Herren
Hier kommt wieder unsere Verfassung ins Spiel. Denn auch sie entstand in einer schwierigen Zeit, nach einem Kulturkampf. Ja, nach einem Bürgerkrieg. Und trotzdem bewiesen die Verfassungsväter – es waren alle Männer – Mut und Zuversicht.
Trotzdem vertraten sie unbeirrt die Überzeugung, dass wir unser Schicksal selber bestimmen können. Dass der Staat als Verbund alle stärker macht.
Sicher: Die Verfassung von 1848 hatte noch grosse Lücken. Frauen waren ausgeschlossen, ebenso Menschen am Rand der Gesellschaft. Aber sie legte die Basis für eine erfolgreiche Schweiz.
Meine Damen und Herren
Die entscheidenden Fragen von heute sind dieselben 1848: Was ist die Schweiz? Was kann sie sein? Was soll sie sein? Die Verunsicherung der Gegenwart kann uns im Beantworten dieser Fragen auch wieder kreativer machen.
Noch wichtiger, als was die Schweiz ist, ist die Frage, was sie sein könnte. Sie bietet uns viele Möglichkeiten, die wir oft nur zaghaft nutzen. Das muss und kann sich wieder ändern.
Wenn wir die Chancen höher gewichten als die Risiken. Das ist kein Plädoyer für Naivität – im Gegenteil: Realistisch sind wir, wenn wir die Gefahr erkennen, dass zu viel Angst die Probleme noch vergrössert.
Engagieren wir uns also für eine reformfreudige Schweiz – denn Reformen stärken uns.
Engagieren wir uns für eine anpackende Schweiz. Die den «service public» für das digitale Zeitalter neu erfindet, eine Aufgabe, die dem Bau der Eisenbahn im jungen Bundesstaat gleicht. Oder eben der Juragewässerkorrektion.
Engagieren wir uns für sichere Renten, von denen alle würdig leben können.
Engagieren wir uns dafür, dass die jungen Menschen in diesem Land gute Perspektiven haben.
Engagieren wir uns für Gleichberechtigung. Für unsere universellen Grundrechte, die für alle gelten.
Setzen wir uns ein für eine starke Schweiz, die das kreative und wirtschaftliche Potenzial der Frauen ausschöpft.
Und arbeiten wir für eine Schweiz, die ihre Mehrsprachigkeit als Chance begreift. Und nicht als lästige Bürgerpflicht. Seien Sie tolerant gegenüber den Deutschschweizern!
Engagieren wir uns für eine Schweiz, die das Potenzial unserer politischen Kultur ausschöpft und alle einbezieht.
Kompromiss, Ausgewogenheit, Verhältnismässigkeit: Die oft verlachten Schweizer Tugenden sind nicht einfach der Weg des geringsten Widerstandes oder ein Zeichen der Schwäche – vielmehr finden wir auf diesem Weg immer wieder Lösungen, mit denen alle gut leben können.
Eine politische Kultur, die in Aegerten und anderswo gelebt und gepflegt wird. Dazu müssen wir Sorge tragen.
Meine Damen und Herren
Was ist uns wirklich wichtig? Entscheidend ist, dass wir diese Frage miteinander klären.
Setzen wir also auf unsere grösste Stärke: Auf eine offene, demokratische und anständige Debatte, an der alle teilnehmen können. Auf unsere politische Kultur, in der Gegner keine Feinde sind, sondern Bürgerinnen und Bürger, die die Dinge anders sehen mögen, die sich aber für das genau Gleiche einsetzen wie wir selber: Für eine erfolgreiche, faire, zukunftsfähige Schweiz.
Im November finden vielerorts Gemeindewahlen statt, auch hier in Aegerten. Der Andrang auf die Sitze im Gemeinderat soll sich in Grenzen halten – wie in vielen Gemeinden.
Bei meinem Job im Bundesrat dürfte es doch ein paar Interessenten geben.
Ich ermutige Sie alle: Bringen Sie sich ein! Nutzen Sie die Chancen, die unsere Verfassung uns gibt. Machen Sie nicht die Faust im Sack, sondern machen Sie mit.
Nein, Sie werden nicht immer gewinnen. Das ist auch im Bundesrat so. Aber es versuchen, sich einbringen können, ist an sich ein Gewinn.
Es braucht Geduld, Hartnäckigkeit und eine gewisse Frustrationstoleranz. Das weiss ich als Bundesrat, als Sozialdemokrat.
Unsere Feinde sind nicht diejenigen mit anderen Meinungen – sondern Gleichgültigkeit und Resignation.
Vielleicht ist das die Chance der allgemeinen Verunsicherung: Dass wir uns wieder stärker bewusstwerden, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind.
Die Juragewässerkorrektion hat es gezeigt: Aus dem Sumpf ziehen könne wir uns nur gemeinsam. Mit einer starken Schweiz.
Unser Land braucht Menschen, die sich engagieren. Im Grossen und im Kleinen. Menschen wie den 9-er Club, der diese Bundesfeier seit 35 Jahren organisiert. Also fast seit der Gründung des Bundesstaates.
Herzlichen Dank für 35 Gelegenheiten, über uns und unsere Schweiz nachzudenken!
Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Nationalfeier. Und viel Mut und Zuversicht.
Oder, wie man in Aegerten sur l’Aar sagt: Je vous souhaite à toutes et à tous un magnifique 1er août !