Zurich

Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Frau Direktorin
Meine Damen und Herren

Pour commencer, une réflexion welsche.

Albert Camus a dit un jour :
« Ma patrie, c’est la langue française. »

En 1957, dans son discours de réception du Prix Nobel de littérature, Albert Camus avait rendu hommage à son instituteur qui lui avait transmis l’amour de la langue française.

Et il faut savoir que cet instituteur s’appelait Monsieur Germain.

L’amour du français transmis par un Germain francophone, je vois là un paradoxe linguistique, quasi helvétique.

On se demande donc si Camus n’était pas un petit peu Suisse.

Comme « Ministre » de la culture, j’aime en tous cas l’idée d’un patriotisme lié non pas à la nationalité, mais à la langue.

Car cette idée nous permet enfin de comprendre pourquoi l’attachement des Suisses à leur équipe nationale de football est quatre fois plus élevé qu’ailleurs.

Meine Damen und Herren

Wer sich mit dem Thema Mehrsprachigkeit in der Schweiz befasst, kommt schnell ins Grübeln.

Wieso gibt es zum Beispiel in der Deutschschweiz das Wort «Früh-Französisch» – aber in der Romandie und im Tessin kein «Früh-Deutsch»?

Liegt es vielleicht daran, dass Deutsch so schwierig ist, dass man es als Fremdsprache sowieso nie richtig lernen wird – dass man also für immer auf einer frühen sprachlichen Stufe steckenbleibt?

Mark Twain schätzte einst, wie lange eine sprachlich begabte Person für das Erlernen einer Sprache braucht:
Für Englisch: 30 Stunden.
Für Französisch: 30 Tage.
Und für Deutsch: 30 Jahre.

Wenn man Deutsch nicht vereinfache, warnte Twain, werde es unweigerlich zur toten Sprache werden – denn nur die Toten hätten genug Zeit, sie zu lernen…

Aber auch Deutschsprechende müssen kämpfen, wenn sie ihrerseits romanische Sprachen lernen.

Das Italienische hat kompliziertere Konjugationsmuster als das Deutsch, mehr Verbzeiten, kombinierte Präpositionen.

Che peccato!

La vraie difficulté dans la langue italienne, c’est la conjugaison des mains – très importante – qui implique l’apprentissage et la maîtrise de la déclinaison des doigts.

Und auch Französisch-Lernende müssen formidable Hürden überspringen, zum Beispiel den subjonctif passé:

« Bien qu’il ait atteint l’âge de la retraite, il continue à travailler. »

Sie haben es wahrscheinlich gemerkt: Das war eine Schleichwerbung für die finanzielle Entlastung des Rentensystems.

Oder, in der deutschen Amtssprache: Das war ein Rentensystementlastungsanregungsversuch.

Sie sehen: Wir alle haben es schwer.

Aber auf die Vertreterinnen und Vertreter der lateinischen Schweiz wartet noch eine ganz besondere Überraschung nach dem jahrelangem Deutsch-Unterricht:

Wir verstehen dann nämlich immer noch kein Wort, wenn sich zwei Deutschschweizer unterhalten.

Und wir lesen zerknirscht, dass Friedrich Dürrenmatt das Hochdeutsche als «Fremdsprache» bezeichnete.

Und auch Max Frisch es für eine, ich zitiere: «Halb-Fremdsprache» hielt.

Dann hätte ja wohl auch die Hälfte der Deutschstunden ausgereicht…

Und ausserdem hätten wir all die Jahre gar nicht Früh-Deutsch lernen sollen – sondern Hoch-Alemmanisch…

Bref, tout ça pour dire qu’en Suisse, on a parfois l’impression de parler l’allemand de Molière, le français de Dante et l’italien de Goethe.

Meine Damen und Herren

Wie gesagt: Das Thema Mehrsprachigkeit bringt uns ins Grübeln.

Während Deutschschweiz und Romandie mit Verve ihre Sprach-Debatten pflegen, lernen das Tessin und die rätoromanische Schweiz ohne grosse Verrenkungen drei Landessprachen.

Sind sie sprachbegabter?
Sind sie von grösserem staatspolitischem Bewusstsein beseelt?

Wahrscheinlich nicht.

Aber sie wissen, dass das Erlernen einer zweiten oder gar dritten Landessprache wirklich etwas bringt für ihr Leben.

Und das ist ein wertvoller Hinweis für uns alle.

Damit wir die Mehrsprachigkeit nicht als Bürde und Hürde sehen – sondern als Privileg und Chance.

Mesdames et Messieurs,

Nous célébrons cette année les 175 ans de la Constitution et le bien le plus précieux dont nous disposons :
un système politique qui garantit un équilibre raffiné entre les différents intérêts et identités présents dans notre pays,
un pays qui est devenu, grâce à cette construction culturelle plutôt étrange, le plus stable du monde.

Mais pour que la Suisse fonctionne, la machine – nos institutions – a besoin du logiciel – nos langues.

Sans logiciel, pas de compréhension ni d’entente possible.

La langue ne peut pas être réduite à un idiome. Car elle est bien plus que cela : elle est l’expression de notre état d’esprit, de notre mentalité, de nos valeurs.

Alle Akteure, sei es in der Politik, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, im Bildungssystem müssen – oder eben: dürfen – ihren Teil leisten.

Die Balance zwischen den Landessprachen ist entscheidend für den Zusammenhalt des Landes. Immer wieder im Laufe unserer Geschichte – auch unserer jüngsten Geschichte – gab es Phasen, wo diese Balance zu kippen drohte.

So zuletzt 2016 bei der Auseinandersetzung um den Französisch-Unterricht in der Primarschule im Kanton Thurgau.

Gewiss: Die Schulen sind Kantonssache.

Aber Föderalismus heisst eben gerade nicht: Jeder macht auf seinem Gebiet, was er will, egal, was dies für die Schweiz bedeutet. Jeder Kanton ist ein un-verzichtbarer Teil des Ganzen. Und deshalb trägt jeder Kanton auch Verantwortung für das ganze Land.

Meine Damen und Herren

Unsere Mehrsprachigkeit verschafft uns eine multiperspektivische Sicht auf Europa, auf die Welt.

Die Schweiz ist weit mehr als ein viersprachiges Land: Sie ist ein vielsprachiges Land. Über 20 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner sprechen eine andere als die offiziellen Landessprachen – das sind so viele, wie es Französischsprachige gibt.

Diese sprachliche Vielfalt stärkt die Schweiz im Innern: Wir befruchten uns gegenseitig – über die Sprachgrenzen hinweg – mit Ideen und Innovationen aus den drei grossen Kulturräumen Kontinentaleuropas.

Mehrsprachigkeit ist auch ein Wettbewerbsvorteil in der heutigen Welt.

Rund 250 Millionen Menschen in Europa sprechen eine unserer Landessprachen.

Was für ein kreatives und wirtschaftliches Potenzial, von dem wir noch stärker profitieren könnten.

So viele Vorteile – und trotzdem harzt es ein wenig.

Trotzdem haben wir eine Neigung, aneinander vorbei zu leben.

Wieso nur?

Vielleicht müssen wir unsere Sprachen einfach etwas vereinfachen, wie sich das Mark Twain für das Deutsche wünschte: Also den Dativ gänzlich abschaffen und die Verben deutlich weiter vorne platzieren, damit man nicht erst ganz am Schluss des Satzes begreift, worum es eigentlich geht.

Diese Vorschläge scheinen mir sehr vernünftig.

Im Gegenzug können wir Frankophonen ja künftig auf das subjonctif passé verzichten…

Nur in einem Punkt kann ich Mark Twain nicht folgen. Er plädierte nämlich auch dafür, die in seinen Augen völlig sinnlosen Satz-Enden abzuschaffen, damit deutsche Sätze künftig nicht mehr aufhören mit «haben sind gewesen gehabt geworden sein.»

Das fände ich schade.

Ich habe diese ausufernden Satz-Enden lieben gelernt.

Und es scheint mir, dass ohne diese wertvolle grammatikalische Eigenart das Deutsche nicht mehr die Sprache wäre, die wir heute kennen und schätzen müssen werden gewesen sein würden könnten.

Vielen Dank.

Icônes : Icons8