Zurich
Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Sehr geehrte Stadtpräsidentin
Sehr geehrter Festivaldirektor
Meine Damen und Herren
Meine Damen und Herren
2023 ist ein seltsames Film-Jahr.
Harrison Ford ist jetzt wieder 30.
Tom Cruise ist sogar wieder 25.
Und dieser Trend greift um sich:
Auch ich als Amtsältester werde den Bundesrat Ende Jahr als Jüngster verlassen…
Meine Damen und Herren
Diese allgemeine Verjüngung ist eine grosse Chance – aber auch ein Problem.
Tom Hanks hat das in einem Interview deutlich gemacht, als er sagte, er könne nun weit über seine Lebenszeit hinaus arbeiten. Ich zitiere: «Ich könnte morgen von einem Bus überfahren werden, aber weiterhin in Filmen auftreten – für immer und ewig.» Ende Zitat.
Wenn ich daran denke, wie viele Rollen Tom Hanks nur schon in Forrest Gump abdeckt: Kriegs-Held, Anti-Kriegs-Held, Tischtennis-Weltmeister, Crevetten-Industrieller, Football-Profi, Philanthrop, Start-up-Investor und Multimilliardär.
Angesichts der Breite seines schauspielerischen Spektrums fragt man sich, ob es in Hollywood künftig neben Tom Hanks überhaupt noch einen zweiten Schauspieler braucht. Dead or alive.
Deshalb sind wir alle froh, dass der Streik in Hollywood offenbar erfolgreich verläuft.
Es geht um Löhne und um Rechte.
Und das nicht nur in der Filmindustrie.
Die Künstliche Intelligenz konfrontiert viele Branchen mit fundamentalen Herausforderungen – nicht zuletzt die kreativen Industrien. Es braucht künftig intelligente Regulierungen, die geistiges Eigentum wirksam schützen – und so für anständige Branchen-Löhne sorgen.
Denn Filme sind ein Werk von vielen. Man sieht nicht immer alle Leute, die in einen Film involviert sind, auf dem roten Teppich, oder auf dem grünen hier in Zürich. Das war keine Wahlempfehlung für den Oktober… Ich bin einfach nicht farbenblind.
Ja, meine Damen und Herren
2023 ist wirklich ein seltsames Jahr.
Ein seltsames Phänomen überragt in diesem seltsamen Jahr aber alle andern. Barbenheimer. Halb ausgelassene, selbstreferenzielle Komödie. Halb apokalyptisches Melodrama.
Unterschiedlicher waren zwei Filme nicht mehr seit… nun, seit: «Achtung, fertig, Vitus!»
Ja, meine Damen und Herren
Barbenheimer ist weit mehr als geschicktes Marketing, auch wenn es das natürlich auch ist.
Nein, dieses filmische Doppelpack trifft den Zeitgeist unheimlich präzis. Trotz der gefährlichen geopolitischen Situation führen wir die Debatten um Identität und Gleichberechtigung, um menschliche Würde und gesellschaftliche Teilhabe fort – unbeirrt und – zumindest manchmal – sogar humorvoll.
Vor allem aber zeigt Barbenheimer die ungebrochene Kraft des Kinos als Ort des gemeinsamen, des geteilten Erlebens.
Denn was machen wir im Kinosaal? Wir fürchten uns zusammen und wir lachen zusammen, wir sind gemeinsam berührt, erschüttert oder verzaubert.
Und wir denken gemeinsam.
Meine Damen und Herren
Das gemeinsame Erleben: Das ist mehr als Nostalgie – das ist ein gesellschaftliches Grundbedürfnis, das der Kino-Film auch heute noch zu befriedigen vermag. Indem sich Fremde verbunden fühlen – und sei es auch nur für eine kurze Zeit – entsteht erst Gesellschaft.
Das Zurich Film Festival ermöglicht dieses gemeinsame Erleben, Erfahren, Nachdenken seit nunmehr 19 Jahren.
Das ZFF bewegt sich seit jeher an der Schnittstelle zwischen Emotionen und Reflexionen, wo blosse Meinungen verblassen und Erkenntnis wächst.
So auch im diesjährigen Eröffnungsfilm, Dream Scenario. Einer Komödie, genauer: einer „horror comedy“ – der Geist von Barbenheimer weht auch in Zürich – einer „horror comedy“ also über den Personenkult und die Cancel Culture. In der Hauptrolle Nicholas Cage, der als Einziger weit und breit nicht jünger aussieht, als er ist, sondern älter… Was auch wieder etwas seltsam ist…
Meine Damen und Herren
Das Zurich Film Festival hat Zukunft – und es schafft Zukunft.
Seit der Pandemie haben es die Kinos bekanntlich nicht leicht gehabt. Viele litten und leiden unter finanziellen Schwierigkeiten.
Umso kraftvoller das Signal, dass das Kino des früheren Kulturhauses Kosmos vom ZFF künftig unter dem Namen „Frame“ weitergeführt wird. Eröffnet wird Frame mit der Premiere von Early Birds, der ersten schweizerischen Koproduktion von Netflix.
Dieses Jahr sind am ZFF nicht weniger als 52 Welt- und Europapremieren zu sehen.
So viele wie noch nie.
Was ist die überzeugendste Antwort auf die Krise des Kinos?
ChatGPT nennt eine lange Liste: Mehr Komfort, stärkere Diversifikation, gezieltere Werbe- und Marketingstrategien und so weiter und so fort.
Die künstliche Intelligenz hat, wie immer, sämtliche Antworten.
Ausser der wichtigsten.
Was ist die überzeugendste Antwort auf die Krise des Kinos?
Gute Filme.