Berne
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Sehr geehrter Bundespräsident, lieber Frank
Sehr geehrte Frau Büdenbender
Liebe Bundesratskolleginnen und -kollegen
Meine Damen und Herren
Der amerikanische Historiker Jonathan Steinberg schrieb 1996 – und daran hat sich seither nichts geändert: „Das Merkwürdigste an der Schweiz ist, wie wenig das Ausland von ihr weiss.“
Und was noch merkwürdiger ist: Auch ich als Bundespräsident durchschaue die Schweiz nicht immer wirklich…
Charles de Gaulle rief über Frankreich einst verzweifelt aus: „Wie kann man nur ein Land mit 246 verschiedenen Käsesorten regieren?“ Nun, die Schweiz hat 450 Käsesorten…
Zum Glück sind wir sieben Bundesrätinnen und Bundesräte aus vier verschiedenen Parteien. Aber Sie kennen sich ja inzwischen auch aus mit Grossen Koalitionen – wenn auch Ihre GroKo bei uns eine Staatskrise auslösen würde, weil sie für die Schweiz viel zu klein wäre…
Lieber Frank,
Da wir in der Schweiz so eng mit den grossen europäischen Kulturräumen verbunden sind, registrieren wir auch sehr genau, wie sich Europa entwickelt. Und welche Rolle Deutschland heute international spielt.
Deutschland hat seit der Wiedervereinigung einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt.
Es betreibt heute eine Politik, die von einem starken Sinn für globale Verantwortung geprägt ist. Eine Politik, die dringend notwendig ist in einer Zeit, in der offene Handelsbeziehungen und internationale Zusammenarbeit zunehmend in Frage gestellt werden – und damit die liberale internationale Ordnung, von der auch die Schweiz seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in so hohem Masse profitiert hat. Eine Ordnung, die auf Grundwerten wie Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Sicherheit und Frieden beruht. Werte, für die beide unsere Länder stehen.
Es braucht auch weiterhin ein Gleichgewicht zwischen Souveränität und Kooperation zwischen Staaten. Die Bundesrepublik verkörpert geradezu das Bewusstsein, dass gute Lösungen oft nur gemeinsam gefunden werden können. Deutschland beweist in dieser volatilen Welt, in der so manche Grundwerte plötzlich ins Rutschen geraten, Konstanz, Berechenbarkeit und Verlässlichkeit.
Das sind auch Schweizer Tugenden – was zeigt: Die Welt ist kein Nullsummenspiel. Sondern es ist durchaus möglich, die eigenen Interessen wahrzunehmen und im Anderen trotzdem den Partner zu sehen.
Lieber Frank, nicht nur unser Nationalmythos ist mit Schiller von einem deutschen Dichter dargestellt worden.
Nein, auch eine der schärfsten Diagnosen der Schweizer Mentalität stammt von einem Deutschen.
Von einem Deiner Lieblingsautoren, von Thomas Mann, der ja lange Jahre in der Schweiz gelebt hat – und dessen Grab in Kilchberg wir morgen zusammen besuchen. Ich freue mich darauf. Ich war auch noch nie dort.
Thomas Mann war ein begnadeter Beobachter. Er sagte im Schauspielhaus Zürich vor seiner Weiterreise ins amerikanische Exil: «Ich glaube etwas verstehen gelernt zu haben von dieser schweizerischen Menschlichkeit, von ihrer Wackerkeit und Zartheit, ihrer Wärme und Sprödigkeit, ihrem Frohsinn und ihren seelischen Schwierigkeiten, ihrem Stolz und ihrem Misstrauen (…).»
Da kann ich nur sagen: Grosse Kunst! Denn hier werden sämtliche vorgefasste Meinungen pulverisiert – auch jene, die wir Schweizer über uns selber kultivieren.
Darüber müssen wir jetzt länger reden… Essen können wir ja ein andermal…
Nein, keine Angst: Ich will ja nicht unsere exzellenten Beziehungen aufs Spiel setzen.
Deshalb: Herzlich willkommen in der Schweiz, sehr verehrter Herr Bundespräsident, lieber Frank und liebe Elke Büdenbender.
Und allen einen guten Appetit.