Venise
Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.
Gentili Signore e Signori,
Mesdames et Messieurs,
Meine Damen und Herren
“We shape our buildings and afterwards our buildings shape us.”
Diesen heute vielzitierten Satz sagte Winston Churchill 1943 in einer Parlamentsdebatte.
Churchill meinte das ganz konkret – und sehr politisch:
Der von den Nazis zerbombte Saal des Unterhauses sollte wieder rechteckig aufgebaut werden. Und nicht etwa rund oder halbrund, so wie in vielen Ländern Parlamentssäle gebaut sind.
Churchill war überzeugt, dass das Zweiparteiensystem der Kern der britischen Demokratie darstellt. Und diese beiden Parteien sollten sich frontal und möglichst nah gegenübersitzen.
Ja, die „Commons Chamber“ ist gebaute Streitkultur.
Alles, was uns umgibt, ist ein Ausdruck von Baukultur.
Neu und alt,
Häuser und Infrastruktur,
Details und ganze Quartiere,
das Gebaute, die Zwischenräume und die Freiflächen.
Bauen ist Kultur.
Hier an der Architekturbiennale in Venedig ist das selbstverständlich.
An vielen anderen Orten hingegen nicht.
In den letzten Jahrzehnten wurde viel gebaut. Darunter auch viel Schlechtes. Fahren wir durch Europa, sehen wir viel Banales.
Der Raum wurde trivialisiert.
Es sind Bauten, die ganz offensichtlich nicht gebaut wurden, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen.
Obwohl genau diese Bedürfnisse bei jedem Bau im Zentrum stehen sollten.
Nicht nur funktionale Bedürfnisse.
Auch kulturelle, soziale und psychologische Bedürfnisse.
Mesdames et Messieurs,
« Nous façonnons nos bâtiments – ce sont eux qui nous façonnent ensuite. »
Et je crois qu’il avait raison.
Dans ce débat, il est précisément question
de l’influence du bâti sur la société
et de la nécessité d’améliorer la qualité de l’environnement construit.
La qualité de l’environnement bâti influence notre bien-être, notre santé.
C’est pourquoi elle a un impact considérable sur notre qualité de vie.
Pas seulement sur un plan esthétique – mais aussi politique.
Mais qu’est-ce que la qualité ?
Comment et qui peut la mesurer ?
Et surtout : y a-t-il un consensus sur la question ?
Comment voulons-nous améliorer l’aménagement du territoire,
le mitage des zones intermédiaires ?
Comment développer l’« urban sprawl », l’étalement urbain,
en espaces de qualité ?
Dans cette pièce, nous trouverions sans doute rapidement un consensus sur la définition d’une grande culture du bâti.
Mais connaissons-nous les désirs de la population ?
L’enquête de l’Office fédéral de la culture sur le sujet révèle que les Suissesses et les Suisses préféreraient vivre dans une maison individuelle de facture traditionnelle.
72 % choisiraient la fameuse zone de villas.
Seulement 9 % le lotissement de maisons mitoyennes en coopérative.
En tant qu’environnement urbanistique, la grande ville est en net recul, avec seulement 6 % d’approbation.
Est-ce une surprise ?
Non, cette enquête confirme nos soupçons.
Was machen wir jetzt?
Wie wollen wir das Bauen qualitativ verbessern,
wenn die Vorstellungen, was gutes Bauen bedeutet, häufig so weit auseinanderklaffen?
Die Antwort muss lauten: Dialog.
Aufzeigen, wie das Bauen unsere Lebensqualität beeinflusst.
Wir müssen den gesellschaftlichen Diskurs zur Qualität stärken.
Wir müssen Baukultur als Gemeingut auch gemeinsam diskutieren.
Deshalb hat die Schweiz im Januar zu einer europäischen Kulturministerkonferenz nach Davos eingeladen. Dort wurde die Deklaration von Davos zur Baukultur verabschiedet. Ein politischer Aufruf, die Qualität unserer gesamten gebauten Umwelt zu verbessern.
Nun wollen wir die Debatte weiterführen.
Hier in Venedig an der Architekturbiennale,
und zu Hause auf allen Ebenen mit allen Beteiligten.
Mit möglichst breiten Kreisen der Bevölkerung.
Vom Bauen sind alle betroffen. Deshalb sollen alle mitreden können.
Um sich bewusst zu werden, wie Baukultur unsere Zukunft bestimmt.
Welche « Perspektivfunktion » sie hat, um einen Begriff des Philosophen Odo Marquard zu benutzen.
Sie bereichert unsere Gegenwart, indem sie dem Kommenden einen wichtigen Platz in unserem Denken sichert.
Bleibt die Frage, wie die Schweiz aussähe, wäre der Nationalratssaal 1894 nicht rund, sondern als schmales Rechteck gebaut worden.
Gäbe es dann in der Schweiz nur noch zwei grosse Parteien?
Und welche?
Und noch viel brisanter ist eine zweite bauliche Eigenheit des engen britischen Unterhauses:
Den 646 Parlamentarierinnen und Parlamentariern stehen nämlich nur 427 Sitze zur Verfügung.
Nicht für jeden und jede im Parlament einen festen Sitz!
In unserem partizipativen politischen System undenkbar.
Ja, wir gestalten unsere Gebäude und dann gestalten sie uns.