Berlin
Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Liebe Filmfreundinnen, liebe Filmfreunde
Meine Damen und Herren
Das postfaktische Zeitalter ist heute in aller Munde. Aber uns Schweizer kann das nicht erschrecken. Wir waren schon immer postfaktisch. Wer an die Schweiz denkt – oder einen Liter Milch kauft –, sieht oft noch immer das Heidi über saftige Wiesen rennen.
Dabei ist die Schweiz eines der globalisiertesten Länder der Welt. Ein hoch kompetitiver Wirtschaftscluster. Eine 8-Millionen-Stadt. Und die Schweiz war nach England bereits das zweite Land, das sich industrialisierte. Und zwar schon rund 50 Jahre bevor Johanna Spyri ihre beiden Heidi-Bücher um 1880 veröffentlichte.
Aber nicht nur unsere Selbst-Zuschreibungen sind postfaktisch. Nein, auch die Beleidigungen an unsere Adresse sind es. Nehmen wir nur das berühmteste Film-Zitat über die Schweiz.
Orson Welles sagte im „Dritten Mann“: „In Italien hatten sie in den 30 Jahren unter den Borgias nur Krieg, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und das Resultat? Die Kuckucksuhr!“
Wir Schweizer weisen seit Jahrzehnten darauf hin, dass die Kuckucksuhr eine deutsche, genauer: eine Schwarzwälder Erfindung ist – und keine schweizerische. Vergeblich.
Meine Damen und Herren
Der Schweizer Film kann als grosser Versuch gesehen werden, den Schweiz-Klischees zu entkommen. Das Faktische – das Authentische – aus dem Mythischen herauszuschälen.
Von „Siamo italiani“ bis „Züri brännt“. Von „Home“ bis „Höhenfeuer“. Von „les petites fugues“ bis „Grounding“. Von „Der Verdingbub“ bis „Vol spécial“
Der genaue Blick ist das heimliche Leitmotiv des Schweizer Films. Ich hoffe, ich schaffe damit kein neues Schweiz-Klischee: Uhren, Banken, der genaue Blick, Käse.
Im Ernst: Auch die Schweizer Produktionen, die an der Berlinale zu sehen sind, zeichnen sich durch diesen typisch schweizerischen genauen Blick aus. Im Anschluss besuche ich die Uraufführung des Filmes TIERE von Greg Zglinski. Das verspricht einen spannenden Abend: Der Zusammenstoss auf der Strasse mit einem Schaf wird für Anna und Nick zum Ausgangspunkt einer Reihe von seltsamen und unheimlichen Ereignissen.
Zum genauen Blick gehört eben auch, mögliche andere Realitäten zu erkunden und sich verunsichern zu lassen. Denn auch die Möglichkeitsform ist eine Spielart der Realität.
Meine Damen und Herren
Die Berlinale ist seit jeher ein politisches Filmfestival. Und der genaue Blick auf die Realität ist immer politisch.
Je unübersichtlicher die Zeiten, desto mehr sind wir auf eine möglichst genaue Wahrnehmung angewiesen. Auf eine Kultur der Reflexion und Selbstreflexion, die diesen Namen auch verdient.
Vielleicht war der genaue Blick noch nie so politisch wie heute. Nämlich um das grassierende Unbehagen in Europa zu entziffern. Und politisch wirksam dagegen vorzugehen.
Denn wenn die verantwortungsbewussten und verantwortungsbereiten Kreise in Europa es nicht tun – dann gewinnen unweigerlich jene Kräfte, die der Schweizer Kunsthistoriker Jacob Burckhardt einst die „terribles simplificateurs“ genannt hat: die schrecklichen Vereinfacher. Also jene, die, die als Werkzeug nur einen Hammer haben – und die deshalb in jedem Problem einen Nagel sehen.
Die Populisten irren sich: Es braucht auch heute ein Gleichgewicht zwischen Souveränität und Kooperation zwischen Staaten. Alle Staaten sind – mehr oder weniger – international verflochten. Politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und nicht zuletzt auch kulturell – was wir ja auch hier an der Berlinale eindrücklich erleben.
Deshalb müssen wir diese internationale Zusammenarbeit weiterhin verteidigen. Auch wenn das dem Zeitgeist nicht entspricht. Und deshalb dürfen wir nicht alles über den Haufen werfen, was in vielen Jahrzehnten aufgebaut wurde in Europa.
Ich bin sicher: Der präzise beobachtende, also der tiefenpolitische Film wird einen wichtigen Beitrag daran leisten, dass wir das postfaktische Zeitalter überwinden. Ich bin wahrscheinlich nicht der Einzige, der sich schon auf die Renaissance des faktischen Zeitalters freut.
Und sie wird kommen: Am gleichen Tag, an dem eine Trump-Beraterin auf CNN das Konzept der „alternative Fakten“ verteidigte, erreichte ein 68 Jahre altes Buch die Nummer 1-Position bei Amazon: George Orwells „1984“.