Bâle

Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Regierungspräsidentinnen
Sehr geehrter Herr Regierungspräsident
Sehr geehrte Damen und Herren Regierungsräte
Sehr geehrter Herr Grossratspräsident
Exzellenzen
Sehr geehrte Damen und Herren

Es ist mir eine Ehre, die Baselworld 2017 zu eröffnen. Die weltweit grösste Veranstaltung der Uhren- und Schmuckbranche.

Aber die Baselworld 2017 ist noch mehr als das:

Sie ist ein starkes Zeichen des Optimismus in einer unsicheren Zeit: Unsicher im Grossen, also was die Weltlage angeht. Unsicher aber auch bezüglich der Lage der Uhrenindustrie.

Wer sich in diesen Hallen umschaut, der spürt einen Geist der Zuversicht. Des Jetzterstrecht.

Die Baselworld gibt gute Antworten auf mehrere Herausforderungen:

Krise des internationalen Handels ? Über 100‘000 Besucherinnen und Besucher aus aller Welt. Krise des Realen in einer virtuellen Shopping-Welt ? 1‘300 Marken sind hier präsent.

Und es wird gleich noch bei einer Krise Entwarnung gegeben, die eine andere Branche betrifft, nämlich die Medienkrise: Es werden hier in Basel über 4‘000 Medienschaffende erwartet! So viele Journalisten hätte ich auch gern einmal, wenn ich die Details der Kompensation der Reduktion des Umwandlungssatzes in der Reform der Altersvorsorge erkläre. Wobei… wenn ich genauer darüber nachdenke: doch lieber nicht…

Mesdames et Messieurs,

Ce que nous célébrons à Baselworld, c’est le beau.

Et plus que la beauté, bien plus : la perfection. L’amour du travail bien fait. La passion. Ainsi qu’une éthique du travail indispensable à cette excellence qui fait la réputation de notre pays. Et pas que dans l’industrie horlogère.

Le résultat est là. Et il est impressionnant. Des chefs d’œuvre de filigrane. Une technique raffinée. Une micromécanique de génie.

Evidemment, la critique est connue. Pourquoi de tels boîtiers juste pour mesurer le temps qui passe ? Juste ? ! Quoi de plus mystérieux que le temps ? Quoi de plus précieux ?

Ja, meine Damen und Herren, das ist die Dialektik einer wertvollen Uhr: Man spürt das Zeitlose, obwohl es doch nur ein Zeitmesser ist.

Ein bekannter Vertreter der Uhrenbranche sagte kürzlich: „Wer eine Uhr kauft, kauft ein Stück Ewigkeit“.

Das nenne ich ein grosses Versprechen in einer schnelllebigen Zeit!

Zumal wenn wir an das denken, was Woody Allen einmal gesagt hat: „Die Ewigkeit dauert sehr lange – und ein Ende ist noch nicht in Sicht.“

Im Ernst: Uhren vermessen unseren Alltag, stückeln ihn in Sekunden – und verweisen gleichzeitig auf die Unendlichkeit, indem sie uns an unsere Endlichkeit erinnern.

Was für praktische und gleichzeitig philosophische Meisterwerke.

Wie schrieb doch einst Leo Tolstoi: „Denke immer daran, dass es nur eine wichtige Zeit gibt: Heute hier jetzt.“

Tolstoi schrieb das anlässlich der Baselworld – könnte ich jetzt einfach mal behaupten. Schliesslich leben wir im postfaktischen Zeitalter. Aber ich unterlasse das jetzt im Namen der Schweizer Präzision.

Meine Damen und Herren

Die Uhrenindustrie ist jene Branche, die vielleicht am stärksten mit der Schweiz assoziiert wird.

Sogar bei Beleidigungen an die Adresse der Schweiz kommt man an der Uhr nicht vorbei.

Orson Welles sagte bekanntlich: „In Italien hatten sie in den 30 Jahren unter den Borgias nur Krieg, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und das Resultat? Die Kuckucksuhr!“

Wir Schweizer weisen seit Jahrzehnten darauf hin, dass die Kuckucksuhr eine Schwarzwälder Erfindung ist – keine schweizerische.

Sie sehen: Das Post-Faktische ist keine Errungenschaft unserer Gegenwart.

Ich weiss nicht, wie man das traditionelle Post-Faktische nennen soll. Vielleicht präfaktisch?

Nur ein kleiner Hinweis: Die Schweizer Kultur hat doch einiges hervorgebracht, was die Welt verblüfft hat: Zum Beispiel trugen bei der Schlacht von Waterloo beide Kontrahenten – sowohl Napoleon als auch Wellington! – eine Uhr von Breguet. Keine Kuckucksuhr…

Meine Damen und Herren

Unsere Uhren huldigen dem Mysterium Zeit und geben uns gleichzeitig Orientierung.

Das ist der Swiss Way of Life: Wir messen Tausendstel-Sekunden, aber wir haben trotzdem einen langen Zeithorizont. Wir behalten das Grosse im Auge – aber wir funktionieren weiter.

Das ist kein schlechter Mix: Gerade heute, da Welt so instabil ist, gerade heute müssen wir klug, pragmatisch und präzis vorgehen.

Keiner hat das Mysterium Zeit so tiefschürfend erforscht wie Einstein.

Seit Einstein wissen wir, dass die Zeit relativ ist. Sie vergeht relativ schnell am Morgen und sehr langsam am späteren Nachmittag. Wir erleben sie als gefühlte Ewigkeit bis Punkt fünf Uhr und dann beginnt sie plötzlich zu rasen. Einstein war als Bundesbeamter tätig, als er diese Entdeckung gemacht hat.

Im Ernst: Einstein war nicht nur Genie, sondern auch Pragmatiker – und auch deshalb schätzte er die Schweizer Demokratie mit ihrer Bodenhaftung.

Einstein wusste neben der Relativitätstheorie noch eine zweite Antwort auf die Frage: Was ist Zeit?

Sie lautet:

„Zeit ist das, was man an der Uhr abliest.“

Vielen Dank.

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