Berne

Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Alt-Bundesrätin Widmer-Schlumpf
Sehr geehrte Alt-Bundesräte Couchepin und Schmid
Sehr geehrte Parlamentarierinnen und Parlamentarier – aktive und ehemalige
Sehr geehrte Stiftungsrätinnen und Stiftungsräte von Pro Senectute
Meine Damen und Herren

100 Jahre Pro Senectute: Das ist ein Anlass zu besonderer Freude.

Denn einer Institution, die sich mit der Langlebigkeit befasst, wünscht man natürlich vor allem dies: Langlebigkeit.

Wobei: 100 Jahre – das ist ja heute nicht mehr so spektakulär wie früher.

Nehmen wir nur das Projekt „Calico“ von Google, das das Thema „langes Leben“ erforscht. Die Wissenschaftler gehen von einer frappierenden Annahme aus: Wir alle können 500 Jahre alt werden!

500 Jahre? Dann wäre ich rund 400 Jahre lang „Alt-Bundesrat“. Vielleicht sollte ich mich dann besser „Uralt-Bundesrat“ nennen… Aber zuvor wäre ich rund 60 Jahre lang Bundesrat – eine Vorstellung, die bürgerliche Parteien wahrscheinlich in Schrecken versetzt. Aber wohl NOCH mehr meine eigene Partei…

500 Jahre! Dann wäre AUCH ICH für eine Erhöhung des Referenzrentenalters. Und zwar auf 67 – genauer: auf 467.

Aber bis es soweit ist, stehen andere Themen im Vordergrund.

Nämlich – neben der Rentenreform, auf die ich gleich zu sprechen kommen werde – vor allem unser Umgang mit dem Altern. Als Individuen. Aber auch als Gesellschaft.

Und auch bei diesen Themen kommt der Pro Senectute eine entscheidende Rolle zu.

Denn die Pro Senectute ist weit mehr als eine Interessensorganisation. Sie ist die wichtigste Institution für ältere Menschen und deren Angehörige.

Seit 1917 engagiert sich die Pro Senectute erfolgreich dafür, dass die Menschen in unserem Land ein besseres Alter haben – vor allem natürlich mit ihrem Engagement für bedürftige Ältere, das der AHV den Boden bereitete.

Und trotzdem ist diese Arbeit nicht – und vielleicht NIE – einfach zu Ende.

Zwar sind die finanziellen Sorgen älterer Menschen heute wesentlich kleiner als damals – aber dafür sind seelische und soziale Anliegen heute zentral.

Meine Damen und Herren

Eine alternde Gesellschaft braucht ein reifes Bild vom Alter.

Davon sind wir momentan noch weit entfernt: Auf der einen Seite herrscht weiterhin ein Jugend-Kult. Von der Werbung bis zum Arbeitsmarkt.

Anderseits wird das Alter verklärt als „goldene Zeit“. Eine Studie der Max Planck Gesellschaft etwa kommt zum Schluss, die Alterung mache unsere Gesellschaft, ich zitiere: „gesünder, ökologischer und produktiver“.

Wir schwanken zwischen zwei hartnäckigen Klischees: Das Alter als Desaster – das Alter als Paradies. Unsere Debatten über den demographischen Wandel zeugen nicht gerade von Altersweisheit. Etwa wenn immer wieder von „Überalterung“ die Rede ist.

Simone de Beauvoir schrieb einst – scheinbar trivial, tatsächlich aber hintergründig: „Vivre, c’est viellir, rien de plus.“

Mit anderen Worten: Das Leben ist ein Kontinuum. Kein Theaterstück mit drei oder vier Akten und einer klare Dramaturgie. Die zyklische Segmentierung unseres Lebens – vom Baby zum Greis – greift zu kurz, um das Phänomen des Alterns zu erfassen. Unser Bild vom Alter hinkt der Realität hinterher.

Und Kategorien wie die „jungen Alten“ zeugen eben gerade nicht von echter Wertschätzung der Älteren.

Vielmehr sollten wir so altern wie die Pro Senectute. Gelassen, souverän, beseelt von der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns – und voller Pläne.

Dazu passt auch die neue Präsidentin, die ich immer als umsichtig und souverän erlebt habe. Und deren Unaufgeregtheit auch in turbulenten Situationen mich oft beeindruckt hat.

Alle diese Eigenschaften wird sie zweifellos in ihr neues Amt einbringen.

Und diese grosse Schweizer Institution so weiter stärken.

Ich gratuliere Eveline Widmer-Schlumpf zur Präsidentin der Pro Senectute!

AV 2020

AV 2020

Meine Damen und Herren

Dass wir immer älter werden, ist wohl die grösste zivilisatorische Leistung überhaupt. Auch wenn diese, wie alles auf der Welt, auch problematische Aspekte hat – wie zum Beispiel steigende Gesundheitskosten.

Die Alterung betrifft uns alle – und zwar, bevor wir alt sind.

Die Alterung gibt uns die Chance, uns auf das Erfolgsgeheimnis der Schweiz zu besinnen: Wir nehmen alle mit. Nicht nur die Jungen, sondern genauso auch die Älteren.

Demographischer Wandel bedeutet keineswegs gesellschaftlicher Niedergang. Vielmehr bietet uns die Alterung die Chance, uns stärker für den sozialen Zusammenhalt in unserem Land zu engagieren.

Das ist heute – in einer Zeit, in der viele Gesellschaften gespalten sind – so relevant wie nie zuvor.

Im Hinblick auf die digitalen Umwälzungen wird soziale Inklusion – also eine Gesellschaft, die niemanden ausschliesst – wohl noch stärker als heute zum überragenden politischen Thema.

Mitnehmen – das setzt auch voraus, dass unser Bild vom Alter realistischer und differenzierter wird.

Dass wir also auch nicht vergessen, wie sehr das Empfinden des eigenen Alters schwankt. Wie sagte doch kürzlich der Soziologe Peter Gross in einem Interview: „Leider wird man nach der Pensionierung plötzlich auf seinen Jahrgang behaftet. Aber ich fühle mich nicht immer gleich alt. Wie alt man sich fühlt, hängt massgeblich davon ab, wie man behandelt wird und wie man sich selbst behandelt.“ Ende Zitat.

Meine Damen und Herren

Wenn wir uns von den starren Altersbildern emanzipieren, wenn wir also das Alter kreativ zu sehen lernen – so wie Sie das von Pro Senectute bereits tun -,dann wird dieser Lebensabschnitt zu einer Zeit voller Chancen und Erlebnisse. Für alle.

Ich wünsche Pro Senectute weiterhin viel Erfolg – für die nächsten 100 Jahre.

Vielen Dank.

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