Zurich
Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Hochwohllöbliche Hohe Fraumünster-Frau
Sehr geehrte Regierungsrätinnen
Sehr geehrte Fraumünster-Frauen
Ich stehe hier als Mann vor der Frauenzunft.
Das ist natürlich nicht ganz einfach.
Aber ich habe inzwischen eine gewisse Übung mit anspruchsvollen Situationen.
Ich übe jeden Mittwochmorgen… In der Bundesratssitzung.
Aber das ist noch gar nichts: Ich habe unlängst in der Calvin-Stadt Genf das Reformationsjahr 2017 eröffnet – als Katholik. Ich habe der Pro Senectute zum 100. Geburtstag gratuliert – als jüngster Bundesrat. Ich habe das Eidgenössische Jodelfest eröffnet – als Jazzpianist.
Aber ganz so fehl am Platz bin ich hier trotzdem nicht: Die Gleichstellungspolitik gehört zum Pflichtenheft des Innenministers. Und Kulturminister bin ich ja auch. Und somit zuständig für das immaterielle Kulturerbe unseres Landes, also für die „lebendigen Traditionen der Schweiz“.
Ich muss zugeben, auch ich als Kulturminister habe längst nicht alle „lebendigen Traditionen“ gekannt.
Neu war mir zum Beispiel das Woldmanndli. Ganz zu schweigen von den Stäcklibuebe, Tschäggättä, Chrööpfelimee oder Pschuuri.
Sie merken: Die Dada-Bewegung ging nicht zufällig von der Schweiz aus…
Sprachliche Vielfalt ist nicht nur etwas Schönes, sie hat auch ihren Preis. Vor allem für Redner aus anderen Landesteilen.
Aber das Sechseläuten kannte ich selbstverständlich.
Und sogar mein Früh-Schweizerdeutsch reicht, um zu verstehen, dass am „Sechseläuten“ um sechs Uhr geläutet wird.
Aber ein Mysterium bleibt: Für unser so friedliches und demokratisches Land finde ich es doch etwas seltsam, dass der Winter mit Sprengstoff in die Luft gejagt wird… Und das ganz ohne vorheriges Vernehmlassungsverfahren.
Weniger überraschend ist, dass die Elite sich währenddessen im Kreise dreht…
Meine sehr geehrten Damen
Ich bin zum ersten Mal am Sechseläuten und gleich bei meiner Lieblingszunft eingeladen.
Herzlichen Dank.
Ich habe den Umzug genossen und auch das Verbrennen des Böögg.
Ihr Engagement – und ja: Ihre Zähigkeit – beeindrucken mich.
Sie bohren hier besonders dicke Bretter vor gewissen Köpfen, um frei mit Max Weber zu sprechen.
Gut wäre es, wenn die Männer sich durch starke Frauen weniger gefährdet fühlten.
Zum Glück gibt es für moderne Männer ja grossartige Rollenvorbilder.
Wie zum Beispiel Obelix, der im Band „Asterix und Maestria“ unerschütterlich selbstbewusst sagt: „Moi je suis tranquille ! Jamais une femme ne pourra me remplacer. Tailler des menhirs, c’est un travail bien trop délicat !“
Es ist ja keineswegs so, dass die Stellung der Frau in der Gesellschaft sich linear entwickelt. Dass die Aufklärung kontinuierlich und munter Fortschritte macht. Vom düsteren Mittelalter ins Licht der Moderne, sozusagen.
Manchmal ist es sogar umgekehrt. Das beweist die Geschichte des Zunftwesens eindrücklich, wie die Historikerin Ruth Righetti aufzeigt: Die Äbtissinnen der Fraumünster-Abtei waren einst Reichsfürstinnen und Stadtherrinnen von Zürich. Sie übten alle wichtigen Hoheitsrechte aus und prägten Zürich kulturell, sozial und wirtschaftlich. „Bis 1798 gehörten alle Stadtbewohnerinnen einer Zunft oder der Constaffel an. Mit der demokratischen Gemeindeordnung von 1866 war jedoch Schluss mit der politischen Funktion der Zünfte. Im 19. Jahrhundert wurden Frauen generell ins Abseits gedrängt: mit der Industrialisierung änderte sich die Arbeit, die Frauen wurden an den Herd beordert, und im neuen Bundesstaat hatten sie kein Stimmrecht. Dennoch waren die Frauen beim Sechseläuten anfangs noch dabei. Strikt ausgeschlossen sind die Frauen erst seit den 1950er Jahren.
Das ist doch bemerkenswert: Das eigentliche Mittelalter – das waren die fünfziger Jahre!
Meine Damen und Herren
Wir befinden uns mitten in der Debatte um die Reform der Altersvorsorge.
Diese ist nötig, weil die Babyboomer in Rente kommen und die Kapitalmärkte für die Pensionskassen seit Jahren zu wenig hergeben.
Ohne Reform beträgt 2030 das Defizit der AHV 7 Milliarden Franken und in den Pensionskassen geht die Umverteilung zulasten der Jungen ungehindert weiter.
Nun liegt ein ausgewogenes Gesamtpaket vor – aus erster und zweiter Säule. Es sichert das Niveau der Renten und schafft Transparenz für alle.
Frauen tragen viel zur Reform bei: Bis 2021 wird das Referenzrentenalter schrittweise auf 65 erhöht.
Die Reform bringt aber mehrere wirkliche Fortschritte: Zum Beispiel, dass man schrittweise in Pension gehen kann. Die Kombination von Teilzeitarbeit und Teilbezug der Rente ist attraktiv. Wer Teilzeit arbeitet, wird in der zweiten Säule besser versichert. Ebenso wer wenig verdient oder mehrere Arbeitgeber hat. Das sind vor allem Frauen. Ein Fortschritt ist auch die Möglichkeit, sich wieder in die berufliche Vorsorge einkaufen oder ein Freizügigkeitskonto in eine Rente umwandeln zu können. Für Personen ohne Pensionskasse verbessert zudem der Zuschlag von 70 Franken die Rente deutlich. Rund 500 000 erwerbstätige Frauen sind nur in der AHV versichert.
Ich weiss: Punkto Lohngleichheit und Aufstiegschancen liegt noch vieles im Argen. Das Engagement für die Gleichstellung von Mann und Frau ist wichtig und noch längst nicht zu Ende. Es bleibt wichtig unabhängig von der Altersvorsorge.
Meine Damen und Herren
Ich weiss: je kürzer der Böögg braucht bis zur Explosion, desto schöner wird der Sommer.
Ich habe vergessen zu erwähnen: Ich bin auch zuständig für MeteoSchweiz. Deshalb weiss ich das; man soll ja immer von der Konkurrenz lernen.
Und als Minister für Meteorologie weiss ich noch etwas: Je länger ein Bundesrat am Sechseläuten spricht, desto schlechter wird der Sommer. Gefährdet – weil kaum zu bremsen – sind hier insbesondere Bundesräte, welche die Altersvorsorge reformieren wollen…
Deshalb komme ich jetzt schleunigst zum Schluss.
Ich wünsche Ihnen allen einen wunderschönen Abend!
Vielen Dank.