Lucerne
Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Meine Damen und Herren
„Identität“ lautet das Thema des diesjährigen Lucerne Festivals.
Was ist das – Identität?
An dieser Stelle setzt der Bundesrat normalerweise eine Arbeitsgruppe ein.
Da wir aber nicht bis 2019 Zeit haben, versuche ich es alleine.
Wobei: Allein – also nur einer – ist man als Bundesrat ja eigentlich nie. Als Mitglied dieser Kollegialbehörde ist man irgendwie immer 7. Der Schriftsteller Ödön von Horvath hat das so formuliert: „Eigentlich bin ich ganz anders – ich komme nur so selten dazu.“
Womit wir mitten im Thema wären.
Die Schweizer Identität ist so vielgestaltig, dass sie kaum zu definieren ist.
Charles de Gaulle rief einst verzweifelt aus: „Wie kann man nur ein Land mit 246 verschiedenen Käsesorten regieren?“
Bon, die Schweiz hat 450 verschiedene Käsesorten…
GROSS ODER KLEIN?
Meine Damen und Herren
Wir sind das Land der rätselhaften Vielfalt.
Oder, genauer: Das Land der Gegensätze, dem es aber gelingt, diese Gegensätze immer wieder zu überwinden.
Sprache, Kultur, Religion – das alles trennt uns. Aber die Konfliktlinien verlaufen kreuz und quer durchs Land. Und das bedeutet: All das verbindet uns paradoxerweise auch. Wir sind kein Volk MIT Minderheiten – wir sind das Volk DER Minderheiten. Deshalb müssen wir immer wieder entdecken, wer wir sind, indem wir entdecken, wer die anderen sind, die mit uns im gleichen Staat leben und die unsere Grundwerte teilen.
Wir sind Mythomanen und Mythen-Zertrümmerer.
Wir sind gut im Jodeln – aber wir beherrschen auch das „negative Jodeln“, wie das der Autor Hugo Loetscher einst nannte.
Wir vereinen sogar Griesgram und Glückseligkeit! Kürzlich wurden wir zum glücklichsten Volk der Welt gewählt. Ich weiss nicht, ob die Autoren dieser Studie je in der Schweiz waren, zum Beispiel am Montagmorgen im Tram… Wir können auf die vermeintlich einfachste Frage: „Wer sind wir?“ nur eine sehr komplizierte Antwort geben. Das macht uns zu Identitätsspezialisten. Ob wir das wollen oder nicht.
Nehmen wir die einfachste aller Fragen: Sind wir ein kleines oder ein grosses Land?
Die Antwort lautet: Es kommt drauf an. Politisch sind wir eher klein, wirtschaftlich ziemlich gross. Wir sind gleichzeitig Riesenzwerg und Zwergriese – je nach Perspektive.
Manchmal schrumpfen wir sogar! Und das, obwohl sich unser Territorium seit 1815 nicht mehr verändert hat…
Als 1870/71 im Norden das Deutsche Reich gegründet wurde und im Süden Italien – als also aus vielen kleinen politischen Gebilden grosse Nationalstaaten entstanden – da wurde aus einem mittelgrossen europäischen Land ein so genannter Kleinstaat.
Mit diesem Prozess hatten manche Mühe, auch manche Bundesräte – allen voran Jakob Dubs:
Bundesrat Dubs träumte vor rund 150 Jahren von einem Staatsgebiet mit Meerzugang und Hochseeflotte,
– man stelle sich das vor, die Schweiz mit einer Hochseeflotte… –
Also: Dubs träumte von einem Staatsgebiet, das von Venedig bis nach Nizza reichen würde. Im Norden wollte er einen Teil von Rhein-Preussen und die Rheinpfalz integrieren. Zugleich solle die Schweiz einen Gürtel neutraler konföderierter Staaten schaffen. Vom Elsass über Lothringen bis nach Belgien und Holland.
Meine Damen und Herren
Die Pläne von Bundesrat Dubs sind bekanntlich bislang nicht umgesetzt worden. Noch hat die EU also die Chance, der Schweiz rechtzeitig beizutreten…
Im Ernst: Ist unser Land jetzt klein oder gross?
Die beste Antwort stammt wohl von Mark Twain. „Die Schweiz wäre ein gewaltiges Land, wenn man sie flachbügeln würde“.
Meine Damen und Herren
Die Schweiz hat sich bekanntlich schon vor langem dafür entschieden, dass wirtschaftliche Verflechtung intelligenter und lukrativer ist als territoriale Expansion.
Unser Land gehört heute denn auch zu den am stärksten globalisierten Ländern überhaupt – mit allen Chancen, Risiken und Nebenwirkungen, die das beinhaltet.
Das ist spannend – aber auch spannungsreich.
Hierzulande – und nur hier! – treffen die globalen Marktkräfte auf die direkte Demokratie.
Die Schweiz ist „bottomup“ aufgebaut, während die Logik der globalen Wirtschaft stark „topdown“ funktioniert.
Das macht die Schweiz zu einem Sonderfall, was die gesellschaftliche Akzeptanz der Globalisierung angeht.
Deshalb braucht es in der Schweiz eine Politik, die unsere Identität und unseren Zusammenhalt immer wieder aufs Neue stärkt.
Und in einer Welt, in der es bekanntlich nicht einmal einen Gratis-Lunch gibt, ist auch die Stabilität des Standortes Schweiz nicht umsonst. Und es ist diese Stabilität, die die Schweiz stark gemacht hat. Und die bis heute eine wichtige Grundlage darstellt für Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit.
Unsere Stabilität erhalten wir nur, indem wir in Bewegung bleiben. Reformfähigkeit ist eine gute Antwort auf die Identitätskrise, die alle westlichen Länder gegenwärtig durchleiden.
Wer reformiert, steuert. Steuerbarkeit gibt Sicherheit und ist eine grundlegende Voraussetzung unserer Demokratie. Gerade in der gegenwärtigen Unübersichtlichkeit, welche die Globalisierung mit sich bringt.
Es geht darum, dass die Schweiz sich selber beweist, dass Reformen möglich sind – auch und gerade in einem Bereich, wo Reformen BESONDERS SCHWIERIG sind.
Und es darf nicht sein, dass sich gewisse Kreise nur um die Bewirtschaftung ihrer politischen Märkte kümmern. Das ist kein Spiel.
Die Schweiz hat keine feste Identität – sie erfindet sich immer wieder neu. Und zwar nicht zuletzt, indem sie sich zu Reformen durchringt. Reformen, die niemanden völlig beglücken, das liegt in der Natur des Kompromisses.
Aber Reformen, die doch MEHR sind als der kleinste gemeinsame Nenner aller politischen Lager.
Meine Damen und Herren
Was ist schweizerisch?
Die Skepsis gegenüber den grossen europäischen Ländern, in der Geschichte wie in der Gegenwart?
Ja, gewiss, das ist ja auch verständlich für einen vielfältigen, eher kleinen Staat.
Aber schweizerisch ist auch das Bewusstsein, dass Europa unsere kulturelle Heimat ist.
Die Schweiz liegt „mitten in Europa“, sie ist „das europäischste Land“, um den Schweizer Historiker André Holenstein zu zitieren.
Die enge wirtschaftliche Verflechtung mit unseren Nachbarn war schon lange vor der EU eine der Bedingungen für unseren Wohlstand.
Und sie ist es selbstverständlich auch heute noch.
Was uns dabei helfen kann, ist das Bewusstsein, dass die Kontinuität immer stärker sein wird als der Wandel.
Der Kern unserer politischen Kultur hat schliesslich schon Zeiten überdauert, die viel unsicherer waren als die Gegenwart.
Die Schweiz ist – kulturell, nicht institutionell – ein Europa im Kleinen.
Und gerade deshalb schwanken wir stets zwischen Verflechtung und Abgrenzung – ich betone: Abgrenzung. Von Abschottung kann keine Rede sein in einem Land, das auf den diversen Globalisierungs-Indices stets den Spitzenplatz einnimmt. Und das einen der höchsten Ausländeranteile der Welt hat und zudem eine der höchsten Zuwanderungsquoten.
Verflechtung und Abgrenzung: Dieses Wechselspiel – das sind wir.
Eine Schweiz, die einfach nur die Schweiz ist, ist irgendwann nicht mehr die Schweiz. Unsere Identität steckt in unseren politischen Prozessen. Unsere Identität bemisst sich am hohen Stellenwert, den wir dem gesellschaftlichen Zusammenhalt einräumen. Unsere Identität stärken wir, indem wir sie als nichtabschliessbar begreifen. Indem wir reformfähig bleiben, indem wir uns bewegen, entdecken wir uns auch immer wieder neu.
Meine Damen und Herren
Ein hübsches Bonmot aus der frühen Neuzeit lautet, die Eidgenossenschaft werde zusammengehalten von der „providentia Dei ut confusione hominum“, also durch die Vorsehung Gottes und die Konfusion der Menschen.
Wir sind in den letzten Jahrhunderten gar nicht so schlecht gefahren – trotz dieser Konfusion. Oder wegen ihr?
Ist eine vergleichsweise offene Identität eher Nachteil oder Vorteil?
Ich bin überzeugt: Die Vorteile überwiegen.
Denn alle Staaten und Gesellschaften sind gegenwärtig dabei, sich ein Stück weit neu zu erfinden.
Nicht nur in Europa, auch in Asien. Und sogar die Supermacht USA treibt bekanntlich die Frage um nach ihrer künftigen Stellung im internationalen System.
In dieser Phase der allgemeinen Re-Orientierung hat die Schweiz einen Startvorteil:
Denn wegen ihrer Vielfalt und ihrer geographischen Position mitten in Europa muss sie sich seit jeher immer wieder neu denken, neu konzipieren, neu erfinden. Unsere Identität gleicht einem workinprogress – und das ist eine Stärke in einer worldinprogress. In einer Welt, die sich rasant verändert – und in der das, was gestern kaum vorstellbar schien, heute schon zum Mainstream gehört.
Meine Damen und Herren
Dieser Schweizer Imperativ der ständigen Selbsterfindung bedeutet auch Freiheit.
Er eröffnet uns auch die Chance, in Szenarien zu denken.
Oder, um es auf Früh-Schweizerdeutsch zu sagen: zu pröbeln. Sie sehen: Sprachenpolitik ist keine Einbahnstrasse.
Gewiss: Ohne Geschichte keine Zukunft.
Aber wir sind als Selbsterfindungs-Nation – das klingt etwas kreativer als Willensnation – Wir sind als Selbsterfindungs-Nation nicht dazu verdammt, ständig im eigenen historischen Fundus zu wuseln auf der Suche nach Sinnstiftung.
Denn auch die Zukunftsdimension war immer ein Leitmotiv unserer Identitätsbildung.
Die Gründung des Bundesstaates 1848 war ein Akt von grossem Optimismus und Vertrauen in die Zukunft.
In den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts pflegte unser Land die geistige Landesverteidigung; aber sie fand zur gleichen Zeit auch einen höchst zukunftsträchtigen Kompromiss, den Arbeitsfrieden. Dieser stärkt den Standort Schweiz bis heute.
Wir können sogar vor die Zeit des Bundesstaates zurückgehen. Schon um 1830 exportierte niemand in Europa mehr als wir Schweizerinnen und Schweizer.
Wir dürfen auch mit Stolz daran denken, dass wir – gleich nach Grossbritannien – jenes Land sind, das sich am frühesten industrialisierte.
Fazit: Wir waren und sind nicht nur geschichtsbewusst – wir waren und sind auch zukunftsfreudig.
Unsere Identität haben wir in den letzten Jahren meistens in der Vergangenheit gesucht.
Vielleicht sollten wir sie stärker in der Zukunft suchen.
Ich wünsche Ihnen allen ein Lucerne Festival voller Inspiration!