Berne

Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Damen und Herren National- und Ständeräte
Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter Russlands, Deutschlands, Österreichs und Frankreichs
Sehr geehrte Direktoren des Deutschen Literaturarchivs Marbach und des Russischen Literaturmuseums Moskau
Meine Damen und Herren

Diese Ausstellung ist bemerkenswert.

Sie bringt 280 Exponate von zahlreichen Leihgebern zusammen. Darunter Briefe, Manuskripte, Fotografien, Ikonen aus Rilkes Besitz – Das Adressbuch des Dichters mit über 1‘000 Adressen gleich zu Beginn steht jene von Lou Andreas-Salomé, in deren Begleitung er in den Jahren 1899 und 1900 seine beiden Russland-Reisen unternommen hat. Ja, man sieht sogar die Fahrpläne der Wolga-Dampfschifffahrt, die er auf seiner zweiten Russland-Reise unternahm.

Diese Ausstellung ist aber ebenso bemerkenswert, weil sie letztlich um die Unmöglichkeit weiss, diese russischen Reisen Rilkes zu sich selbst für Aussenstehende und Nachgeborene nachvollziehbar zu machen – geschweige denn schlüssig zu erklären.

Diese Ausstellung kennt ihre Grenzen – und damit öffnet sie uns die Augen für alles, was es jenseits dieser Grenzen zu entdecken gibt.

Nämlich die verschlungenen Pfade der Inspiration der Identitätsfindung und dessen, was man die Konstruktion der Heimat nennen könnte.

Meine Damen und Herren

Rilke wurde in Russland zum Dichter.

Von seiner ersten Russland-Reise berichtete er später: „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich ein unausdrückbares Gefühl, etwas wie „Heimatgefühl“ – ich fühlte mit grosser Kraft die Zugehörigkeit zu etwas, mein Gott, zu etwas in dieser Welt.“

Die zweite Reise führte ihn auch in die russische Provinz, von der Rilke noch mehr angetan war als von den grossen Städten.

Noch mehr angetan war er auch von seiner Begleitung, seiner Geliebten Lou Andreas-Salomé – die auf dieser zweiten Reise ohne Ehemann mit dabei war.

Im Juni 1900 fuhren die beiden Liebenden mit dem Dampfer von Saratow aus Wolgaaufwärts:

Rilke schreibt über diese Erfahrung: „Was ich bisher sah, war nur ein Bild von Land und Fluss und Welt. Hier aber ist alles selbst.“

„Hier aber ist alles selbst“. Das trifft den Kern von Rilkes Russland-Erlebnis. Hier glaubte er, das wahre Leben zu entdecken – ungekünstelt, ursprünglich, unverfälscht. Eine Gegenwelt zur rasenden, industrialisierten Moderne Westeuropas. Oder, wie es bei Nietzsche heisst: Zu dessen „Nervosität“.

Mit dieser Russland-Schwärmerei war Rilke keineswegs allein um die Jahrhundertwende.

Vielmehr gehörte sie zu den konstituierenden Erfahrungen seiner Generation.

Der russische Schriftsteller Alexej Rybakov schreibt über die beiden im Jahre 1875 geborenen Dichter Rilke und Thomas Mann:

„Geboren noch in das sichere, bürgerlichliberale und fortschrittsgläubige 19. Jahrhundert hinein, musste diese Generation, wenigstens in ihren bewusst lebenden Vertretern, sich sehr schnell als eine Generation der Krise verstehen lernen. In der Tat herrschte in Europa (auch in Russland) seit den 80er, verstärkt seit den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts, und sich dann immer weiter verstärkend, eine deutliche Umbruchs- und Krisenstimmung.“

Dass die Situation im damaligen Russland – das Land stand kurz vor der Revolution von 1905 – keineswegs weniger konfliktträchtig und angespannt war als in Westeuropa, das blendet Rilke völlig aus.

Mit dem realen Russland hatte Rilkes Sehnsuchtsort denn auch kaum etwas zu tun.

Wichtig war, dass das damalige Russland genug fremd und gleichzeitig genug vertraut war, damit es als Alternative, als Gegenentwurf zum Westen interpretiert werden konnte.

Es ist daher nur eine logische – und trotzdem irritierende Facette – von Rilkes idealisiertem Russland-Bild, dass er befand: „Ich fürchte nicht, dass das russische Volk an Hunger sterben könnte, denn Gott selbst ernährt es mit seiner ewigen Liebe.“

Rilke liess sich weder durch erschütternde soziale Zustände noch durch enttäuschende Begegnungen irritieren.

Beim ersten Treffen ignorierte der bewunderte Leo Tolstoj den jungen Lyriker. Beim zweiten Treffen mit Tolstoj äusserte sich dieser abschätzig über Lyrik, weil sie ihm nicht tauglich schien als Medium des sozialen Engagements.

Die Ausstellung zeigt – es ist eines der eindrücklichsten Exponate – dasjenige Exemplar von Rilkes „Zwei Prager Geschichten“, das er Tolstoj damals schenkte. Das Buch ist nur bis Seite 97 aufgeschnitten – dann erlahmte offenbar Tolstojs Interesse am Werk des jungen Dichters.

Unwillkürlich fragt man sich in Zeiten der e-Reader, was kommenden Generationen an Erkenntnissen entgehen wird – jedenfalls sind solche Zeugnisse aus dem haptischen Zeitalter höchst aufschlussreich. Aber vielleicht kann ja eine App dann die Stelle eruieren, an der ein künftiger Grossdichter das Werk eines Jüngeren für immer zur Seite legt…

Meine Damen und Herren

Diese Schau ist auch kulturpolitisch von Gewicht.

Kulturerbe zu einem einzigen Thema wird aus drei Ländern und aus zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen in einer einmaligen Schau zusammengeführt.

Verantwortlich für dieses Projekt ist das Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Kooperationspartner sind das Staatliche Literaturmuseum der Russischen Föderation in Moskau und das Schweizerische Literaturarchiv der Nationalbibliothek. Ausstellungspartner in der Schweiz ist der Strauhof in Zürich. Gemeinsames kulturelles Erbe, das durch die schreckliche Geschichte des 20. Jahrhunderts getrennt, auseinandergerissen wurde, wird in dieser Schau erstmals wieder zusammengeführt.

Die historische Perspektive wird über die Kunstprojekte mit der zeitgenössischen verknüpft: Die Fotografien von Barbara Klemm und Mirko Krizanovic Der Film von Anastasia Alexandrowa Und der Essay von Ilma Rakusa, den Sie im Katalog lesen können

Für die Schweizerische Nationalbibliothek und das Schweizerische Literaturarchiv bietet die trinationale Zusammenarbeit zwischen der Schweiz, Deutschland und Russland eine einmalige Möglichkeit, über die Schweiz hinaus zu wirken.

Mesdames et Messieurs,

Le projet « Rilke et la Russie » illustre le rayonnement européen de la littérature suisse, mais aussi l’ancrage de la littérature européenne en Suisse.

Car la Suisse ne produit pas que des « écrivains suisses » au sens strict du terme.

Beaucoup d’auteurs que l’on n’associe pas d’emblée à la Suisse ont trouvé ici un lieu propice à la créativité.

Rainer Maria Rilke, qui a vécu en Valais de 1919 à 1926, mais aussi : Thomas et Golo Mann, Emmy Hennings et Hugo Ball, Georges Simenon et Jean Starobinski, James Joyce, Patricia Highsmith et Vladimir Nabokov pour ne citer qu’eux.

Le caractère cosmopolite de la littérature née en Suisse se reflète dans les collections de la Bibliothèque nationale et des Archives littéraires suisses.

Cette exposition montre également combien la Russie – aussi bien rêvée que réelle – a inspiré les gens de lettres dans notre pays.

L’exposition de la Bibliothèque nationale s’accompagne de deux volets consacrés à Blaise Cendrars et à Carl Spitteler, des auteurs dont les débuts littéraires plongent aussi leurs racines en Russie. Cendrars a vécu à Saint-Pétersbourg de 1904 à 1907, envoyé là en apprentissage après avoir interrompu ses études. Spitteler a été précepteur en Russie de 1871 à 1879, fuyant une carrière toute tracée de pasteur après ses études de théologie.

Mesdames et Messieurs,

L’exposition exceptionnelle de la Bibliothèque nationale nous interpelle à plusieurs niveaux, par ses aspects biographique, littéraire, historique mais aussi mythologique.

Elle nous montre combien nos pays sont culturellement proches. Mais aussi combien les mentalités sont empreintes de stéréotypes – qui, entre hier et aujourd’hui, n’ont pas beaucoup changé.

Mais cette exposition montre également que ces stéréotypes, ces projections idéalisées, sont également sources de créativité. La découverte de l’autre peut très bien amener à se trouver soi-même, comme chez Rilke. Car l’inspiration jaillit souvent de l’interaction : entre différents berceaux culturels, entre différentes traditions nationales, entre différentes visions du monde.

Rilke, comme nombre de ses contemporains, a souvent puisé son inspiration dans l’interaction : entre une Russie mystique, perçue comme inaltérée et non corrompue par l’ère moderne ; et une Europe occidentale jugée rationnelle et sans âme.

Aujourd’hui, nombreux sont ceux qui aspirent aussi à un autre projet de société et cherchent une alternative au monde actuel. Dans les sociétés occidentales, beaucoup souhaitent un ralentissement, une certaine décroissance : un retour à l’essentiel, aux idéaux et à la spiritualité. Peut-être aussi un changement complet de paradigme, une ère post-politique. Des valeurs stables, qui transcendent les époques en dépit des temps qui changent.

On a parfois l’impression que ces aspirations sont aussi fortes aujourd’hui que dans l’ambiance « fin de siècle » qui régnait à l’époque.

Mais nous en savons plus aujourd’hui qu’à l’aube du XXe siècle.

Nous savons que le ras-le-bol généralisé de toute une société a été l’un des facteurs qui a précipité la civilisation dans la Première Guerre mondiale.

Les projections idéalisées de Rilke nous rappellent aussi que la quête d’un autre modèle de société est l’une des conséquences inévitables de l’arrivée des temps modernes.

Car la libéralisation des idées, l’économie de marché, les progrès de la science et la démocratie : sont certes sources de prospérité et garants de l’État de droit ; mais amènent aussi leur lot d’inégalités, de déceptions et d’incertitudes.

Et nourrissent la volonté de revenir à une réalité moins crue, de ralentir notre rythme effréné, de marquer un retour à la nature et à la spiritualité.

Cette exposition porte donc un regard éminemment pertinent sur notre époque et sur l’éternelle tentation de fuir la réalité du monde. Une attitude qui finit toujours par s’inscrire aux dépens de la démocratie.

Meine Damen und Herren

1903 schrieb Rilke in einem Brief an Lou Andreas-Salomé: „Dass Russland meine Heimat ist, gehört zu jenen grossen und geheimnisvollen Sicherheiten, aus denen ich lebe.“

Ja, unsere Sicherheiten – gerade unsere Sicherheiten! – gründen wohl letztlich alle in etwas Geheimnisvollem.

Diesen schwankenden Boden, auf dem wir Menschen alle stehen, zum stabilen Fundament zu erklären – das ist immer ein Akt der mutigen Selbsterfindung. „Selbsteinredungs-Energie“, hat das Kurator Thomas Schmidt sehr treffend genannt. Aber nur ein grosser Dichter wie Rainer-Maria Rilke kann diesen Prozess so beschreiben, dass er uns alle berührt. Dass er uns alle an uns selbst erinnert.

Dass Rilke Russland – als Chiffre, nicht als reales Land – zu seiner Heimat erklärt, hat nur auf den ersten Blick etwas Willkürliches.

In Wahrheit hält uns diese literaturgeschichtliche Episode einen Spiegel vor: Wir alle tun das gleiche – nur nennen wir es vielleicht nicht Russland, sondern… … nun, das weiss jede und jeder von uns selbst am besten.

Denn wir alle haben unsere Privat-Mythologie, die uns Halt gibt in einer unberechenbaren Welt.

Rilkes romantisierendes Russland-Bild war stark geprägt von seiner Geliebten Lou Andreas-Salomé. Diesem, wie Sigmund Freud einst schrieb: „Frauenzimmer von gefährlicher Intelligenz“.

Nicht nur Rilke – nein, auch seine aus Petersburg stammende Geliebte und Mentorin erfand sich Russland als Heimat. Und das, obwohl Russland ja tatsächlich ihre Heimat war.

Da ist sie wieder, die „geheimnisvolle Sicherheit“.

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