Bâle
Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.
Sehr geehrte Damen und Herren National- und Ständeräte
Sehr geehrte Regierungspräsidentin
Sehr geehrter Obmann des Fasnachts-Comités
Liebe Fasnächtlerinnen und Fasnächtler
Ich würde Ihnen gerne sagen, wie die Diskussion im Bundesrat abgelaufen sind, als die Kandidaturen für die Aufnahme ins immaterielle Kulturerbe der UNESCO besprochen wurden.
Aber das darf ich natürlich nicht. Amtsgeheimnis!
Ich tue es trotzdem.
An der Basler Fasnacht lässt man schliesslich die Masken des Alltags fallen.
Also: Die Diskussion verlief folgendermassen:
“He jo, he nai, he nai, he jo. He nai, he jo, he nai, he jo. Ihr wänn sicher wisse, um was es do goot. Mir läse s’Protokoll vom Bundesroot.»
Sie merken: Ich bin nicht nur ein Verfechter des Frühfranzösischen – sondern auch den Früh-Schweizerdeutschen. Ja, sogar des Früh-Baseldyytsch.
Aber im Ernst: Die Diskussion im Bundesrat über die Kandidaturen hörte sich schon etwas nach «he jo, he nai» an.
Anders kann man angesichts unserer immensen Vielfalt gar nicht debattieren über ein kulturelles Thema. Denn alle Kandidaturen waren hervorragend. Natürlich waren nicht alle mit der Entscheidung des Bundesrats einverstanden. Wie immer in der Schweiz – ich weiss als Sozial- und Gesundheitsminister, wovon ich spreche. Das klingt dann manchmal eher so: he nai, he nai, he nai.
Meine Damen und Herren
Dass die Basler Fasnacht auf der Liste der UNESCO figuriert, ist eine reine Selbstverständlichkeit. Denn sie hat eine ganz spezielle kulturelle Ausstrahlung:
Es ist eine protestantische Fasnacht! Eine der wenigen weltweit, die ein hervorragendes Renommee geniessen.
Und sie verbindet auf höchst originelle Weise scheinbar unüberwindliche Gegensätze. Sie steht für lustvolle Nüchternheit. Für beissende Satire, die aber nicht verletzt. Der Humor der Schnitzelbänke besticht durch eine Mischung aus Verspottung, Sarkasmus und Esprit. Das Wort «Humor» kommt ja von Feuchtigkeit – der trockene Humor, der die Schnitzelbänke prägt, ist also eine bemerkenswerte Kulturleistung.
Nicht zuletzt bedeutet es für die Schweiz eine Auszeichnung, dass sie international mit Humor in Zusammenhang gebracht wird. Das passiert doch eher selten. Sie kennen ja die Vorurteile: Frage: «Was ist der Unterschied zwischen der Schweiz und dem Wiener Zentralfriedhof?» Antwort: «Auf dem Wiener Zentralfriedhof ist es lustiger.»
Meine Damen und Herren
Die Basler Fasnacht «sprengt den Rahmen» – wie ja auch das Motto der letzten Fasnacht hiess – auch den Rahmen der helvetischen Zurückhaltung und Diskretion.
Aber gleichzeitig trägt sie auch sehr schweizerische Züge.
Wir Schweizerinnen und Schweizer – und wahrscheinlich weltweit NUR wir – wissen, wie man diszipliniert über die Stränge schlägt.
Wir vergessen trotz aller Ausgelassenheit nie den Stellenwert der Pünktlichkeit und der Präzision.
Die „drei scheenschte Dääg“ dauern denn auch genau drei Tage. 72 Stunden – und keine Sekunden länger. Von 4 Uhr morgens am Montag bis 4 Uhr morgens am Mittwoch. Wenn die Kirchglocken vier Uhr schlagen, halten die Trommler und Pfeifer inne – und die Larven werden abgenommen.
Basel mit seiner langen Geschichte des Humanismus und seiner doppelten Grenzlage steht zwar für eine etwas andere Schweiz – aber es steckt eben doch viel Schweiz in Basel. Und viel Basel in der Schweiz.
Gut schweizerisch scheint mir auch, dass an der Basler Fasnacht niemand verschont wird. Es wird nach allen Seiten ausgeteilt – Niemand wird verschont – weder international noch national. Mit viel staatspolitischem Gespür kommen alle an die Kasse: Gemeinde, Kanton und Bund.
Das ist ein echter Beitrag zur politischen Kultur!
Meine Damen und Herren
Die Basler Fasnacht hat eine gewaltige Breitenwirkung.
Viele Tausende Aktive jeden Alters, jeder Herkunft, jeder politischen Überzeugung finden an der Basler Fasnacht zusammen. Zu ihrer eigenen Freude, aber auch zur Freude von rund 200’000 Besucherinnen und Besuchern aus dem In- und Ausland.
Die Basler Fasnacht und ihre Cliquen prägen das gesellschaftliche Leben.
Ohne die Tausenden von Mitgliedern und Freiwilligen könnte die Basler Fasnacht nicht stattfinden.
Einmal im Jahr sind zahlreiche Menschen bereit, ihren Alltag hinter sich zu lassen, um an diesem grossartigen Ereignis mitzuwirken. Nein, dieses Ereignis überhaupt erst Wirklichkeit werden zu lassen.
Dieser Ausbruch aus dem Alltag bedeutet aber nicht Eskapismus – vielmehr wirkt dieses kollektive Erlebnis mächtig in den Alltag hinein.
Die Basler Fasnacht wohnt eine immense Integrationskraft inne: Die Fasnachts-Teilnehmer begreifen sich als eine grosse Familie und bleiben ihren Cliquen ihr Leben lang treu. Eine solche Gesellschaft nimmt an den grossen Lebensereignissen ihrer Mitglieder aktiv teil – Heirat, Geburtstage, Tod. Eine grosse Bedeutung kommt auch der Geselligkeit, dem Austausch zwischen den Generationen zu.
All das lässt Gemeinschaft entstehen. Deshalb ist die Fasnacht auch ein probates Mittel für die Integration von Neu-Zuzügern.
Und noch viel verblüffender als die Annäherung von Beppi und Expats: Sogar Basel Stadt und Basel Landschaft kommen zusammen! Kurz: An der Basler Fasnacht geht es darum, was Leute verbindet – und nicht darum, was sie trennt.
Unser Kulturerbe ist wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. In der Schweiz mit ihrer enormen Vielfalt ganz besonders. Unser Kulturerbe ist unser Erinnerungsschatz und das Fundament, auf dem wir unsere Zukunft gestalten. Mesdames et Messieurs,
L’inscription du Carnaval de Bâle au Patrimoine culturel de l’UNESCO est un grand honneur : pour la Suisse, mais aussi et surtout pour la ville de Bâle et pour toutes les personnes qui se mobilisent année après année pour organiser cette manifestation.
La Suisse, pays de bâtisseurs de ponts et de tunnels, excelle dans la construction d’infrastructures de classe mondiale. Cette inscription au Patrimoine culturel immatériel de l’UNESCO nous rappelle que nous possédons aussi un autre type d’infrastructure, qui n’est pas taillé dans le roc, mais n’en est pas moins important pour autant. Il montre :
des interactions sociales, des formes d’expression orale, des fêtes traditionnelles, des connaissances de la nature, mais aussi un artisanat qui révèle toute sa valeur artistique.
Le Carnaval de Bâle, ce fantastique projet collectif, nous rappelle que la Suisse, que notre société, doit toujours chercher à unir ses forces autour de projets communs, qui nous permettent à chaque fois de nous redécouvrir les uns les autres.
Meine Damen und Herren
Einer meiner ehemaligen Amtskollegen aus der Romandie, Bundesrat Delamuraz, sagte einst: «Die Schweizer stehen früh auf – aber sie erwachen spät».
Offenbar war Bundesrat Delamuraz nie am Morgenstreich. Ich schon, vor zwei Jahren. Ich kann bestätigen: Wir standen früh auf – aber wir waren auch früh wach. Und haben eine köstliche Mehlsuppe gegessen.
Avantgardistisch – also früh wach – ist die Basler Fasnacht auch insofern, als dass sie als IMMATERIELLES Kulturgut auch im Zeitalter des Virtuellen eine grosse Zukunft haben wird.
Falls dieser Gedanke Ihnen etwas kryptisch vorkommt, hat das seinen Grund: Es ist eben keine Basler Pointe – sondern eine Bundesberner Pointe. Die müssen immer zuerst in die Ämterkonsultation. Und dann auch noch in die Vernehmlassung.
Deshalb dauert es mindestens drei Jahre, bis man merkt, ob sie funktionieren.
Nochmals herzliche Gratulation an alle, die die Basler Fasnacht jedes Jahr ermöglichen.