Bâle
Es gilt das gesprochene Wort.
Hochgeachteter Herr Vorsitzender Meister
Hochgeachtete Herren Meister und Altmeister
Sehr verehrte Herren Statthalter und Altstatthalter
Sehr verehrte Herren Vorgesetzte und Altvorgesetzte
Verehrte Damen und Herren Mitehrengäste
Und vor allem:
Liebwerte Gesellschaftsbrüder der Drei Ehrengesellschaften Kleinbasels
Ich habe mich sehr gefreut über Ihr Einladung.
Sie ist eine grosse Ehre!
Deshalb sage ich:
E häärzligs Danggescheen!
Sie sehen: Ich bin nicht nur ein Verfechter des « Frühfranzösisch » – sondern auch des « Früh-Baseldyytsch »…
Allerdings habe ich mich natürlich auch gefragt, weshalb Sie ausgerechnet MICH eingeladen haben ans legendäre und doch eher üppige «Gryffe-Mähli».
Den Gesundheitsminister!
Feind der Kalorien, des Salzes, des Zuckers und überhaupt jedes kulinarischen Vergnügens.
Ein Eintrag im Haeren-Archiv aus dem Jahr 1747 vermerkt,
dass das Mähli sich über zwei Tage ausdehnte (!)
Und rund 150 Jahre später war am Gryffe-Mähli noch immer keine Mässigung in Sicht:
1898 standen jedem Teilnehmer 4 (vier!) Flaschen Wein zur Disposition –
«zur Erquickung des Herzens», wie es hiess.
Ich weiss schon, weshalb Sie mich eingeladen haben:
Sie wollen mir heute offenbar dabei zusehen,
wie ich mich hoffnungslos überesse –
und wenn möglich auch noch zu viel trinke.
Das muss eine Retourkutsche sein für die Präventionskampagnen des Bundesamtes für Gesundheit.
Für «5 mal Obst und Gemüse» am Tag.
Eigentlich hätte ich ja schon gewarnt sein müssen durch die Kleinbasler Silhouette:
Sehen Sie sich nur den «Bau 1» von Roche an:
oben ganz schmal und unten extrem breit.
dieser Body-Mass-Index ist alles andere als optimal.
So viel kann man gar nicht auf natürliche Weise abnehmen,
da helfen dann nur noch Medikamente…
…zum Beispiel von Novartis.
Sorry, aber als Bundesrat bin ich zur Neutralität verpflichtet.
Meine Damen und Herren
Im Ernst: Ich muss Ihnen gratulieren.
Dieser Begriff «Gryffe-Mähli» – dieser Diminutiv für ein gewaltiges Gelage –
Das ist schlicht genial.
Das inspiriert mich auch für die Politik:
Rahmenverträgli.
Reförmli.
Kampfflugzügli.
Und so wirkt auch die Lage in Europa viel entspannter:
Staatsschüldeli.
Populischtli.
Brexitli.
Aber vielleicht ist der Grund für die Einladung ja ein ganz anderer:
Schliesslich lautet das heutige Motto: MISSVERSTÄNDNISSE.
Und in Sachen Missverständnisse bin ich einer der führenden Experten im Lande.
Zum Beispiel ist die Schweiz felsenfest davon überzeugt, dass meine Reform der Altersvorsorge 2020 sei gescheitert.
Ein grosses Missverständnis!
Meine Altersvorsorge war ein riesiger Erfolg – nur das Volk ist leider durchgefallen!
Obwohl es auch sehr vernünftige Bürger gibt, die genau wissen, dass es Reformen braucht.
Einen solchen traf ich einst bei einer Rede in Lausanne. Ein freundlicher Herr kam auf mich zu und lobte die Vorschläge des Bundesrates.
Diese seien wirklich sehr vernünftig. Aber angesichts des demographischen Wandels sei Rentenalter 65 …nun ja: etwas mutlos, etwas lasch. Der Bundesrat hätte das Alter auf 66 oder 67 anheben sollen, mindestens. Am liebsten gleich auf 68. Aber die Richtung stimme immerhin, also unterstütze er mich dabei.
Ich bedankte mich, wies darauf hin, dass auch schon das Rentenalter 65 für Frauen ziemlich kontrovers sei und die Reform ja am Schluss in einer Volksabstimmung durchkommen müssen.
Dann fragte ich ihn, was er beruflich mache. Er sagte mir, er sei Direktor einer Stiftung und werde sich nächstes Jahr frühpensionieren lassen. Mit 58…
Meine Damen und Herren
Wenn ich schon dabei bin, dann lassen Sie mich ein weiteres Missverständnis aus dem Weg räumen.
Man sagt ja häufig, der Bundesrat sei etwas langsam, nicht ganz auf der Höhe unserer rasenden, digitalen Gegenwart.
Wir dürfen ja nicht einmal das Handy ins Bundesratszimmer mitnehmen.
Und dann der Name:
Nicht «Chief National Digital Officer».
Sondern: « Bundesrat ».
Unverändert seit 1848.
So langweilig!
Aber wir sind viel dynamischer als man denkt.
Die Digitalisierung macht auch bei uns Fortschritte.
Wir haben jetzt sogar Roboter in der Regierung.
Ich kann jetzt nicht sagen, wie viele – aber ich versichere Ihnen:
Sie sind nach Landesteil, Kanton, Muttersprache und Geschlecht ausgewogen ausgewählt worden.
So, wie ja auch die Kleinbasler Ehrengesellschaften sich jetzt aktiv um die Aufnahme von Frauen bemühen.
Äh, nein, das war jetzt schon wieder ein Missverständnis.
Sie werben die Frauen ja nicht aktiv an –
Sie warten einfach SEHNLICHST darauf, dass Frauen sich endlich um Aufnahme bemühen…
Auch das freut mich natürlich, denn ich bin ja auch zuständig für das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann.
Aber zurück zur Roboterisierung – die ist zum Glück geschlechtsneutral.
Ja, die Roboterisierung im Bundesrat trägt, wie Sie vielleicht bemerkt haben, schon erste Früchte:
Die Verknüpfung von AHV und Steuerreform,
die Ueli und ich –
ich meine jetzt: MEINEN Ueli, nicht Ihre vier Ueli –
diesen Frühling vors Volk bringen,
ist so eine Frucht.
Zwei gescheiterte Reformen zu einer Vorlage zu verschmelzen,
das wäre keinem Politiker je in den Sinn gekommen.
Das kann nur das Werk von Künstlicher Intelligenz sein!
Verehrte Damen und Herren
Missverständnisse gibt es auch im Ausland, was die Schweiz betrifft:
Das habe ich als Bundespräsident gemerkt.
Bis ich der Präsidentin der Marshall-Islands nur schon erklärt hatte, dass die Hornkuh-Initiative etwas völlig Anderes ist als die Milchkuh-Initiative…
Wir Schweizer fühlen uns eben oft etwas unverstanden.
Ein bisschen so wie ein Kleinbasler auf der anderen Seite des Rheins.
Eines der verbreitetsten Missverständnisse betrifft die Grösse unseres Landes:
Kleinstaat?!
Im Ernst?
Nein, sagte ich zu Donald Trump vor einem Jahr – und zitierte – ganz America first! – den amerikanischen Schriftsteller Mark Twain, der einst treffend schrieb:
„Die Schweiz wäre ein gewaltiges Land,
wenn man sie flachbügeln würde“.
Meine Damen und Herren
Ja, die Schweiz hat durchaus Grund für Selbstbewusstsein.
Gewiss, die europapolitische Situation zieht sich hin.
Europa tut sich noch etwas schwer.
Gewisse Kreise wehren sich noch gegen den Gedanken,
dass ihre Länder künftig von ausserhalb regiert werden sollen.
Aber das ist ein grosses Missverständnis!
Wir in Bern würden ja nur gewisse Regeln erlassen, die für das Funktionieren des erweiterten Schweizer Binnenmarktes nötig wären.
Die Schweiz-Skeptiker in der EU wollen ihre politische Selbstbestimmung jedoch nicht auf dem Altar wirtschaftlicher Vorteile opfern.
Das muss man akzeptieren, eine völlig legitime Haltung.
Aber eben: Man muss realistisch bleiben.
Wie schrieb doch einst Friedrich Dürrenmatt: «Die Welt muss verschweizern oder untergehen».
Daran hat sich nichts geändert.
Der Beitritt der EU zur Schweiz ist nur noch eine Frage der Zeit.
Vielen Dank.