Bâle
Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.
Meine Damen und Herren
Wir leben in rätselhaften Zeiten.
Sind es Zeiten des Aufbruchs – oder des Rückzugs?
Des Fortschritts – oder der Rückkehr zu Zuständen, die wir längst überwunden wähnten?
Verbindet uns das Internet – wie es sein Name suggeriert?
Oder trennt es uns nicht vielmehr?
Driften wir vielleicht sogar REAL auseinander,
eben weil wir uns VIRTUELL zu nahe gekommen sind?
Die Unübersichtlichkeit wächst – und mit ihr wächst,
nein: nicht die Vorsicht im Urteil.
Sondern die Rechthaberei.
Manchmal scheint es, als gebe es überhaupt nur noch kristallklare Meinungen.
Alle haben permanent Recht – da kann schon rein logisch etwas nicht stimmen…
Das sokratische Nicht-Wissen ist jedenfalls akut bedroht.
Das Besser- und Allwissen greift sogar auf die Zukunft über.
Der Algorithmus sagt uns – oder diktiert er es uns sanft? –,
was uns noch alles interessieren könnte aufgrund einer Lektüre oder eines online-Einkaufs.
„Predictive analytics“ heisst das im Silicon Valley.
Alles steht schon fest, bevor es überhaupt die Chance hat, zu geschehen.
Das Unbekannte, Unbeherrschbare, Unheimliche: Es stört und muss falls nötig diszipliniert werden.
Und hier kommt die Kunst ins Spiel.
Denn sie hat einen grossen Vorteil:
Die Kunst setzt sich kritisch mit der Gegenwart auseinander – ohne Recht behalten zu müssen.
Sie ahnt – aber sie weiss nicht.
Sie fragt – aber sie fühlt sich nicht zur Antwort verpflichtet.
Die Kunst bleibt im Ungefähren – aber darin genau besteht ihre Präzision.
Sie zeigt uns, dass wir uns selber letztlich unerklärlich bleiben.
Alles ist berechenbar –
ausser wir und unsere Erfahrungen.
Mesdames et Messieurs,
Le Conseil fédéral est convaincu que l’encouragement de la culture est important pour notre pays.
Pour la cohésion de la société,
pour sa capacité à innover,
pour la diversité régionale et linguistique.
Il y a deux semaines, le Conseil fédéral a envoyé le message Culture 2021-2024 en consultation.
Les trois axes d’action – la participation culturelle, la cohésion sociale et la création & ; l’innovation – sont maintenus.
Une grande continuité, donc.
Mais quelques nouveautés aussi. Il s’agit, par exemple, de mieux prendre en compte la numérisation.
Le Conseil fédéral entend aussi mettre l’accent sur les échanges scolaires et l’encouragement de la musique. Et veut davantage s’engager pour l’égalité entre hommes et femmes dans le domaine culturel et pour une rémunération convenable des acteurs culturels.
Entre continuité et nouveautés : la devise vaut aussi pour les Prix suisses d’art.
Depuis leur première édition il y a 120 ans en 1899, les Prix suisses d’art offrent aux créateurs la possibilité, pour une durée déterminée, de penser et de créer sans pression et en dehors d’une logique de rentabilité. Avec ses prix, la Confédération apporte ainsi des espaces de liberté aux créateurs.
Toutefois, ce soutien ponctuel implique aussi que les artistes doivent pouvoir, à terme, voler de leurs propres ailes, trouver des partenaires professionnels et vivre du fruit de leur travail.
Le Concours suisse d’art se réinvente malgré – ou peut-être justement en raison de – son grand âge : l’une des grandes nouveautés de l’édition 2019 de l’exposition Swiss Art Awards concerne les domaines Architecture et Critique/Édition/Exposition. Il s’agit de permettre aux architectes et aux commissaires d’exposition de présenter un travail conçu exprès pour le concours à un public international dans le cadre des Prix suisses d’Art.
Avec cette nouveauté, l’Office fédéral de la culture entend mettre en lumière tant le travail des architectes que celui des médiateurs culturels et des commissaires d’exposition et montrer la diversité de ces deux disciplines.
Mit dem Grand Prix Suisse d’art / Prix Meret Oppenheim werden Kunst-, Vermittlungs- oder Architekturwerke von herausragender Bedeutung ausgezeichnet.
Werke, deren Ansatz unsere Wahrnehmung nachhaltig beeinflusst haben
und die einen wesentlichen Beitrag zur Bereicherung der Debatte über das Wesen von Kunst und Architektur geleistet haben.
Die Preisträgerinnen und Preisträger haben mit ihren Projekten die Codes und Formen der Kunst selbst hinterfragt,
um so effektiv wie möglich auf die Fragen unserer Zeit eingehen zu können.
Meine Damen und Herren, lieber Herr Peter
Der diesjährige Grand Prix d’art der Schweiz steht im Schatten des plötzlichen Todes von Marcel Meili am 19. März.
Marcel Meili und Sie, sein langjährigen Partner Markus Peter, waren kurz zuvor für ihren aussergewöhnlichen Beitrag zur Schweizer Architektur geehrt worden.
Marcel Meili war ein leidenschaftlicher Architekt, Lehrer und Intellektueller. Er war ein Mäzen – oder, wie er selber präziser zu sagen pflegte: ein Investor – der sich für Energie, Wasser und Ressourcen sowie für Gesundheit und Kultur einsetzte.
Er hinterlässt eine riesige Lücke – beruflich wie privat.
Wir sind traurig – und zugleich stolz, Marcel Meilis Vermächtnis heute Abend zusammen mit Markus Peter und mit seiner Familie feiern zu können.
Und wir hoffen, dass dieser Preis auch Menschen, die ihn nicht kannten, die Möglichkeit gibt, ihn zu entdecken – als hervorragenden Vertreter der Schweizer Architektur, der sich auch immer wieder kraftvoll und originell in öffentliche Debatten eingeschaltet hat.
Marcel Meili hat unser Land geprägt – mit seinen Gebäuden, mit seinen Gedanken und mit seinem Engagement als Bürger, der wusste, dass unsere Demokratie nur einen wirklich gefährlichen Feind hat: die Gleichgültigkeit.
Meine Damen und Herren
Eine weitere Gewinnerin eines Grand Prix ist Shirana Shahbazi.
Sie ist die jüngste Gewinnerin seit der Gründung des Preises im Jahr 2001.
Stärke, Freiheit, Präzision: Diese Eigenschaften definieren Shahbazis Persönlichkeit genauso wie sie ihre Arbeit beschreiben.
Im Laufe Ihrer Karriere hat Shirana Shahbazi in ihrer Fotografie einen einzigartigen Ansatz entwickelt,
der uns beim Betrachten ihrer Bilder nicht nur zum Nachdenken über das Abgebildete einlädt,
sondern auch dazu,
über die Bedingungen und Möglichkeiten des Mediums Fotografie zu reflektieren.
Meine Damen und Herren
1819, als vor genau 200 Jahren, kam der vielleicht berühmteste Kunstvermittler der Geschichte zur Welt: John Ruskin.
Sein berühmtes Buch über William Turner trägt den Untertitel:
«Von der Wahrheit».
Ruskins künstlerischer Wahrheitsbegriff besticht bis heute – heute sogar ganz besonders: die empfundene Wahrheit ist präziser als die plump naturalistische.
Alle reden heute von post-truth, alternative truth, fake news:
Vielleicht liegt die beste Strategie ja nicht in der geharnischten Gegenrede –
sondern in der Erweiterung des Wahrheitsbegriffs.
Wie dem auch sei: Eine hoch stehende Kultur- und Kunstvermittlung ist unverzichtbar.
Und die Situation des Medienmarkts – nicht zuletzt des Feuilletons – ist ernst, das muss ich hier nicht betonen.
Dass die Eidgenössische Kunstkommission dieses Jahr mit Samuel Schellenberg einen engagierten Kulturjournalisten auszeichnet, scheint mir auch vor diesem Hintergrund ein starkes Signal zu sein.
Meine Damen und Herren,
Gute Kunst ist gesellschaftlich relevant.
Sie kann gar nicht anders, als gesellschaftlich relevant zu sein – deshalb unterstützt sie der Bund.
Ich danke der Eidgenössischen Kunstkommission für ihre wertvolle Arbeit!
Und ich gratuliere allen Preisträgerinnen und Preisträgern herzlich!