Winterthour
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Sehr geehrte Leiter der Kurzfilmtage
Liebe Freunde des Kurzfilms
Was ist eigentlich ein KURZFILM?
Das ist nicht ganz klar.
Was ein LANGFILM ist, das wissen wir.
«Ben Hur» zum Beispiel: 3 Stunden und 44 Minuten.
Oder «Sleep» von Andy Warhol: 5 Stunden und 12 Minuten.
Oder «Crude Oil», ein chinesischer Dokumentarfilm von 2008 über den Alltag von Öl-Arbeitern in der Mongolei.
Dauer: 14 Stunden.
Das waren die Kurzfilme unter den Langfilmen.
Jetzt zu den Werken, die sich etwas mehr Zeit lassen:
Zum Beispiel «Matrjoschka», ein Experimentalfilm der deutschen Künstlerin Karin Hoerler aus dem Jahre 2006.
Dauer: 95 Stunden.
Zur Frage,
ob hier auch allfällige Pausen eingerechnet sind,
liegen mir leider keine Angaben vor.
Meine Damen und Herren
Ein Langfilm dauert zwischen drei Stunden und 35 Tagen – so lange ist der längste Film der Welt.
Er heisst «Logistics» und wurde 2012 von den Schweden Erik Magnusson und Daniel Andersson gedreht.
Noch länger dauert nur noch «Brexit – the Movie».
Dieser Film läuft jetzt schon seit dreieinhalb Jahren.
Und nicht zu vergessen:
Die Filmfassung der AHV-Reform.
Die dauert unendlich.
Im Ernst: Im Gegensatz zum Langfilm tobt beim Kurzfilm eine Debatte darüber, wie lange er sein kann, sein muss oder idealerweise sein soll.
Hier in Winterthur ist das so definiert:
Für den internationalen Wettbewerb gilt eine Maximallänge von 30 Minuten.
Für den Schweizer Wettbewerb jedoch darf ein Film bis zu 40 Minuten lang sein.
Seltsam…
Ich vermute, das ist eine Konzession an Bundesbern, wo die Mühlen etwas langsamer mahlen.
Meine Damen und Herren
Der Kurzfilm ist ein Labor der Kreativität.
Er ist – finanziell – ein Medium des BESCHRÄNKTEN Risikos.
Und gleichzeitig ist er künstlerisch ein Medium des UN-BESCHRÄNKTEN Risikos.
Und er ist ein Medium, das dazu einlädt, die Genres zu mischen, aus gewohnten Formen auszubrechen.
Ein Künstler, der das Medium Kurzfilm in all seinen Möglichkeiten ausschöpft, ist James Kienitz Wilkins, dem dieses Jahr ein Fokus gewidmet ist.
Der uns aus unseren Sehgewohnheiten aufrüttelt.
Und zwar, indem er seinerseits unvorhersehbar ist.
Meine Damen und Herren
Wenn es den Kurzfilm nicht gäbe, man müsste ihn erfinden für unser Zeitalter der Kürze.
Nächste Jahr startet die Kurz-Video-Plattform «Quibi», ein Projekt des Dreamwork-Gründers Jeffrey Katzenberg und der ehemaligen e-bay-Chefin Meg Whitman.
Dort werden Kurzfilme beziehungsweise Serien-Episoden mit einer Länge zwischen 6 und 10 Minuten zu sehen sein – statt von 40 bis 50 Minuten, wie wir sie von heutigen Streaming-Diensten gewöhnt sind.
Dem Kurzfilm wird also noch mehr Achtung und Beachtung entgegengebracht werden als bisher.
Die Aufmerksamkeitsökonomie bietet also grosse Chance für dieses Medium.
Und der qualitative hochstehende Kurzfilm ist seinerseits eine grosse Chance für unsere Aufmerksamkeitsökonomie.
Denn was heute gefragt ist, ist Kürze ohne inhaltliche Verkürzung.
Wir sind darauf angewiesen, dass kurz nicht oberflächlich bedeutet.
Sondern dass kurz bedeutet:
konzentriert auf die Essenz einer Handlung, einer Situation oder einer Persönlichkeit.
Meine Damen und Herren
Die Kurzfilmtage Winterthur sind das wichtigste Schweizer Kurzfilmfestival.
Sie geniessen auch jenseits der Schweizer Grenzen einen ausgezeichneten Ruf; sind ein Treffpunkt der europäischen Kurzfilmszene.
Sie zeichnen sich seit über zwei Jahrzehnten durch hochstehende Qualität und einen Geist der Innovation und der künstlerischen Neugier aus.
Meine Damen und Herren
Kein Thema ist zu gross, um es nicht im Medium des Kurzfilms zu ergründen.
Das diesjährige Festival richtet sein Augenmerk auf die Frage nach der Zukunft sowie auf Brasilien, eines der vielfältigsten Länder der Welt.
Vielleicht sind es ja gerade die grossen Themen, die sich am besten abhandeln lassen durch Schlaglichter statt erschöpfende Analysen.
Durch ein kurzes, aber erkenntnisreiches Eintauchen
statt durch ein Vollbad der Emotionen und Informationen.
Der Kurzfilm ist ein sokratisches Medium – er stellt prägnante Fragen, überlässt mögliche Antworten aber dem Publikum.
Er ist ein Medium der Ermutigung zum eignen Nachdenken.
Meine Damen und Herren
Der Kurzfilm ist eine Kunstform der Verdichtung und der Verknappung.
Aber eben: Wie knapp genau?
Falls man einen Oscar gewinnen will, sollte ein Kurzfilm idealerweise 23 Minuten und 16 Sekunden dauern.
das ist die durchschnittliche Dauer aller Kurzfilme,
die seit 1957 einen Oscar gewonnen haben.
Auf keinen Fall sollte er statistisch gesehen weniger als 14 Minuten oder mehr als 30 Minuten dauern.
Der deutsche Kurzfilmpreis zieht die Grenze bei 7 Minuten und 30 Sekunden.
So gewinnt man natürlich nie einen Oscar…
Aber was in Deutschland kurz ist – das ist in Frankreich lang.
Das «International Festival of Very Shorts» in Paris zeigt Filme, die weniger als drei Minuten lang sind.
Und das internationale Online-Festival «Filminute» zeigt ausschliesslich «Ein-Minuten-Filme».
Über die angemessene Länge der Eröffnungsrede an einem dieser Festivals könnte man ins Grübeln geraten.
1 Minute?
10 Sekunden?
Hier in Winterthur ist man ja weniger streng. Trotzdem höre ich jetzt lieber auf zu sprechen.