Soleure

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Meine Damen und Herren

Mein Name ist ALAIN BERSET.

Merken Sie etwas?

11 Buchstaben!

Ich nehme an, dass Sie mich aufgrund der magischen Länge meines Namens eingeladen haben.

Alle anderen Mitglieder des Bundesrates haben entweder mehr oder weniger Buchstaben im Namen.

In Bern haben wir es sowieso eher mit der Zahl 7.

Wobei:

Es gibt schon Themen,

bei denen wir es im Bundesrat schaffen,

11 verschiedene Meinungen zu haben,

obwohl wir nur 7 sind.

Aber zurück nach Solothurn.

Ja, die magische, die heilige Elf:

Besonders faszinierend ist das Zifferblatt, das nur 11 Stunden anzeigt.

Der Orts-Fremde fragt sich natürlich:

Was machen Sie in Solothurn eigentlich in den 2 Leer-Stunden vor Mittag beziehungsweise vor Mitternacht?

«Öufi»-Bier trinken?

Natürlich wird in Solothurn auch nicht der 10. Geburtstag gross gefeiert – sondern der 11.

Und jetzt das: 2’000 Jahre Solothurn.

Was ist in Sie gefahren?

Verstehen Sie mich richtig: Ich will wirklich nicht Ihr Jubiläum anzweifeln.

Aber 2000 geteilt durch 11 ergibt 181,818182.

Das geht definitiv nicht auf.

Wieso, habe ich mich gefragt, feiern Sie nicht den 2002. Geburtstag?

2002 geteilt durch 11 gibt ein makelloses Resultat: 182.

Aber nein, es mussten 2000 Jahre sein.

Als ob Solothurn eine ganz normale Stadt sei.

Aber dann habe ich es gemerkt!

Als ich nämlich auf den Chronisten Franz Haffner aus dem 17. Jahrhundert gestossen bin.

Dieser hat die Gründung von Solothurn auf das Jahr 3127 vor Christus festgelegt.

Wenn man 3127 Jahre zu den 2000 Jahren dazuzählt, gibt das 5127 Jahre – und wenn man diese Zahl durch 11 teilt, kommt man auf 466.

Ohne Rest.

Magisch!

Ich gratuliere Solothurn zum 5127. Geburtstag!

Meine Damen und Herren

Ich möchte Ihnen 11 Gründe aufzählen, wieso das heute ein Freudenfest ist.

Für Solothurn, aber auch für die ganze Schweiz.

ERSTENS: Solothurn ist ein Brückenkanton – und die Stadt ist es noch in verstärktem Ausmass.

Wie schrieb doch einst der Essayist Fritz René Allemann:

„Solothurn spricht deutsch,

aber es fühlt unverkennbar romanisch.“

ZWEITENS: Der besondere Geist von Solothurn.

Diesen habe ich persönlich kennengelernt in der Person von Aschi Leuenberger.

Als ich damals in den Ständerat gewählt wurde, hat er sich freundschaftlich um mich gekümmert.

Die rituellen Abläufe, das viele Papier.

Und dass man pünktlich zum Morgenappell da sein muss.

Dass es überhaupt einen Morgenappell gibt…

Und was es mit dem Rösslispiel am letzten Sessionstag auf sich hat. Das war alles neu für mich.

Kindergarten im Parlament, das kennen Sie. Aber ein Rösslispiel ist wahrscheinlich jetzt auch neu für die meisten von Ihnen.

Also: Am letzten Sessionstag stehen die Ständerätinnen und Ständeräte im Kreis und verabschieden sich vor der Sitzung per Handschlag voneinander, weil sie gleich nach der Sitzung in alle Richtungen aufbrechen.

Nach meinem Jahr als Ständeratspräsident wurde mir im Saal der Stuhl von Aschi zugeteilt.

Es war für mich eine Selbstverständlichkeit, diesen Platz nachher seinem Nachfolger Roberto Zanetti zu überlassen.

Da ist der Solothurner Stuhl im Ständerat.

Aschi hat mir sehr geholfen. Ganz am Anfang – noch vor allem andern, ich glaube, es war am ersten Tag – hat er mir den Verhaltenskodex in der Chambre de Refléxion erklärt.

Er hat gesagt: „Me tu-et hi-e u-fe-nang lose – u geit nid u-fe-nang los!“

Sie sehen, ich habe ein bisschen Dialekt gelernt.

Früh-Solothurnerisch, sozusagen…

Und – nicht zu vergessen – auch eine gut schweizerische Polit-Tradition.

DRITTENS: Der Wengi-Geist.

„Me tu-et hi-e u-fe-nang lose – u geit nid u-fe-nang los!“

Das ist die politische Grundhaltung,

die die Geschichte des Kantons Solothurn durchzieht.

Verkörpert wird diese Haltung durch den berühmten Wengi, der den Ausbruch eines Religionskrieges verhindert hat.

Ausgleich, Vermittlung, Mässigung, Weisheit, Vernunft.

Tugenden, die unter Druck stehen in Zeiten der Polarisierung und des Lagerdenkens.

Die Mässigung gilt heute vielen als Schwäche.

Die Weisheit, die es für Kompromisse braucht, gilt mancherorts als Kapitulation vor dem politischen Feind.

Dabei beweist unsere Bundesverfassung, dass die Schweiz gerade auf der Erkenntnis aufgebaut ist,

dass BEIDE Seiten gewinnen können.

Dass der Sieg der einen Seite

Nicht die Niederlage der anderen Seite bedeuten muss.

Unser Erfolg als Land zeigt: Gute Kompromisse sind oft GRÖSSER als der kleinste gemeinsame Nenner.

Aus guten Kompromissen

Entstehen oft nachhaltige Lösungen

Was die Welt braucht, ist Wengi-Geist.

Gewiss, harte Debatten sind gut, sogar nötig, gerade in der Schweiz mit ihrer halb-direkten Demokratie.

Aber die Gehässigkeit – und leider manchmal auch der Hass – dürfen nicht die Wahrnehmung dominieren.

Angefeuert nicht zuletzt durch UN-social media,

die die Vehemenz, aber auch Verbreitung und Geschwindigkeit so gesteigert haben,

dass die Vernunft, das Abwägen, die Suche nach guten Argumenten oft zu kurz kommt.

Die Wut ist nicht an der Macht,

aber die Wut bestimmt zunehmend die Agenda.

Umso mehr gilt: Wir müssen unsere Kompromissfähigkeit erhalten.

Sonst versperrt uns das engherzige, erbitterte Entweder-Oder die Sicht auf das grosse Ganze, von dem ein gelungenes Leben und Zusammenleben immer abhängt.

VIERTENS: Der Liberalismus. Der Freisinn ist traditionell sehr stark in Solothurn.

Umso mehr freut es mich, dass man eines der Wahrzeichen der Stadt der Sozialdemokratie gewidmet hat:

Den Roten Turm.

Nein, ich weiss – ich wollte mal versuchen, ob das mit den fake news wirklich funktioniert…

Damit man mir keinen Vorwurf machen kann, ich betreibe Parteipolitik. Bleibt nur eines:

Statt die eigene Partei den politischen Gegner loben!

Zum Beispiel einen Vertreter der FDP.

Am 1. Mai 1890 – Ja am 1. Mai – sagte dieser liberale Politiker:

„Auf dem ganzen Erdenrund demonstrieren heute Millionen von Arbeitern.

Die jetzige Bewegung ist sozusagen die Fortsetzung der Revolution von 1789.

Nur muss es sich heute um die Befreiung des Vierten Standes handeln,

wie es sich in der französischen Revolution um die Befreiung des dritten Standes gehandelt hat.“

Der zitierte Freisinnige war natürlich Wilhelm Fürholz, einer der Mitbegründer der SP Solothurn.

Wilhelm Fürholz wusste, dass eine bessere Schweiz nicht von alleine kommt – oder indem man sie sich herbeiwünscht.

Dieses Engagement, diese Hartnäckigkeit, dieser Wille, die Verhältnisse zu verbessern – das alles ist heute genauso notwendig, wie es 1890 war.

Und dazu braucht es alle politischen Parteien und Kreise in unserem Land.

Denn die Parallelen zum Ende des 19. Jahrhunderts sind verblüffend:

Die Unsicherheit und das Unbehagen an der Globalisierung – sie nehmen auch heute zu.

Die soziale Frage ist am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht minder virulent als damals.

Die weniger Leistungsfähigen, die Älteren, die Kranken oder die nicht hundertprozentig Gesunden – sie alle haben es schwer in einer immer härteren Arbeitswelt.

Und ob die Digitalisierung zu prekären Arbeitsverhältnissen führt, kann zumindest nicht ausgeschlossen werden; das müssen wir alle zusammen verhindern.

Der Erfolg der Schweiz gründet in der Überzeugung, dass es uns selbst besser geht, wenn es auch den andern gut geht.

Die Geschichte der Ambassadoren-Stadt Solothurn zeigt uns: Souveränität war noch nie absolut in unserer Geschichte.

Nach der Schlacht von Marignano schlossen die Eidgenossen den Ewigen Frieden mit Frankreich.

Damals tauschten wir Söldner gegen französischen Schutz und Handelsprivilegien.

Denn die wirtschaftlichen Beziehungen waren so existentiell wichtig,

dass man sich mit der damaligen europäischen Vormacht Frankreich arrangieren MUSSTE.

Diese Phase unserer Geschichte dauerte 300 Jahre lang. Wenn wir daran danken, müssen wir feststellen:

Der sogenannte „Ewige Frieden“ zwischen der Alten Eidgenossenschaft und Frankreich war ganz bestimmt kein besonders stolzes bilaterales Verhältnis,

bei dem unsere Souveränität völlig unberührt blieb.

Um es sehr vorsichtig zu formulieren.

Wir stellen fest: Die Schweiz hatte früher in der Regel eine eher komplizierte Position

mitten auf dem Kontinent Europa.

Wir können uns eine gewisse Gelassenheit durchaus leisten.

Die heutige Situation mag zwar etwas verfahren sein – dramatisch oder neu ist sie ganz bestimmt nicht.

Und wie auch immer es weitergeht in unseren Beziehungen zur EU: Wir werden mehr Souveränität haben als damals im sogenannten Ewigen Frieden.

Die EU ist nicht nur unser mit Abstand wichtigster Handelspartner.

Was uns als Europäer vereint, ist und bleibt weit grösser, als das, was uns trennt. Kulturell, gesellschaftlich, geopolitisch.

Deshalb wollen wir diese Beziehungen weiter entwickeln und zukunftsfähig machen.

Ich bin überzeugt, dass das gelingen wird: Denn BEIDE Seiten sind an guten und geregelten Beziehungen interessiert.

Solothurn ist die heimliche Kulturhauptstadt der Schweiz.

Jedenfalls bin ich als Kulturminister weit häufiger in Solothurn als in anderen Kantonen.

Die Solothurner Literaturtage sind ein Ort der kollektiven Selbstentdeckung.

Dasselbe gilt für die Solothurner Filmtage – wer ihre Geschichte kennt, versteht die Schweiz besser.

Die dort gezeigten Filme – von „Siamo Italiani“ über „Züri brännt“ bis zu „Home“ – zeigen uns seit den sechziger Jahren, wer wir wirklich sind.

Und nicht so sehr, wer wir zu sein glauben.

Willy Ritschard, Otto Stich: Beide wurden von der bürgerlichen Mehrheit gewählt, nicht von der SP – aber beide erwiesen sich als starke Figuren.

Der Wengi-Geist bedeutet eben nicht Versöhnung um der Versöhnung willen. Sondern:

Er wirkt vermittelnd und verbindlich in den Methoden,

aber trotzdem unbeirrbar in den Zielen.

Die Solothurnerinnen und Solothurner wissen auch, wo der Wengi-Geist zu wehen aufhören sollte:

Dazu eine kleine Episode einer anderen Solothurnerin:

Verena Conzett, Gründerin des Schweizerischen Arbeiterinnenvereins:

Ein Lehrer hatte sie zurechtgewiesen.

Fabrikanten hätten es schwer.

Die Arbeiterinnen und Arbeiter sollten nicht jeden Tag Bratwürste und Braten verlangen.

Nur durch BESCHEIDENHEIT UND ENTGEGENKOMMEN könnten sie etwas erreichen.

Was erwiderte Verena Conzett darauf?

Sie fragte den Lehrer, Zitat:

„ob er seinen Schülern auch erzähle,

dass unsere Vorfahren ihre Freiheit nur durch Bescheidenheit und Entgegenkommen erreicht hätten?“

Zitat Ende.

Im Übrigen sei es ein Hohn, Arbeiter mit einem Tagesverdienst von 2 Franken zu mahnen, nicht täglich Braten zu verlangen.

Das berühmte Solothurner-Lied „S’isch immer so gsi…“ ist eine Liebeserklärung an die Heimat.

Aber es zeichnet sich auch aus durch eine feine Selbstironie.

Und ist eine Kritik an der Vorstellung, dass früher alles besser war.

Wie sagte doch Einstein:

«Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft –

denn in ihr gedenke ich zu leben.»

In Solothurn prägt der Geist des Ausgleichs auch die Wahrnehmung unserer Geschichte vom Mittelalter bis zur Moderne.

Hier erkennt man, dass sowohl Geschichtsbesessenheit als auch Geschichtsvergessenheit letztlich hinderlich sind beim Nachdenken über die Schweiz der Gegenwart.

Am stärksten prägen uns heute wohl die Ereignisse, die gar nicht so weit zurückliegen.

Den Fall der Berliner Mauer und die Finanzkrise: das spüren wir viel direkter, als Ereignisse, die Jahrhunderte zurückliegen.

Und heute erleben wir eine Situation, die geopolitisch und was Flüchtlinge betrifft, so unruhig ist wie nie mehr seit dem Zweiten Weltkrieg.

Wir müssen uns den Realitäten stellen – das ist ein strategischer, aber auch ein moralischer Imperativ.

Und das bedeutet auch: Wir müssen uns unseren Optimismus als Gesellschaft erhalten.

Und die Herausforderungen anpacken,

statt uns vor ihnen zu verstecken in der naiven Hoffnung,

sie zögen an uns vorbei

Und dazu gehört auch eine Erkenntnis, die in unserer Alltagsmythologie wurzelt, aber durchaus politikrelevant ist:

Dass die Schweiz im Zweifelsfall ungeschoren davonkommt.

Dass Krisen die überaus praktische Angewohnheit haben,

andere Länder heimzusuchen.

Um es mit Peter Bichsel zu sagen: «Für uns Schweizer hat das Wort Ausland immer noch den Klang von Elend.»

Dieses bis heute weitverbreitete Gefühl ist zwar historisch nachvollziehbar, aber spätestens seit Covid ist es an der Zeit umzulernen.

Und das kann man durchaus als Chance sehen, uns einen etwas realistischeren «mind-set» zurechtzulegen für das krisengeplagte frühe 21. Jahrhundert.

Nennen Sie es déformation professionelle, aber ich muss noch einige Worte als Gesundheitsminister loswerden:

Die Solothurner Torte…

Sie gibt mir zu denken –

und sicher auch dem Bundesamt für Gesundheit.

Ich zitiere die Beschreibung auf der offiziellen Website der Stadt Solothurn:

„Das legendäre Dessert besteht aus luftigem Biskuit und einer zartschmelzenden Haselnuss-Meringuage mit leichter Cremefüllung.»

Luftig?

Leicht?

Wie sagte doch John McEnroe: «You cannot be serious!»

Wieso haben denn 100 Gramm dieser Torte einen Brennwert von 2‘211 Kilojoule?

Und 528 Kalorien?!

Wissen Sie, wie viele Male Sie Ihre berühmte Freitreppe mit den 240 Stufen hinaufrennen müssen, um das wieder loszuwerden?

Wie auch immer:

Ich habe eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die das Problem eingehender untersucht.

Die Zahl 11 geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

2‘211 Kilojoule – das ist teilbar durch 11.

Resultat: Genau 201.

Und auch die Kalorienzahl 528 ist ein Vielfaches von 11.

48 x 11 sind 528.

Meine Damen und Herren

Ich würde gern damit aufhören, aber ich schaffe es fast nicht…

Ich glaube, ich brauche jetzt ein «Öufi»-Bier…

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