Venise
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Meine Damen und Herren
DA, da frage ich mich manchmal schon, wie Dadaistisch die Schweiz eigentlich ist.
DA spiele ich nun nicht auf den Bundesrat an.
DA seine Sitzungen geheim sind, kann ich Ihnen darüber gar nichts sagen.
Oder doch so viel:
DA war doch kürzlich tatsächlich ein Thema, dass ein Schweizer Chef der internationalen Walfangkommission wird.
Wer hätte das gedacht. Endlich „freie Sicht aufs Mittelmeer“!
Nein, wenn ich über DADA heute nachdenke, dann fällt mir auf:
DA lädt doch Zürich tatsächlich sich selber ans Sechseläuten ein.
Die eine Hand grüsst die andere.
Aber Zürich ist ja auch die Geburtsstadt des DADA.
Die DADAisten hätten daran ihre helle Freude gehabt.
DADA lebt.
Meine Damen und Herren
Eine Rede über Dada zu halten ist für einen Politiker einfach.
Denn: „Dada n’a jamais raison“, verkündete ein Flugblatt der Pariser Dadabewegung 1921.
Man kann etwas behaupten. Und zugleich auch das Gegenteil davon. Und ist selber DADA in bestem Unsinn.
Dada ist ernster Humor.
Dada ist humorvoller Ernst.
Aber Dada war nicht beliebig.
Dada war der Rückzug in den Unsinn, um „den Menschen vom Wahnsinn der Zeit zu heilen“, wie der Maler Hans Arp sagte:
„Während in der Ferne der Donner der Geschütze rollte, sangen, malten, klebten, dichteten wir aus Leibeskräften“.
Auf der Friedensinsel Schweiz wirkte das massenweise Sterben auf Europas Schlachtfelder besonders grotesk.
Und die Legitimierung dieses Kriegs erschien nur noch wie ein irrer Witz.
Meine Damen und Herren
Heute leben wir nicht im Krieg wie damals.
Aber wir leben in unsicheren Zeiten.
In Zeiten der Globalisierung und der nationalistischen Reaktion.
In Zeiten des Prekariats und unvorstellbaren Reichtums.
Da wäre Dada immer noch gefragt.
Bitteren Humor, um auf den bitteren Ernst hinzuweisen.
Mit Dada kann man noch immer falsche Enwicklungen als irren Witz aufdecken.
Diesen Witz nahm Dada ernst. Ernster als sich selbst.
Das haben seine Kritiker und Verharmloser nie richtig verstanden. Sie sahen in Dada vor allem einen Bürgerschreck.
Dada hatte einen radikal antibürgerlichen Charakter, weil das europäische Bürgertum – vor allem das Wilhelminische – sich als radikal fehlgeleitet erwiesen hatte. Und deren Repräsentanten auch noch im Krieg vom Glauben durchdrungen waren, sie seien der Gipfel der Zivilisation.
Wer diese europäische Selbstzerfleischung verteidigte, konnte nicht mehr mit Argumenten bekämpft werden.
Sondern nur noch mit Hohn und Spott.
Und mit Gelächter.
Gelächter über eine Gesellschaftsordnung und ein Wertesystem, das sich selber pervertiert hatte.
Was die Dadaisten an- und umtrieb, war in den Worten Hugo Balls „diese unnennbare Zeit mit all ihren Rissen und Sprüngen, mit all ihren bösartigen und irrsinnigen Gemütlichkeiten.“
Meine Damen und Herren
Liebe Kulturschaffende
Zu den Objekten des dadaistischen Auslachens gehörte auch die Kunst.
Als ästhetische Dimension dieser moralisch morschen Bürgerlichkeit sozusagen.
Zum Auslachen gehört auch das Auslachen ihrer eigenen Kunst.
Darin zeigt sich die seismographische Intelligenz der Dadaisten.
Dada-Chronist Hans Richter schrieb später:
„So zerstörten, brüskierten, verhöhnten wir – und lachten. Wir lachten alle aus. Wir lachten über uns selbst, wie über Kaiser, König und Vaterland, Bierbauch und Schnuller. Das Lachen nahmen wir ernst.“
Die Dadaisten lachten über sich selber – denn sie wussten, wie schnell aus Anti-Kunst Kunst wird.
Das sehen wir ja auch heute, wo der Kommerz jedes Aufbegehren in einen Marketing-Fetisch verwandelt.
Das beobachten wir auch im globalisierten Kunstbetrieb, in dem Geist und Geld eine Symbiose eingegangen sind, die ihrerseits manchmal von „irrsinniger Gemütlichkeit“ zeugt.
Ja, die Dadaisten arbeiteten selber an ihrer eigenen Institutionalisierung:
1916 war Dada die Avantgarde, die gegen alles Bürgerliche wütete.
Im Januar 1917, wurde die Galerie „Dada“ eröffnet. Und zwar nicht irgendwo – sondern am Zürcher Paradeplatz.
Rasanter kann eine Institutionalisierung eigentlich nicht verlaufen.
Auch das zeigt:
Dada nahm sich nicht so ernst.
Der Dadaismus war eben kein -ismus.
Er richtete seine destruktive Kreativität auch gegen sich selber.
Tatsächlich zerstritten sich die Dadaisten schliesslich 1922 in Paris über der Frage, ob eine Lokomotive moderner ist als ein Zylinderhut.
Meine Damen und Herren
Nun sendet dieser Salon also von Venedig ein „S.O.S DADA“ aus.
In eine Welt im Umbruch.
DA frage ich mich: Was würden die Dadaisten wohl sagen?
Francis Picabia würde vielleicht ausrufen: „Sérieux, sérieux, sérieux jusqu’à la mort !“
Raoul Hausmann würde vielleicht sagen: „Wir wollen lachen, lachen und tun, was unsere Instinkte heissen.“
Sicher ist: Falls sie in Gelächter ausbrechen würden, dann würden sie dieses Gelächter ernst nehmen.
Vielen Dank.