Soleure
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Meine Damen und Herren
Zuerst eine Art Beichte – sie sehen mein kürzlicher Papst-Besuch hat Spuren hinterlassen…
Ich habe mich längere Zeit gefragt: Was soll ich heute sagen? Denn häufig wenn ich etwas sage, dann im Namen des Gesamtbundesrats.
Recht oft in der dritten Person.
Ich gehöre also zu den wenigen Menschen, welche die berühmte Frage: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ klar beantworten können.
Die Antwort lautet: 7.
Es gibt also – analog zum Sachzwang – auch einen Sprachzwang für Bundesräte.
Aber es geht mir heute nicht um die Sprache der Bundesratsmitglieder, sondern ganz allgemein um den Umgang mit Sprache von Personen, die in der Politik aktiv sind. Dazu gehören natürlich auch die Mandatsträger, aber ebenso Vertreter von Organisationen, Initiativkomitees oder etwa Leserbriefschreibende.
Und ganz klar: Auch Kulturschaffende.
Kultur ist immer politisch. Das muss gar nicht so offensichtlich sein, wie im „Besuch der alten Dame“, den ich vor kurzem gesehen habe.
Kulturschaffende beschreiben Welt, die Welt. Wie sie ist, sein könnte, sein sollte, wie die Welt war, hätte gewesen sein können.
Das selbe machen in der Politik Tätige. Einfach viel expliziter.
Sie erklären den Zustand der Gesellschaft, vertreten Werte, versuchen Einfluss zu nehmen oder ganz konkrete Projekte voranzubringen.
Meine Damen und Herren
Ob bei Reden, in Interviews, am Verhandlungstisch – Sprache ist Politik – und Politik ist Sprache.
Denken, Erklären, Überzeugen braucht Wörter. Begriffe, um unsere komplexe – und vor allem ambivalente – Realität zu beschreiben. Auch die Vergangenheit und wie sich die Gesellschaft entwickeln soll.
Die Sprache und ihr Gebrauch ist also der Katalysator.
Politik ist der Kampf um Begriffe.
Mit Sprache wird auch immer versucht, Deutungshoheit zu erlangen.
Die treffende Wahl der Worte ist entscheidend.
Mit Sprache und Begriffen lancieren politisch Aktive die Debatten.
Mit sprachlichen Mitteln versuchen sie in Reden, bei den Zuhörern Reflexionen auszulösen.
Wiederholungen sind zentral, wenn man will, dass wichtige Botschaften wirklich ankommen.
Der Soziologe Max Weber hat denn auch einmal die Politik als „Reich der Wiederholung“ bezeichnet.
Das sehe ich immer wieder bestätigt.
Was Max Weber nicht erwähnt: Steter begrifflicher Tropfen höhlt den Stein.
Zum Beispiel hat die Behauptung, die Schweiz habe eine „Mitte-Links-Regierung“ eine spektakuläre Begriffskarriere gemacht.
Ich bin selber schon fast davon überzeugt…
Doch dann zähle ich jeweils am Mittwochmorgen an der Bundesratssitzung nach – und komme einfach beim besten Willen nicht auf vier Mitte-Links-Bundesrätinnen und Bundesräte.
Ein anderer wichtiger Punkt: Wer sich politisch äussert, muss seiner Sprache Sorge tragen.
Der Grat zwischen Prägnanz und Polemik ist sehr schmal.
Begriffe tragen ganze Weltanschauungen in sich: Heuschrecken, Scheininvalide.
Das Problem dabei: In der Aufmerksamkeitsökonomie gewinnen oft jene, die mit Tabu-Brüchen und Provokationen arbeiten.
Wer differenzierte Beiträge liefert, dem droht wohlwollendes Gähnen.
Damit konterkariert die Medien-Logik unsere politische Kultur, die just auf das Gegenteil von diskursiver Randale setzt: Auf die Kraft des Argumentes, auf Kompromiss, auf Ausgleich aller Interessen und Perspektiven.
Man muss etwas sehr prägnant und kurz erklären können. Aber man darf den Inhalt auch nicht bis zur Unkenntlichkeit verkürzen.
Der amerikanische Autor Henry Louis Mencken schrieb:
„Für jedes komplexe Problem gibt es eine Antwort, die klar, einfach – und falsch ist.“
Wir alle müssen und sollen uns auch Komplexität zumuten.
Das ist ein ethischer Imperativ.
Aber es ist auch ein systemischer Imperativ: Die direkte Demokratie kann nur funktionieren, wenn Themen wirklich in ihrer ganzen Vielschichtigkeit diskutiert werden können.
Denken Sie, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, nur an das Thema Präimplantationsdiagnostik.
Wenn die thematische Tiefe fehlt, kommt es unwillkürlich zur Entfremdung zwischen der Lebenswelt, dem Alltag, der Befindlichkeit der Bevölkerung und der politischen Debatte.
Es mag ja sein, dass wir in eine digitale Welt eintreten – aber die politische Sprache sollten sich vor der extremen Vereinfachung hüten.
Denn wir leben in einer Zeit zunehmender Unübersichtlichkeit, auch zunehmender internationaler Verflechtung.
Die in der Politik Tätigen dürfen also die politische Sprache nicht veröden lassen, wenn sie Interessen wahrnehmen wollen – wahrnehmen im doppelten Sinne des Wortes von erkennen und verwirklichen.
Weil nämlich intelligente Lösungen von einer präzisen Begrifflichkeit abhängen. Die Sprache und der Umgang damit tragen entscheidend zur Qualität der Debatten und der Lösungen bei.
Meine Damen und Herren
Der Zwang zu Kürze ist einer der Gründe, weshalb Sprache in der Politik manchmal zu veröden droht.
Zur „langue de bois“ wird.
Die Kürze kann auch eine Falle sein.
Denken Sie nur an die maximal 140 Zeichen von Twitter.
Das Medium ist noch nicht so alt, aber die Fälle sind schon zahlreich, in denen sich Twitterer dank der extremen sprachlichen Zuspitzung selber ungespitzt in den Boden gerammt haben…
Dazu kommt der bürokratische Inhalt. Und überhaupt die Macht des juristisch Korrekten!
Der Begriff „Impf-Obligatorium“ steht zwar im Gesetz, aber das Obligatorium ist gar keines.
Jede und jeder entscheidet weiterhin selber, ob sie oder er sich impfen lassen will oder nicht.
Aber wie soll man dieses nur vermeintliche Obligatorium der Bevölkerung erklären?
Und am besten noch in 20 Sekunden?
Wir sind in der Schweiz ja gut in Dialektik, aber ein „fakultatives Obligatorium“ bleibt doch eine echte kommunikative Knacknuss…
In der Medienöffentlichkeit versenkt man sein eigenes Anliegen, wenn man es nicht griffig übersetzt.
Politisch Aktive sind also auch Übersetzer in eigener Sache.
Eine weitere Facette der Komplexitätsreduktion sind die Gross-Begriffe, die scheinbar alles erklären.
Niedergang der Mittelschicht,
Krise des Sozialstaates,
Unbehagen im globalen Kapitalismus.
Statt als Ausgangspunkte einer Diskussion zu fungieren, werden brisante Themen einfach abgehakt mittels dieser Schlagworte.
Es gilt der Versuchung der Schlagworte zu widerstehen.
Denn Schlagworte sind Wort-Schläge.
Die beschriebenen Phänomene erhalten dadurch etwas Fatalistisches.
So wird aus Politik Anti-Politik.
So wird aus möglichem Engagement schliesslich Politikverdrossenheit.
Die Politik wird volatiler, nervöser, weniger berechenbar.
Deshalb muss auch unsere politische Sprache konkreter, präziser, differenzierter werden.
Am besten so konkret und differenziert wie die Realität der Menschen.
Die „Problematik der Ü-50 auf dem Arbeitsmarkt“:
Diese Formel beschreibt die Situation eines 55-jährigen, arbeitslosen Druckereimitarbeiters bei weitem nicht angemessen.
In diesem Sinne bin ich überzeugt: die Politik kann und sollte von der Literatur lernen.
Wenn die sprachliche Kernkompetenz von politisch Tätigen die Reduktion von Komplexität ist – dann ist jene der Autorinnen und Autoren gerade das Gegenteil:
Das Sich-Einlassen auf Komplexität.
Auf das Schillernde, Ambivalente, Untergründige.
Beim Lesen literarischer Werke können wir uns im Denken in Alternativen üben. Es ist etwas vom Spannendsten, das einfache Ja oder Nein einer politischen Frage durch neue Lösungsmöglichkeiten zu überschreiten.
Die Sprache, der Umgang damit, ihre Pflege haben für die Literatur und die politische Tätigkeit die gleiche Wichtigkeit. Sind DIE Voraussetzungen für ein Gelingen.
Meine Damen und Herren
Sprachen sind mehr als Zeichensysteme.
Sie beherbergen ganze Kulturen und Wertsysteme in sich.
Stichwort: vielfältige Schweiz.
Ich verrate hier kein Geheimnis, wenn ich feststelle, dass der Begriff des „Staates“ in der Romandie anders besetzt ist als in der Deutschschweiz.
Nämlich wesentlich weniger kritisch.
Oder ich könnte auch sagen: wesentlich unkritischer.
Die Redewendung „weniger kritisch“ würde den Romands zusagen, es klingt irgendwie positiver.
Die Wendung „wesentlich unkritischer“ hingegen würde wohl den alemannischen Schweizern, besser gefallen. Denn hier klingt ja leise Kritik an der unkritischeren Haltung der Romands.
Oder ein anderes Beispiel:
Ich fahre vom Berner Hauptbahnhof als „Sozialdemokrat“ ab und komme in Fribourg als „socialiste“ an.
Und an beiden Orten werde ich meistens freundlich gegrüsst.
Man stelle sich vor, es wäre umgekehrt:
Ich steige in Fribourg als „socialdemocrate“ in den Zug und steige am Hauptbahnhof Bern als „Sozialist“ wieder aus.
Die Schweiz wäre aus den Fugen, man würde in den Zeitungen vor mir warnen – in grossen Buchstaben und mit Ausrufezeichen.
Dabei wäre es gut möglich, dass die Mediendebatte in der Romandie anders verlaufen würde als in der Deutschschweiz. Die medialen Realitäten in unseren Landesteilen, die Gewichtungen, der Umgang mit Themen zeigt ebenfalls die verschiedenen Kulturen.
Zur Veranschaulichung: In der Arena wird in der Regel anders und mit tieferer Temperatur debattiert, als im Westschweizer Pendant Infrarouge. Das verlangt von den Teilnehmenden, dass sie ihren inneren Temperaturregler jeweils auf die richtige Höhe setzen.
Philosophieren liesse sich auch über die Frage, was das für die Debatte in der Romandie heisst, wenn dort ein prägnanter Begriff wie „Abzocker“ fehlt.
Für alle jene, der häufig nicht in ihrer Muttersprache reden, ist diese zweite, semantische Übersetzungsarbeit eine Herausforderung.
Und die Erfahrung der Fremdheit im eigenen Land führt zu einer gewissen Demut.
Die Schweiz ist ein Rätsel.
Und wer sie à fond zu verstehen behauptet, liefert womöglich gerade den Beweis, dass er sie eben nicht versteht.
Meine Damen und Herren
Ohne lebendige, konstruktive Kommunikationskultur ist keine Demokratie möglich.
Aber zur Kommunikation gehören reden UND zuhören.
Und zwar gleichberechtigt.
Zuhören ist aber nicht nur gleich wichtig wie reden – es ist auch mindestens so schwierig.
Zuhören, das ist – oder wäre – geradezu die Grundkompetenz in der Politik.
Heutzutage ganz besonders.
Denn die Steuerbarkeit durch Politik wird schwieriger in der Globalisierung. Und die Themen werden immer komplexer.
Es wird also entsprechend anspruchsvoller, die Befindlichkeiten in der Bevölkerung wirklich zu entschlüsseln, weil sie sich oft nicht in klaren Forderungen manifestieren.
Und es gilt, auch den politischen Gegnern zu hören.
Also davon ausgehen, dass auch ihre Perspektive legitim ist und vielleicht sogar zu interessanten Erkenntnissen führt.
Die politische Kultur braucht also ein ständiger Austausch. Ein Forum – Forum in seiner lateinischen Bedeutung.
Meine Damen und Herren
Unser Land funktioniert nur, wenn wir immer wieder versuchen, einander zu verstehen – denn wenn wir die anderen nicht verstehen, verstehen wir uns selber nicht.
Denn die anderen – das sind immer auch wir selber.
Denn wir sind ja nicht ein Volk mit Minderheiten – sondern ein Volk der Minderheiten.
Religion, Kultur und Sprache sind so verteilt, dass identitäre Blockbildungen historisch nie eine Chance hatten.
Das Komplexe stärkt uns.
Das Einfache schwächt uns.
Die Vereinfacher irren sich schrecklich.
Vielen Dank.