Locarno

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Damen und Herren

Kino ist der Ort der unbegrenzten Möglichkeiten.
Und dadurch ein Ort der Inspiration.

Auch für mich als Sozial- und Gesundheitsminister.

So hat sich Woody Allen einst ausgemalt, wie es wäre, umgekehrt zu leben:
„Man fängt tot an und hat dieses Problem also gleich am Anfang schon erledigt.
Dann wacht man in einem Altersheim auf und fühlt sich jeden Tag etwas besser.
Eines Tages wird man gebeten zu gehen, weil man zu gesund ist.
Man erhält eine Altersrente und fängt danach an zu arbeiten.
Schon am ersten Tag gibt es eine Feier und ein Geschenk.
Dann arbeitet man 40 Jahre, bis man jung genug ist, um seine Pensionierung zu geniessen.“

Das wäre natürlich grossartig und würde uns – nicht zuletzt mir – die Reform der Altersvorsorge ersparen.

Wir alle wissen jedoch: Das Leben wird vorwärts gelebt, nicht rückwärts.
Und wir alle hier wissen, was das konkret heisst:
Wenn man über Jahre diszipliniert zehn Stunden am Tag arbeitet, wird man irgendwann Chef.
Und arbeitet dann vierzehn Stunden am Tag…

Und weil so die Freizeit knapp wird, muss man dann einen Ort finden, wo man hinter seinem eigenen Rücken Ferien machen kann.

Zum Beispiel in Locarno.

Man kann hier arbeiten und sich dabei erholen.

Zwar hat es in Locarno mehr Lobbyisten als in der Wandelhalle.
Aber es ist eine andere Art von Lobbyisten: nämlich Cinéphile und Filmschaffende.
Also Leute, die es schaffen, einen 3-stündigen Studiofilm aus, sagen wir: Kasachstan durchzuhalten.
Und das, ohne dafür bezahlt zu werden…

Meine Damen und Herren

Im Sponsoring gilt ja meist die Devise:
Je vertrauter und stabiler eine Marke, desto besser.
Desto sicherer der Image-Gewinn.
Das Filmfestival Locarno zu sponsern, ist also ziemlich mutig.

Denn dieses Filmfestival ist unvorhersehbar und spannungsreich.

Da ich hier vor Leoparden spreche, könnte ich sagen: Es ist immer auf dem Sprung.

Wofür steht Locarno?

Der Künstler und Autor Urs A. Jaeggi schrieb einst:
„Das Filmfestival von Locarno ist eigentlich gar kein Filmfestival.
Es ist vielmehr der Versuch, mit einem Spagat einen ambitiösen cinematographischen Anlass mit dem Bedürfnis nach einem Top-Event in der Tourismus-Region zu verbinden.
Und gleichzeitig die kulturelle Präsenz der italienisch sprechenden Minderheit zu markieren.
Aber ohne die Ausstrahlung und den Glanz der internationalen Film- und sonstigen Prominenz missen zu müssen.“

Wer dieses hybride Event finanziell unterstützt, investiert also
in Möglichkeiten,
in Begegnungen zwischen verschiedenen Milieus,
In die Zukunft unseres vielfältigen Landes und seine kulturelle Ausstrahlung.

Ihre Unterstützung ist nichts weniger als ein Investment in eine Schweiz, die sich immer wieder selber neu erfindet – und die an ihre Zukunft glaubt!

Meine Damen und Herren

Der Leoparden-Club trägt seinen Namen zu Recht.
Der Leopard
hat einen ausgeprägten Sehsinn – besonders in der Nacht
er weiss sich in unterschiedlichem Gelände zu bewegen
er ist äusserst geduldig, kann aber rasch zupacken

Vor 30 Jahren haben Sie dieses Festival vor dem Konkurs bewahrt.

Und auch heute ist Ihre Unterstützung unverzichtbar – und sie besteht ja nicht nur aus Geld, sondern auch aus wertvollen Kontakten.

Natürlich geht es aber nicht nur mit privatem Geld allein, auch wenn dieses in der Schweizer Kulturlandschaft unverzichtbar ist – man denke etwa an die Museen.

Privates und öffentliches Engagement sind komplementär – ob hier in Locarno oder in anderen Bereichen unseres Kulturlebens.

Die öffentliche Seite dieser Partnerschaft wurde bekanntlich kürzlich vom Parlament gestärkt, indem die Kulturbotschaft des Bundesrates angenommen wurde.

Die Kultur braucht die koordinierte Förderung durch Kantone, Städte, Gemeinden, Bund und eben auch die Privaten.

Und ich bin sicher, dass Sie sich ihrerseits sich weiterhin kraftvoll für kulturelle Projekte einsetzen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Und zwar unabhängig davon, ob Sie mir zugehört haben oder nicht.

Falls Sie mir zugehört haben, freut es mich natürlich.

Falls Sie mir nicht zugehört haben, dann haben Sie bewiesen, dass Sie viel von Bundespolitik verstehen:
Sehr verbreitet ist dort nämlich, dass man nur das hört, was man hören will.

Dieses „selektive“ oder „intelligente“ Zuhören nennt man übrigens auch „Cocktailparty-Effekt“.

In diesem Sinne sage ich:
Prost!
Santé!
Cin cin!

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