Baden

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Damen und Herren Botschafter
Sehr geehrte Frau Regierungsrätin
Sehr geehrte Damen und Herren Stadträte
Sehr geehrte Organisatorinnen und Organisatoren
Meine Damen und Herren

Meine Damen und Herren

Ich bin nicht ganz sicher, ob Sie mich als Kulturminister eingeladen haben – oder als Mitglied der Bundesrats-Familie.

Aber nachdem ich die Festival-Ausgabe 2015 studiert habe, vermute ich: eher Zweites.

Ein Schwerpunkt des diesjährigen Festivals trägt schliesslich den Titel:
Family – sweet and sour…

Ich zitiere aus dem Programm: „Die vertraute Familie entpuppt sich als brisantes politisches Thema.“

So viel zum Wahljahr – und jetzt zum Film…

Meine Damen und Herren

Fantoche findet zum 13. Mal statt und feiert den 20. Geburtstag.

Da merkt man schon: In der Welt des Animationsfilm ist alles möglich.

Slapstick-Einlagen, die die Gesetze der Physik problemlos aushebeln.
Tiere mit komplexem Innenleben.
Oder nehmen wir „Timber“ von Nils Hedinger, der den Schweizer Filmpreis für den Besten Animationsfilm erhalten hat.
„Timber“ verbindet Witz, Action und Gesellschaftskritik – und zwar mittels 8000 von Hand gezeichneten Bildern, 5 Holzscheiten und Null Worten.
Das kann nur der Animationsfilm.
Das gilt auch für das aktuelle Werk aus dem Hause Pixar: „Inside Out“, der hier in Baden als Deutschschweizer Premiere gezeigt wird:
Wir erleben eine Reise ins Innere des menschlichen Gehirns, wo personifizierte Gefühle miteinander ringen sehen.

Wie gesagt: Alles ist möglich im Trickfilm.

Wir sehen die Welt, um den Titel eines Schweizer Animationsfilms zu zitieren, „Mit anderen Augen“.

Wie im Film „La petite pousse“, der uns den Gedanken des Naturschutzes auf ungewohnte Art näher bringt:

Jeden Morgen freut sich ein Mädchen über die farbige Blumenwiese, aus der es sich ein Kleid nähen kann.
Doch erst als es diese Wiese plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive sieht, erkennt das Mädchen, welchen Schaden es dadurch angerichtet hat.

Vielleicht ist ja dieser Perspektivwechsel, wie ihn so nur der Animationsfilm zustande bringt, gerade der politische Kern des Genres.

Das lehrt uns Empathie – und stärkt so ein Gefühl, das in einer individualistischen Gesellschaft gefährdet ist.

Denn die Solidarität droht zu schwinden.
Und was ist Solidarität anderes als kollektive Empathie?

Der andere Blick ist im Animationsfilm häufig radikal und verändert unsere Wahrnehmung.

So im iranischen Kurzfilm „That’s Mine“, der im internationalen Wettbewerb läuft: Hier sehen wir das friedliche Dorfleben aus Sicht einer Landmine.
Sie wurde in einem längst vergessenen Krieg im Gebüsch zurückgelassen und wartet jetzt auf Opfer.
Geduldig, unerbittlich, grausam.
Gerade, weil er die Realität nicht imitiert, ermöglicht es uns der Animationsfilm, diese Realität völlig anders zu sehen – sie multiperspektivisch in verschiedene Realitäten aufzusplittern.

Eigentlich setzt das Genre des Animationsfilms das um, was der Philosoph John Rawls einmal den „Schleier des Unwissens“ genannt hat.

Mit dieser Metapher wollte Rawls sagen:
Wir können eigentlich nur über die Frage der sozialen Gerechtigkeit nachdenken, wenn wir unsere eigene Position in der Gesellschaft nicht kennen.

Meine Damen und Herren

Am Fantoche ist der Animationsfilm in seiner ganzen faszinierenden Breite zu sehen.

Kinder und fremde Kulturen – dieses Jahr ist es Polen mit seiner reichen Trickfilmkultur – spielen hier am Festival traditionell eine zentrale Rolle.

Darin zeigt sich eine weitere Stärke des Genres Animationsfilm:
Er ist universell verständlich.
Er spricht verschiedene Altersgruppen an, auf je spezifische Weise.
Und nicht zuletzt überschreitet das Genre des Animationsfilms die Sprachgrenzen spielend und spielerisch –
und zeigt uns so, dass kulturelle Grenzen häufig gar keine sind.

Bemerkenswert scheint mir auch, dass der anspruchsvolle Trickfilm – wiewohl in seiner Natur technikaffin – nie zum Sklaven der Technik geworden ist.

Raffiniert einfache Strichzeichnungen sind am Fantoche immer noch weit häufiger zu sehen als computeranimierte Vorstellungswelten.

Aber natürlich hatte und hat beides hier Platz.
Denn was im Animationsfilm zählt, sind Geschichten und Gefühle.
Fantoche bietet Auseinandersetzung mit einzelnen Themen, Aspekten oder Stilrichtungen des klassischen Animationsfilmes an.

Etwa der Einblick in die Entstehung von Animationsfilmproduktionen. Und die Grenzüberschreitungen in artverwandte Gebiete wie Kunst, Medien, Industrie und Unterhaltung.

Fantoche ist ein Publikumsfestival und gleichzeitig ein Treffpunkt für die Film- und Kreativbranchen.

Das Fantoche ist auch ein kreativer Katalysator der Schweizer Animationsfilm-Szene.

Und der hiesige Trickfilm ist an Festivals international erfolgreich.

Ein aktuelles Beispiel ist „Aubade“ von Mauro Carraro.
Der Film wurde 2015 für den Schweizer Filmpreis nominiert,
hat 12 internationale Auszeichnungen erhalten
und wurde an rund 50 Festivals rund um den Globus eingeladen.

Meine Damen und Herren

Das Genre des Animationsfilms gewinnt an Bedeutung.
Das zeigt sich auch darin, dass 2014 jeder siebte Kinobesuch in Europa auf Animationsfilme entfiel.

Und mit dieser wachsenden Bedeutung wird auch das Fantoche noch unverzichtbarer.

Als ein realer Ort für phantastische Ausflüge in Gegenwelten.

Gegenwelten, die uns unsere reale Welt erst erkennen lassen.

Ich gratuliere Fantoche herzlich zum 20. Geburtstag!

Vielen Dank.

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