Appenzell

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Hoch geachteter Herr Landammann
Geschätzte Landammänner
Sehr geehrte Regierungsratspräsidentinnen und -Präsidenten
Sehr geehrte Regierungsrats-Vizepräsidentinnen und –Vizepräsidenten
Sehr geehrte Regierungsrätinnen und Regierungsräte
Sehr geehrter Herr Grossratspräsident
Sehr geehrter Herr Kantonsgerichtspräsident
Sehr geehrte Damen und Herren

Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Einladung zur Landsgemeinde. Ich freue mich, den Bundesrat vertreten zu dürfen.

Zuallerst möchte ich dem neu gewählten Landammann herzlich zur Wahl gratulieren. Und ihm alles Gute sowie viel Erfolg bei der Ausübung seines Amts wünschen.

Als Amtsjüngster habe ich mich erkundigt, was da auf mich zukommt. Mir wurde geraten, mich vor allem auf den Paradeschritt zu konzentrieren. Mit dieser wiegenden Fortbewegungsart hätten schon viele Gäste Schwierigkeiten gehabt.

Aber ich muss sagen: Es ging eigentlich gut. Und als Gesundheits- und Sozialminister – mit etlichen Reformprojekten – bin ich froh um jede Art von Vorwärtsbewegung. Egal wie langsam diese ist…

Dass die Landsgemeinde bei jedem Wetter draussen stattfindet, wusste ich natürlich schon.

Das Wetter heute ist schlecht, obwohl MeteoSchweiz auch zu meinem Departement gehört. Da sehen Sie wieder einmal, wie eigenständig die Bundesverwaltung arbeitet!

Was ich heute gesehen und gehört habe, hat mich beeindruckt.

Selten lässt sich die Würde des demokratischen Prozesses auf so authentische Art miterleben wie an einer Landsgemeinde.

Es ist ein Tag, an dem sich die Verantwortlichen dem Volk stellen müssen – und nicht nur einigen Kritikern in der Arena oder im Parlament.

Regierung und Volk stehen sich Auge-in-Auge gegenüber. Oder, wie es im Internet-Zeitalter heisst: face-to-face. Wobei ja der direkte zwischenmenschliche Kontakt neuerdings wieder als höchst modern gilt, Facebook hingegen als etwas veraltet… Man muss also nur lange genug zuwarten und schon gehört man plötzlich wieder zu den absoluten Trendsettern. Das war jetzt aber eine kulturkritische Bemerkung, keine politische…

Eine Einzelne, ein Einzelner kann eine Debatte im Alleingang kehren. Das ist auf nationaler Ebene mehr oder minder selten der Fall.

Und beeindruckt hat mich auch die Tatsache, dass eben nicht nur die beiden Landammänner einen Eid schwören. Sondern auch das Volk.

Das zeigt eindrücklich, dass das Gemeinwohl Sache aller Bürgerinnen und Bürger ist.

Meine Damen und Herren

Vor 500 Jahren trat Appenzell (damals noch nicht geteilt) der Eidgenossenschaft bei. Die Schweiz verdankt Appenzell Innerrhoden viel.

Vor allem die Erkenntnis, dass ein ausgeprägter Sinn für Tradition mit modernem Gedankengut durchaus einhergehen kann.

Und gerade die identitätsstiftende Landsgemeinde zeigt uns auch, dass die Schweiz stark durch ihre Institutionen definiert ist.

Unsere Heimat konstituiert sich politisch, nicht nur durch Sprache oder Kultur. Das ist hoch modern in einer kulturell immer vielfältigeren Welt.

Und Appenzell Innerrhoden erinnert uns immer wieder daran, dass nach wie vor gilt: „small is beautiful“ – dieses Schlagwort aus den siebziger Jahren klingt heute aktueller denn je. Die Vorteile der Kleinheit stechen gerade in Zeiten des Gigantismus und der Globalisierung hervor – zumal sich Kleinheit und Weltoffenheit eigentlich bestens ergänzen.

Diese Kleinheit ist es auch, die angeblich den berühmten Appenzeller Eigensinn befördert hat. Das macht die Bewohnerinnen und Bewohner immuner gegen eine Gefahr der Gegenwart: das Gruppendenken. Die Hypes und geistigen Moden. Die kollektiven Hysterien. Auch dieser Eigensinn ist etwas, von dem man in Politik und Wirtschaft nie genug lernen kann – solange der Eigensinn nicht auf Kosten des Gemeinsinns geht.

Institutionen und Traditionen, die in sich ruhen und trotzdem die Zeichen der Zeit erkennen: Sie haben Zukunftspotential, denn sie schützen uns vor der verbreiteten Gefahr des rasenden Stillstands.

Das zeigt sich auch im Tourismus.

Der Chef von Schweiz Tourismus hat kürzlich gesagt: „Das Appenzell bietet für Chinesen die höchste vorstellbare Exotik. Wenn Asiaten einen Alpaufzug erleben, sind sie nicht mehr zu halten.“

Und ich weiss auch, dass Appenzeller nicht mehr zu halten sind, wenn eine Rede lange dauert. Allerdings nicht, weil sie so begeistert wären… Eher im Gegenteil. Das Essen wird kalt.

Damit ehre ich auch einen Appenzeller Witz:

Ein Politiker hatte am ersten August eine Rede zu halten. Zuvor erkundigte er sich bei einem Mann aus dem Volk, wie er mit seiner Rede bei den Leuten am besten ankäme. Da meinte dieser: «Wenn du es schlecht kannst, mach es kurz. Wenn du es gut kannst, noch kürzer!»

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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