Lucerne

Allocution prononcée par le Conseiller fédéral Alain Berset à l’occasion du Forum ESPRIX – Seules les paroles prononcées font foi.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Stiftungsräte

Sehr geehrte Damen und Herren

Es ist bekanntlich nicht immer einfach, Innovationen zu erkennen.

„Das Internet?“ urteilte Bill Gates Ende der neunziger Jahre. „Uninteressant!“

Er befindet sich in guter Gesellschaft. Thomas Watson, Chef von IBM, erklärte 1943: „Ich denke, dass es weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer gibt.“

Wenn sich sogar diese Technik-Genies so fundamental täuschen können, darf man sich nicht allzu sehr wundern, wenn manchmal eine gute Idee nicht als solche erkannt wird…

Manchmal hilft der Bundesrat mit, dass sich eine allzu innovative Vision nicht durchsetzt: So zum Beispiel jene von Alex Lewyt. Er war ein berühmter Erfinder und sagte von sich, er habe so viele Ideen, dass er kaum zum Schlafen komme. 1955 sagte Lewyt voraus, dass in zehn Jahren der atombetriebene Staubsauger eine Realität sei. Ein AKW in jeder Stube, sozusagen. Dass diese Prognose nicht doch noch wahr wird, dafür sorgt unter anderem auch der Bundesrat mit seiner Energiestrategie 2050…

Und manchmal muss man einfach lange genug warten, dann erweisen sich Fehlprognosen doch noch als wahr: So zum Beispiel jene der Geschäftsleitung der Telegraphengesellschaft Western Union. Dort hiess es im Jahr 1876: „Das Telefon hat zu viele Schwächen, als dass man es ernsthaft für die Kommunikation in Erwägung ziehen kann.“

In der Tat: Ein Telefon, das nicht einmal fotografieren und filmen kann, wäre heute ein totaler Flop!

Meine Damen und Herren

Wie also unterscheiden wir zwischen echter und vermeintlicher Innovation? Oder zwischen guter und schlechter?

Eine Frage, mit der sich die Verantwortlichen von Esprix ja auch befassen. Schliesslich haben diese letztes Jahr zum ersten Mal keinen Preis verliehen, weil kein Unternehmen ihre Kriterien dafür erfüllte. Chapeau! Ohne diesen Mut gibt es keinen echten Innovationsprozess.

Und nur echte Innovationen bringen echten Mehrwert, der auch einen entsprechend Preis auf den Weltmärkten erzielen kann.

Das mag selbstverständlich erscheinen. Aber bekanntlich hat die Schweiz – und nicht nur sie – ja auch ein paar Ausflüge in die Welt der Pseudo-Innovationen hinter sich. Die Finanzkrise hat uns vorgeführt, zu was es führen kann, wenn die Kreativität keine Grenzen mehr kennt. Und Innovationen hervorbringt, wie „subprime“-Hypotheken oder strukturierte Produkte.

Wir alle wissen jetzt: Das ist ziemlich gefährlich und ungeheuer teuer. Es ist zu hoffen, dass die Lektionen inzwischen von allen gelernt wurden. Zum Beispiel, dass ein CEO künftig die Produkte, die seine Bank verkauft, selber verstehen sollte.

Man hätte bei den strukturierten Produkten übrigens gewarnt sein können. Sogar ein Genie wie Albert Einstein befand zerknirscht: „Seit die Mathematiker über die Relativitätstheorie hergefallen sind, verstehe ich sie auch nicht mehr.“

Konzentrieren wir uns also auf die echten Innovationen. Auf die Innovationen, die unser Leben erleichtern und nicht erschweren.

Die Europäische Kommission – eine unverdächtige Zeugin, die bekanntlich nicht zu blinder Schweiz-Euphorie neigt – bescheinigt uns: Kein anderes europäisches Land ist so innovationsstark wie die Schweiz.

Was macht die Schweiz so innovationsstark?

Wichtig ist sicher die Qualität der Forschung an Hochschulen und in Unternehmen. Es gibt nirgends so viele wissenschaftliche Publikationen und nirgends so viele Nobelpreisträger pro Kopf der Bevölkerung.

Ein oft übersehener Grund für unsere Innovationskraft ist scheinbar banal: Alle wichtigen politischen Kräfte sind vom Wert und der Wichtigkeit unseres Systems der Bildung, Forschung und Innnovation überzeugt. Sie werden in Bundesbern nicht viele Themen finden, bei denen es einen solchen Konsens gibt. Das kann ich Ihnen als Sozial- und Gesundheitsminister versichern…

Was die Schweiz stark macht, ist auch die breite Basis unserer Innovationskraft. Die Träger der Innovation sind nicht nur die Grossunternehmen; sondern ebenso die unzähligen KMU. Diese gehören in ihren Geschäftsbereichen oft zur absoluten Weltspitze. Bei den KMU treffen Innovationen sehr direkt auf die Bedürfnisse der Kunden – Tag für Tag. Eine Triage, die gute von gut gemeinten Projekten trennt.

Ein weiterer, wichtiger Faktor ist unsere traditionelle Offenheit für Einwanderer und deren vergleichsweise erfolgreiche Integration. Die Schweiz ist darin weit besser, als unsere migrationspolitischen Debatten manchmal vermuten lassen. Vielleicht sollten wir diese Debatten aber auch eher als Beleg für unsere Weltoffenheit werten, denn als Indiz des Gegenteils. Die Schweiz hat einen der höchsten Ausländeranteile der Welt. Und selbstverständlich wird das in einer direkten Demokratie immer wieder zum Thema. Das ist legitim, aber man sollte dabei die historischen Relationen nicht aus den Augen verlieren. Beispiel ETH Zürich: In den ersten 40 Jahren ihres Bestehens gab es praktisch keine Schweizer Professoren. Die ETH Zürich hat sich aber im Laufe der Zeit stark verschweizert – das ist eine Tatsache, die man heute schlicht verdrängt.

Unsere kulturelle Offenheit verdankt sich aber natürlich auch unserer eigenen Vielfalt auf kleinstem Raum. Diese macht uns globalisierungsfähig: Für uns sind verschiedene Kulturen, Sprachen und Religionen natürlich. Was man in der Schweiz automatisch lernt, lässt sich in keinem „diversity management“-Seminar nachholen. Gerade in multinationalen Unternehmen sind Schweizer Kerntugenden – wie das Verständnis für die Eigenarten anderer Kulturen – von unschätzbarem Vorteil. Ein Basler kann mit einem Waliser wohl ebenso gut zusammenarbeiten wie mit einem Walliser. Diese kulturelle Offenheit – sowie der hohe Anteil von Ausländern in Schweizer Firmen – hilft zudem, neue Märkte besser zu verstehen.

Die Schweizer sind keine Bluffer, sondern haben einen gut entwickelten Sinn für echten Mehrwert. Das hilft beim Innovationsprozess. Und natürlich auch dabei, die Produkte zur Marktfähigkeit zu bringen. Als besondere Schweizer Stärke bezeichnete es der Wirtschaftshistoriker Jean-Francois Bergier, dass hierzulande schon früh „jede technische Neuerung schnell umgesetzt und verbessert wurde.“ Entscheidend war dabei immer die Qualität, denn über die Masse konnte die Schweiz im 19. Jahrhundert ebenso wenig gewinnen wie heute. Schon damals war unser Land nicht billig.

Schliesslich gibt es wichtige Faktoren, für die wir nichts können: So zum Beispiel die Grösse unseres Landes. Eine „geniale Grösse“, wie man mir letztes Jahr bei einem Besuch am Paul Scherrer Institut versicherte. In der Schweiz seien die Wege kurz. Jede und jeder kenne jemanden, der gerade an einem interessanten Projekt arbeitet – sei es an einer Uni oder in einem KMU. Die Schweiz ist heute mehr denn je ein Innnovationscluster. Nicht zu klein und nicht zu gross. Vielfältig, aber doch übersichtlich. Eben: von „genialer Grösse“.

Apropos Paul Scherrer Institut: Als es um den Standort ging, stand ursprünglich Zürich im Vordergrund. Aber man entschied sich 1988 dann für das Aaretal. Nicht wegen der Immobilienpreise; sondern weil man der Meinung war, dass die Mitarbeitenden des PSI sich auf ihre Arbeit konzentrieren sollten und nicht durch Vergnügungsangebote abgelenkt werden durften. Das bringt mich zum letzten Punkt in meiner Auflistung dessen, was die Schweiz innovationsstark macht: Unser Arbeitsethos. In einem Land ohne Rohstoffe – mit Ausnahme des wichtigsten: Wasser! – hat Arbeit einen hohen Stellenwert. Nur Arbeit generiert Lohn. Und auch Innovationen beruhen vor allem auf Arbeit.

Meine Damen und Herren

Es ist eine Binsenwahrheit, aber eben doch eine Wahrheit: Die anderen holen auf.

Ich war letztes Jahr in Singapur und Indien. Ich war in beiden Ländern beeindruckt vom Willen sämtlicher Akteure, in Innovationen zu investieren.

Wir dürfen nicht allzu europazentrisch denken. Auch wenn unsere Beziehungen zur EU natürlich absolut zentral sind. Wir müssen stets auch die weltweiten Entwicklungen im Innovationswettbewerb im Auge behalten: Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind nicht nur in Skandinavien höher als bei uns. Sie sind es auch in Japan oder Südkorea.

Wir brauchen bei uns noch mehr Investitionen. Der Anteil der Privatwirtschaft an den Forschungs- und Entwicklungsausgaben beträgt 70 Prozent. Das ist eine grosse Stärke – aber auch ein Risiko. Wenn sich Geschäftsmodelle verändern und zum Beispiel mehr Innovationen im späteren Stadium eingekauft werden, tangiert das auch den Forschungsstandort Schweiz entsprechend. Umso wichtiger ist der politische Wille, künftig noch mehr als bis anhin in Bildung und Forschung zu investieren.

Der Standort lebt also von einer grossen Offenheit: Ausländische Forscherinnen und Forscher müssen weiterhin in die Schweiz kommen wollen und sich hier wohl fühlen. Die Internationalisierung der Wissenschaft ist eine Tatsache. Und die Schweiz muss Rahmenbedingungen setzen, die den Austausch erleichtern. Das geht aber nur, wenn das Volk davon überzeugt ist, dass die Einwanderung auch den Einheimischen zugutekommt. Die Schattenseiten der Personenfreizügigkeit – Wohnungsnot, Infrastrukturengpässe, Überfremdungsängste – nehmen immer mehr Platz in der Debatte ein. Deshalb sind robuste flankierende Massnahmen absolut unverzichtbar, wenn die Personenfreizügigkeit und damit die Bilateralen Verträge erhalten bleiben sollen. Wer den Innovationsstandort Schweiz stärken will, darf die Gesellschaft nicht vergessen.

Schliesslich darf man nicht in die Falle tappen, die auf alle Erfolgreichen lauert: die Selbstgefälligkeit. Die Überzeugung, man habe ein Abonnement auf den Erfolg. Nehmen wir das Beispiel der Swatch. Es hält nebst Hayeks Meisterleistung noch eine andere lehrreiche Geschichte bereit. Jean Erni – Physiker aus Genf und Erfinder der Quarz-Uhr – wurde in der Schweiz nicht ernst genommen. Quarz sei Quatsch, lautete der Tenor. Daraufhin ging Erni nach Japan und verkaufte seine integrierte Schaltung an japanische Uhrenfirmen, die sie ihrerseits auf den Markt brachten. Mit grossem Erfolg und der stolzen, provokativen Botschaft: „Unsere Uhren sind viel genauer als Schweizer Uhren!“ So schlitterte die Schweizer Uhrenindustrie in die Krise. Die Lektion: Hayek (Vater Amerikaner, Mutter Libanesin) verhalf schliesslich der Schweizer Uhrenindustrie zu neuer Blüte – die von der japanischen Konkurrenz bedroht wurde, weil sie einen Erfinder aus Genf ernst genommen hatte und so die Schweizer mit einem typischen Swissness-Produkt aus dem Markt zu drängen drohte. Wenn der nächste Erni anklopft, schenken Sie ihm also bitte ein paar Minuten! Es könnte sich lohnen.

Zukunftsträchtig wäre schliesslich auch ein realistischeres Selbstbild der Schweiz. Wir würden dann vielleicht mehr über die reale Schweiz reden als über eine ländlich-idyllische Schweiz; die de facto auch schon vor hundert Jahren in hohem Masse industrialisiert war. Die Stadt Schweiz ist in aller Munde, die 8-Millionen-Einwohner-Grenze überschritten. Ein allzu zeitentrücktes Selbstbild wird langfristig die Atmosphäre der Innovationsfreudigkeit schwächen.

Meine Damen und Herren

So viel zu den Voraussetzungen im engeren Sinne. Aber es gibt auch Voraussetzungen für einen starken Innovationsstandort Schweiz im weiteren Sinne.

Wir haben jetzt einige Jahre Erfahrung mit der Globalisierung – oder besser: mit der aktuellen Welle der Globalisierung, wie sie nach dem Ende des Kalten Krieges einsetzte. Die Globalisierung war ja vor dem Ersten Weltkrieg in gewisser Hinsicht eher stärker fortgeschritten als sie es heute ist.

Heute sehen viele, dass blosser Steuerwettbewerb nicht zum Erfolg führt. Ein Standort lebt nicht nur von tiefen Steuern. Er besteht aus einem ganzen Bündel von Eigenschaften. Was zählt, sind auch Lebensqualität, Bildungsniveau, Infrastruktur. Und selbstverständlich auch gesellschaftliche Stabilität, Fairness, die Legitimität der politischen Ordnung und sozialer Ausgleich.

Soziale Sicherheit ist kein Hinderungsgrund für Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit. Im Gegenteil: Soziale Sicherheit gehört zur Marktwirtschaft, zur Moderne. Der Markt allein kann die Sicherheitsbedürfnisse der Menschen nicht befriedigen. Und nur wer sich abgesichert fühlt, kann man sich auf die Arbeit konzentrieren.

Auch ein anderer Aspekt muss bedacht werden: Innovationen hinterlassen immer auch Personen, die zumindest kurzfristig etwas verlieren. Innovationen machen Stellen überflüssig, lösen Ängste aus. Denken Sie nur an die CD-Geschäfte, die momentan aus dem Stadtbild verschwinden, eines nach dem andern.

Innovationen können sich einfacher durchsetzen, wenn eine Gesellschaft die Menschen vor raschen Veränderungen möglichst gut schützt. Eine gute soziale Absicherung macht die Innovationsgesellschaft Schweiz erst möglich.

Weiche Standortfaktoren wie Vertrauen und Sicherheit – die sich über Jahrzehnte, ja über Jahrhunderte herausgebildet haben – lassen sich nicht so einfach imitieren. Sie bilden einen Wettbewerbsvorteil für die Schweiz, der in keinem Ranking auftaucht. Und trotzdem absolut entscheidend ist.

Veränderung als Chance zu begreifen: diese mentale Ressource ist eine der wichtigsten, die die Schweizer Gesellschaft auszeichnet. Wir müssen ihr Sorge tragen.

Angezeigt ist die Besinnung auf das, was die Schweiz stark gemacht hat: Die Balance zwischen Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und sozialer Sicherheit.

Denn eine ängstliche Schweiz hat keine Ideen. Eine ängstliche Schweiz bringt keine Innovationen hervor.

Joseph Schumpeter, dessen Formulierung „kreative Zerstörung“ in keinem Management-Buch fehlen darf, formulierte es so: „Autos fahren schnell, weil sie eine Bremse haben.“

Vielen Dank.

Source : Conseil fédéral, admin.ch · Document original (PDF)

Icônes : Icons8