Lucerne
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Sehr geehrte Frau Nationalrätin
Sehr geehrter Herr Kantonsratspräsident
Sehr geehrter Herr alt Ständeratspräsident
Sehr geehrter Herr alt Regierungsrat
Sehr geehrte Damen und Herren
Herzlichen Dank für Ihre Einladung.
Ich habe im Fernsehen vor kurzem ein Interview mit einem ehemaligen Topmodel gesehen. Diese noch recht junge Frau hatte sich bereits mehreren Schönheitsoperationen unterzogen. Auf die Frage des Journalisten nach dem Grund sagte sie: „Ich will nicht alt werden“.
Dieser Gedanke ist wohl niemandem von uns fremd. Und wir alle haben so unsere Strategien, um dem Alter zwischendurch ein Schnippchen zu schlagen. Die meisten davon sind angenehmer und auch günstiger als der Gang zum Chirurgen.
Wir können nichts daran ändern: Die Zeit schreitet unaufhaltbar voran – wir werden älter und schliesslich alt.
Dass das zitierte Model damit Mühe hat, ist evident. Aber das Älterwerden bietet natürlich auch grosse Chancen – jenseits der Furchen und Falten, sozusagen.
Die amerikanische Kolumnistin Esther Lederer beschreibt eine der positiven Seiten des Alters – mit altersweisem Fokus auf das Wesentliche:
„Wenn wir Zwanzig sind, machen wir uns Sorgen darüber, was die andern über uns denken.
Wenn wir Vierzig sind, ist es uns egal, was die andern über uns denken.
Wenn wir Sechzig sind, entdecken wir, dass die andern gar nie über uns nachgedacht haben.“
Das Alter wird heute von vielen als neu gewonnene Freiheit erlebt.
Heute erscheint das Alter eher als eine Lebensphase voller Optionen, in der viele nochmals auf die Neustart-Taste drücken. Sogar als Zeit des Lernens und des Aufbruchs zu neuen Horizonten.
Und das völlig zurecht: Denn die durchschnittliche Lebenserwartung von 65-Jährigen beträgt in der Schweiz gegenwärtig bei Männern 17 Jahre. Bei Frauen gar 21 Jahre.
Das ist eine erstaunliche und hoch erfreuliche Entwicklung, die unsere Gesellschaft in nur wenigen Jahrzehnten durchlaufen hat. Aber nicht nur die Lebenserwartung hat massiv zugenommen. Sondern auch der Wille der Älteren, das Alter aktiv und selbstbewusst zu gestalten.
Der Beitrag der Pro Senectute zu diesem Wandel ist wichtig: Die Pro Senectute beweist seit ihrer Gründung 1917 unverzichtbares Engagement für unsere älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger.
Heute reicht das Spektrum der Leistungen von Pro Senectute von materieller Unterstützung über Weiterbildungen bis zu sportlichen Aktivitäten. Diese Breite des Angebots spiegelt die reiche Erfahrungswelt, die sich heute hinter der Chiffre „Alter“ verbirgt.
Der Begriff „Alter“ verschwimmt zunehmend – erfreulicherweise! Damit stellt sich mit Nachdruck die Frage: Wann beginnt eigentlich das Alter?
Der amerikanische Komiker Bob Hope hat folgendes Kriterium vorgeschlagen: „Du weisst, dass Du alt wirst, wenn die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen mehr gekostet haben als der Kuchen selber.“
Eine andere Definition lautet: Das Alter – das ist immer fünfzehn Jahre älter, als man selber gerade ist.
Ich gebe zu: Für die Bundesverwaltung ist dieser Altersbegriff zu diffus. Aber für den Einzelnen ist er richtig. Gerade deshalb präzis, weil er diffus ist: Denn das Alter lässt sich heute kaum mehr fassen.
Die Rolling Stones sind gleichzeitig alt und jung. Sie sind – für Rockstars – steinalt, aber sie rocken und rollen noch immer. Sie sind übrigens seit Jahren zum allerletzten Mal auf Welttournee – auch momentan wieder.
Meine Damen und Herren
Egal, wie man „Alter“ genau definiert: Altersfragen stehen seit jeher im Zentrum dessen, womit sich das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) beschäftigt.
Ich habe mich gefreut, dass ich vor rund eineinhalb Jahren das EDI übernehmen durfte. Ein äusserst vielfältiges Departement. Angeblich soll meine Vor-Vor-Vor-Gängerin Ruth Dreifuss in schwierigen Momenten manchmal gesagt haben: „Das EDI hat so viele Ämter, in einem geht es immer gut.“
Das EDI ist wirklich sehr breit. Es deckt das ganze Leben ab. Es ist eigentlich das Departement für Lebenszyklen und Solidarität.
Das beginnt schon vor der Geburt – bspw. mit Fragen der Familienplanung oder Fertilität.
Und kommt das Kind dann auf die Welt, so erfassen wir seine Geburt statistisch.
Und wir erstellen eine Hitparade der beliebtesten Vornamen. Die Vornamen der jetzigen Bundesratsmitglieder sind übrigens gänzlich ausser Mode. Kein einziger Vorname figuriert unter den beliebtesten fünfzig.
Danach kümmern wir uns vom EDI weiter um das Neugeborene und seine Eltern: Wir sorgen dafür, dass die Spielsachen sicher sind und keine chemischen Rückstände enthalten. Die Qualität der Nahrungsmittel stimmt. Oder wir gewähren familienergänzende Betreuung und sorgen für die Gesundheitsvorsorge. Und natürlich auch für die Altersrente.
Das EDI könnte man auch als Departement der Solidarität bezeichnen.
Ein wichtiges Ziel von uns ist es, den Menschen in unserem Land auch im Alter eine hohe Lebensqualität zu erhalten. Damit möglichst viele möglichst lange ihr Leben geniessen und eigenständig gestalten können.
Hierfür will der Bundesrat mit seiner Gesundheits- und Sozialpolitik einen wesentlichen Beitrag leisten.
Eine hohe Lebensqualität bedeutet in dieser Lebensphase vor allem, möglichst gesund und frei von Existenzängsten zu leben.
Das tönt einfach, ist aber eine der grössten Herausforderungen, mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert ist.
Sie alle wissen es: Das Durchschnittsalter steigt, und mit ihm die Zahl alter Menschen und chronischer Erkrankungen.
Die Zahl demenzkranker Menschen etwa dürfte von heute gut 100‘000 bis 2060 auf etwa 300‘000 zunehmen. Das sind mehr Personen, als die Städte Bern und Basel Einwohnerinnen und Einwohner haben.
Unser jetziges Gesundheitssystem ist vor allem auf die Akutversorgung ausgerichtet. Um die Menschen mit chronischen Krankheiten optimal betreuen zu können, braucht es aber andere Strukturen. Und das optimale Zusammenspiel vieler Akteure.
Der Bundesrat hat den Reformbedarf erkannt und mit der Gesamtstrategie „Gesundheit2020“ seine gesundheitspolitischen Prioritäten definiert. Er möchte unser Gesundheitssystem mit 36 Massnahmen in allen Bereichen noch mehr auf das Wohlbefinden der Menschen in unserem Land und ihre Bedürfnisse ausrichten.
Meine Damen und Herren
Eines möchte ich an dieser Stelle festhalten: Die Schweiz hat heute ein sehr gutes Gesundheitssystem, dessen Leistungsfähigkeit von der Bevölkerung hoch geschätzt wird.
Die Schwachstellen sind erkannt, die Massnahmen hat der Bundesrat definiert. Es braucht keine Revolution, um unser Gesundheitssystem fit zu machen für die Herausforderungen der Zukunft. Es braucht aber eine sanfte Evolution, wenn wir unser hohes Niveau langfristig halten wollen.
Dabei wird es insbesondere auch darum gehen, dafür zu sorgen, dass es auch für Personen mit kleinen und mittleren Einkommen bezahlbar bleibt. Die steigenden Gesundheitskosten sind schon heute für viele Menschen eine grosse finanzielle Belastung. Wir wollen, dass auch in Zukunft alle Zugang haben zu den Leistungen.
Der Bundesrat will mit Gesundheit2020 vier Ziele erreichen:
Die Lebensqualität der Schweizer Bevölkerung sichern
Die Chancengleichheit und die Selbstverantwortung stärken
Die Versorgungsqualität sichern und erhöhen
Und Transparenz im Gesundheitswesen schaffen
Doch wie erreichen wir diese Ziele?
Die Lebensqualität eines Menschen hat viel mit seiner gesundheitlichen Verfassung zu tun. Das heisst aber nicht, dass Menschen mit einer unheilbaren oder chronischen Krankheit kein gutes Leben mehr haben können. Unsere Aufgabe ist es, ihnen ein Maximum an Lebensqualität zu ermöglichen.
Mit Gesundheit 2020 wollen wir die integrierte Versorgung von der Früherkennung bis zur Palliative Care verbessern – damit Patienten mit häufigen Krankheiten wie zum Beispiel Krebs oder Demenz optimal behandelt und begleitet werden. Dafür brauchen wir unter anderem bei der Langzeitpflege mehr Angebote und vor allem genügend und richtig ausgebildetes Pflegepersonal.
Weil vorbeugen ja bekanntlich besser ist als heilen, werden wir parallel dazu die Gesundheitsförderung und Krankheitsvorbeugung intensivieren. Wer sich ausgewogen ernährt, genügend bewegt, nicht zu viel trinkt und aufs Rauchen verzichtet, kann Krankheiten verhindern oder zumindest mildern.
Auch in Zukunft sollen alle Bevölkerungsgruppen die gleichen Chancen auf ein gesundes Leben und auf eine gute Lebensqualität haben. Das funktioniert nur, wenn wir sicher stellen, dass die Solidarität in der Krankenversicherung weiterhin spielt – sei es zwischen gesunden und kranken, sei es zwischen reichen und armen Menschen.
Diese Solidarität möchten wir sogar noch verstärken. Und gleichzeitig die unerwünschte Risikoselektion beseitigen – also die Jagd der Krankenversicherer auf junge, gesunde Personen.
In einem dritten Handlungsfeld arbeiten wir daran, die Versorgungsqualität in unserem Land zu sichern und weiter zu erhöhen.
Für jeden von uns ist es wichtig zu wissen, dass er nach einem Unfall oder bei einer schweren Krankheit überall schnell und in hoher Qualität behandelt wird. Dies wirkt sich auch positiv auf die Entwicklung der Gesundheitskosten aus. Wer richtig behandelt wird, hat weniger Komplikationen und muss nicht mehr zum Arzt oder ins Spital. Um dies zu erreichen, fördern wir zum Beispiel den Einsatz des elektronischen Patientendossiers. Damit können Fehler bei der Medikation verhindert werden.
Zudem wollen wir dafür sorgen, dass genügend Gesundheitsfachleute mit der richtigen Ausbildung zur Verfügung stehen.
Als viertes Ziel haben wir uns vorgenommen, mehr Transparenz zu schaffen im Gesundheitswesen.
Es gibt beispielsweise allzu viele Kompetenz-Überschneidungen zwischen Bund und Kantonen. Ohne eine gewisse Entflechtung kann das Gesundheitssystem nicht sinnvoll gesteuert werden.
Mehr Transparenz braucht es auch bei den Krankenkassenprämien: Heute muss das Bundesamt für Gesundheit 287‘000 verschiedene Prämien beurteilen und bewilligen. Dieses System wollen wir spürbar vereinfachen. Denn bei dieser Masse an Angeboten ist es für die Bürgerinnen und Bürger schwierig, sich überhaupt zurecht zu finden. Je einfacher dieses System wird, desto transparenter wird es.
Meine Damen und Herren
Sie sehen: Mit der Umsetzung der Strategie Gesundheit2020 soll unser Gesundheitssystem noch besser werden. Und es soll noch gezielter auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen.
Die Menschen in unserem Land sollen auch weiterhin in der beruhigenden Gewissheit leben, dass sie jederzeit Zugang zu den Behandlungen und Therapien haben, die sie brauchen.
Diese Leistungen müssen aber bezahlbar bleiben. «Lebensqualität im Alter» darf nicht zu einem Luxus für wohlhabende Menschen werden.
„Alt werden ist nichts für Feiglinge“, hat Mae West, die Hollywood-Diva aus den dreissiger Jahren einmal gesagt. Mit der Strategie Gesundheit2020 können wir die Vergänglichkeit nicht aufhalten – aber wir wollen ihr doch zumindest, so weit als möglich, das Bedrohliche nehmen.
Damit die lange letzte Lebensphase nie zum Zustand erstarrt, sondern stets eine möglichst selbstbestimmte Entwicklung bleibt.
Denn eines wünschen wir uns ja alle: in Würde alt werden zu können – und natürlich auch viel Spass im Alter zu haben.