Soleure

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Frau alt-Bundesrätin
Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Kantons- und Gemeindebehörden
Liebe Freunde

Als ich das diesjährige Programmheft durchblätterte, bin ich etwas erschrocken. Einer der Filme trägt den Titel: „Ueli Maurers pommes-frites Automat“…

Ich fragte mich: Kommt jetzt nach Expérience Blocher auch gleich noch die Expérience Maurer ins Kino?

Als Kulturminister, der auf die Vielfalt und Ausgewogenheit der Schweizer Kultur achten muss, war ich etwas beunruhigt.

Und wieso ein Pommes-frites Automat?

Reicht der Gripen nicht?

Stammt der Pommes frites Automat auch aus Schweden?

Oder ist gar eine neue Anbau-Schlacht in Planung?

Aber dann habe ich gemerkt: Der Film handelt ja gar nicht von meinem Bundesrats-Kollegen. Sondern von einem Erfinder gleichen Namens.

Apropos Bundesrat und Film: Vor einiger Zeit hatte ich einen Auftritt in der welschen TV-Serie „L’heure du secret“. Ich besuchte die Dreharbeiten, um zu verstehen, wie das funktioniert – und musste gleich mitarbeiten. Als Statist. Meine Rolle bestand darin, in einem Restaurant an einem Tisch zu sitzen.

Und dann die Überraschung: Ich bekam für meine paar Sekunden – auf dem Set – viel Lob. Wahrscheinlich schätzte man, dass ein Politiker endlich einmal schweigt.

Das war auch für mich erholsam. Sonst bin ich ja nicht Statist, sondern eher Projektionsfläche. Also eine Art politische Leinwand.

Für die einen bin ich ein humorloser Verfechter des intellektuellen Studio-Films.

Für die anderen ein Banause, der James Bond Filme mag.

In der Sozialpolitik geht es mir übrigens ähnlich:

Für die einen bin ich ein Wolf im Schafspelz. Also zu links.

Für die anderen ein Schaf im Wolfspelz. Also zu rechts.

Oder umgekehrt? Ich verliere allmählich selber den Überblick.

Meine Damen und Herren

Den Überblick über das Schweizer Filmschaffen haben die Solothurner Filmtage. Und sie beweisen Jahr für Jahr: Der Schweizer Film ist auf souveräne Art weltläufig geworden.

Dies scheint mir auch ein heimliches Leitmotiv zu sein, welches das diesjährige Programm hier in Solothurn prägt: In vielen Filmen geht es um den

Austausch der Schweiz mit der Welt,

um die Entdeckung der Schweiz durch die Augen der anderen,

und nicht zuletzt um die Entdeckung der Welt in der Schweiz.

In den kommenden Tagen wird dieses Leitmotiv in verschiedenen Variationen gezeigt:

Filme erzählen von historischen Ereignissen – wie gleich nachher die „Akte Grüninger“. Oder: „Mon père, la revolution et moi“ über politische Flüchtlinge in den Siebziger-Jahren.

Andere Filme bringen uns aktuelle Migrationsschicksale näher, wie “L’escale” oder „Viktoria“.

Oder sie decken herrschende Missstände auf, wie „Life in paradise“.

Das zeigt klar: Die Polarisierung zwischen Weltoffenheit und Schweizer Provinzialität ist Geschichte.

Das Leiden am Kleinstaat, der Diskurs in der Enge ist überwunden.

Und das gilt glücklicherweise auch für die Enge im Diskurs.

Zumindest im Schweizer Film…

Meine Damen und Herren

Das Schweizer Kulturschaffen macht sich – nach der Entdeckung der Welt – seit einiger Zeit verstärkt an die Entdeckung der anderen Landesteile.

Der kulturelle Dialog innerhalb der Schweiz wird zunehmend lebendiger.

Besonders ausgeprägt in der Kunstszene, wo Künstler und Kuratoren die Polarisierung zwischen welscher und alemannischer Schweiz längst schon hinter sich gelassen haben.

Auch in der Literatur lässt sich dieser Bewusstseinswandel beobachten: Bei den Solothurner Literaturtagen sind heute mehr Autoren aus der Romandie vertreten als dies früher der Fall war. Und im Gegenzug hat sich der Genfer Salon du Livre vermehrt Autoren aus der Deutschschweiz geöffnet.

Bemerkenswert ist etwa auch das grosse Interesse, auf das die SRG-Produktion „Die Schweizerinnen und Schweizer“… äh Entschuldigung: „Die Schweizer“ in der Romandie stiess – auf grösseres als in der Deutschschweiz übrigens. Das muss man sich mal vorstellen: Niklaus von der Flüe und Werner Stauffacher als Quoten-Hit am Genfer See!

Und schon bald verbindet auch das Grossprojekt „Dada 2016“ verschiedene Landesteile. Als Hommage an die Zeit vor hundert Jahren, als der Dadaismus ja gleichzeitig in Zürich und auf dem Monte Verità einen neuen Blick auf die Welt schuf. Den Dadaisten hätte sicher auch Ueli Maurers Pommes frites Automat gefallen…

Und wie steht es mit der gegenseitigen kulturellen Befruchtung im Schweizer Film? Auch hier tut sich Erfreuliches. Die Filmschaffenden arbeiten heute selbstverständlich über die Sprachgrenzen hinweg.

Ich bin mir sicher, dass das erst der Anfang ist. Dass schon bald die Filmschaffenden mit gleicher Selbstverständlichkeit auch zwischen Genf und Zürich, zwischen Basel und Lausanne pendeln – wie sie es heute schon zwischen Genf und Paris oder Zürich und Berlin tun.

Ein notwendiger Schritt ist die Förderung von Schweizer Filmen, die auch wirklich hierzulande hergestellt werden.

Mit der Qualifikation als Schweizer Film oder als Schweizer Koproduktion ist ja bekanntlich noch nicht gesagt, dass der betreffende Film auch tatsächlich in der Schweiz hergestellt wurde.

Mit dem Swiss Filmlocation Fund prüfen wir zur Zeit, wie zusätzliche finanzielle Anreize für Schweizer Filme und Schweizer Koproduktionen ausgestaltet werden können. Damit diese auch wirklich massgeblich in der Schweiz hergestellt werden. Vor dem Sommer sollte hierzu Näheres vorliegen.

Aber natürlich braucht es auch starke Partnerschaften mit dem Ausland – unsere Selbst-Entdeckung soll ja ganz gewiss nicht auf Kosten unserer Weltoffenheit stattfinden.

Damit die hiesige Filmindustrie national und international wettbewerbsfähig bleibt, wollen wir auch weiterhin am europäischen MEDIA-Programm teilzunehmen. Dieses Jahr verhandeln wir – hoffentlich erfolgreich – über eine Weiterführung unserer Teilnahme.

Meine Damen und Herren

Die „grosse weite Welt“ lässt sich heute auch in den jeweils anderen Landesteilen entdecken.

Der Blick auf die Welt und der Blick auf die Schweiz: Sie sind in den verschiedenen Landesteilen ähnlich, aber eben nicht identisch – gerade das wirkt inspirierend.

Das ist die Kreativität der kleinen Differenz!

Ich wünsche allen eine spannende Zeit der Selbst-Entdeckung in der grossen weiten Welt der Solothurner Filmtage.

Noch zum Film, den wir jetzt sehen werden. Die Akte Grüninger von Alain Gsponer.

Die Geschichte ist bekannt: Ein Mann geht unbeirrbar seinen Weg, geleitet nur von seinem Gewissen. Er erfüllt seinen politischen Auftrag nicht, weil er diesen – zu Recht – für unmoralisch hält.

Der Film erinnert uns an eine Zeit in unserer Geschichte, die längst vergangen scheint, aber eigentlich gar nicht so lange her ist:

Eine Zeit, als einige hierzulande wichtige Akteure korrekte bürokratische Abläufe höher gewichteten als menschliches Mitgefühl und Zivilcourage.

Es sind andere Zeiten heute, sie sind weniger dramatisch, zum Glück. Aber ich wünsche mir für die Schweiz, dass man auch heute wieder vermehrt die einfache Frage wagt: Ist das gerecht?

Damit wir diesbezüglich nicht unseren Kompass verlieren, ist ein genauer Blick auf uns selber, auf unsere Geschichte immer wieder nötig.

Das Nahe ist das Geheimnisvolle, habe ich in meiner Rede gesagt. Das gilt für Positives wie auch für Negatives.

Zu diesem Nahen gehören auch die unerfreulichen, vielleicht gar die erschütternden Seiten und Zeiten. Ereignisse, Tendenzen, Wertungen, die wir am liebsten aus unserer Geschichten verbannen würden.

Wenn wir den ungeschminkten Blick zurück nicht wagen, verlieren wir nicht nur die Vergangenheit – wir verlieren auch die Zukunft.

Wir sehen in etlichen Ländern dieser Welt, dass dieser Blick zurück ungeheuer schwer fällt.

Nur ein eindrückliches Beispiel für diese Verdrängung: Die Verbrechen von Leopold II von Belgien, der in seiner Privatkolonie im Kongo am Ende des 19. Jh. eine Schreckensherrschaft verantwortete, sind bis heute in Belgien nicht kollektiv aufgearbeitet.

Die Schweiz hat nie solche gewaltige Schuld auf sich geladen – zum Glück. Aber dort, wo wir unrecht gehandelt haben – und wenn ich wir sage, meine ich selbstverständlich auch den Bundesrat – dort stehen wir in der Pflicht, das klar zu benennen.

Keiner hat es besser gesagt als der amerikanisch-spanische Schriftsteller George Santayana: « Wer aus der Geschichte nicht lernt, der ist dazu verdammt sie zu wiederholen »

« Ceux qui ne peuvent se rappeler le passé sont condamnés à le répéter. »

Solange unser Land die Selbstsicherheit hat, auch unangenehme Fragen an sich selber zu richten, wie dies heutzutage der Fall ist – solange mache ich mir um die Schweiz keine Sorgen.

Icônes : Icons8