Zurich
Publié en allemand sous le titre « Schweizerisches Landesmuseum »
Allocution du Conseiller fédéral Alain Berset à l’occasion du Vernissage de l’exposition „1900-1914. Expédition bonheur“ au Musée national à Zürich – Seules les paroles prononcées font foi.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Handeln in Zeiten des Umbruchs
Es hätte auch alles ganz anders kommen können. Der Untergang der Titanic wäre dann nur eine dramatische Fussnote in der Geschichte der Verkehrstechnik und nicht jenes hoch symbolische Omen kommenden Unheils, als das wir den Untergang heute kennen. Er wäre einfach eine menschliche Tragödie und nicht jenes Fanal der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, die sich im 2. Weltkrieg noch grauenhafter fortsetzte und die unsere Welt bis heute prägt.
„1900 bis 1914 – Expedition ins Glück“ versucht, uns in den Zustand des Nicht-Wissens zurückzuversetzen. Die Geschichte wird nicht einfach von ihrem Resultat aus zurückbuchstabiert, sondern in ihrer ganzen Ergebnisoffenheit aufgefächert. Jeder historische Determinismus wird überzeugend ad absurdum geführt.
Wie offen historische Prozesse sind, lässt sich an einem spektakulären Exponat der Ausstellung gut zeigen. Der Alfa Romeo, Baujahr 1914, – ein phantastisch futuristisch anmutender Zeppelin auf Rädern – wurde in den Elendsjahren nach dem Ersten Weltkrieg von einem Pferd gezogen. Für kurze Zeit bewahrheitete sich so auf groteske Weise, was Wilhelm der Zweite einst prophezeit hatte: „Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.“
Die Ausstellung lädt uns dazu ein, aus der in unseren Köpfen zementierten „Reise ins Unglück“ wieder eine „Reise ins Glück“ zu machen. Als solche wurde diese Zeit von den meisten Menschen erlebt. Die faszinierende Schau tut dies mit einem reichen Mix an Dokumenten, Tönen, Bildern, wie es einer Zeit angemessen ist, die vor Ideen, Idealen und Innovationen nur so sprudelte. Von 1900 bis 1914 hatte der Zeitgeist tatsächlich viel Geist – und wenig Zeit.
Es war eine Periode der euphorischen Atemlosigkeit. Eine Zeit, in der die einen der rasenden Beschleunigung applaudierten, während andere sich nach der alten Ordnung sehnten. Ein politisch explosives Gebräu.
Alles geschah gleichzeitig: Avantgarde und Reaktion, Pazifismus und Militarismus, Emanzipation und Hörigkeit, Materialismus und radikaler Idealismus, technischer Fortschritt und Sehnsucht nach Archaischem. Deshalb fühlte es sich an wie Taumel – halb beglückend, halb beängstigend.
Im besten Fall macht uns diese Ausstellung zu weltanschaulichen Kubisten. Wir sehen vermeintlich Bekanntes plötzlich aus vielen verschiedenen Blickwinkeln. Sie schärft unser Sensorium für die Widersprüche und Optionen.
Je mehr uns nach dieser Ausstellung der Kopf vor lauter Eindrücken schwirrt, je stärker wir taumeln, desto präziser werden wir über unsere Gegenwart nachdenken. Viel ist in diesem Jahr die Rede von den Parallelen dieser Zeit mit der Gegenwart. Dunkel wird geraunt vom wohl unabwendbaren Knall.
Gewiss, die Ähnlichkeiten sind verblüffend: Globalisierung und nationalistische Reaktion. Vermeintliches Allwissen durch das Internet und gleichzeitig die wachsende Sehnsucht nach Überschaubarkeit. Multi-Optionen-Gesellschaft und ein wachsendes Prekariat – nicht nur im Süden Europas.
Die Situation heute ist ebenso offen, wie sie es damals war. Wir sind also nicht freigesprochen als Akteure der Geschichte. Es kann so kommen, aber auch ganz anders, je nachdem, wie wir handeln.
Source : Conseil fédéral, admin.ch · Document original (PDF)