Riehen
Allocution du Conseiller fédéral Alain Berset à l’occasion du vernissage de l’exposition « Gerhard Richter : Tableaux/Séries » à la Fondation Beyeler à Riehen – Seules les paroles prononcées font foi.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Gerhard Richter – Offenheit als Identität
Gerhard Richter sollen zwei Dinge auf die Nerven gehen. Dass man ihm sagt, wie toll sein Werk ist, und dass man überhaupt über Malerei spricht. Das macht meine Aufgabe natürlich etwas schwierig. Eine Rede über eine Ausstellung besteht ja meistens genau aus diesen beiden Elementen. Ich spreche jetzt aber trotzdem weiter.
Was ist es, das uns so fasziniert an Gerhard Richters Werk? Ein Werk von schier unfassbarer Vielseitigkeit, mit fotorealistischen Gemälden, aber auch Porträts, Landschaften und Stillleben, ja sogar Glasskulpturen. Richter hat Kleinformate, aber auch Serien von Monumentalgemälden geschaffen. Die farbliche Vielfalt steht der Vielfalt der Formen in nichts nach: Vom Schwarz-Weiss – oder dem „Doppelgrau“ seiner jüngsten Werke – bis zur scheinbar endlosen Farbpalette seiner Streifen, Farbfelder und Übermalungen.
Kunst im Zeitalter des Branding
Diese Vielfalt in Inhalt und Technik ist höchst bemerkenswert. Faszinierend ist dabei, wie es der Künstler schafft, in all diesen so unterschiedlichen Werken stets unverkennbar zu bleiben. Ein Richter ist immer anders – und doch immer ein Richter.
Das ist umso bemerkenswerter, als wir ja bekanntlich im Zeitalter des Branding leben. Wiedererkennbarkeit ist das oberste Gebot, bis hin zur lebenslangen Darstellung unserer selbst; bis hin zur Selbst-Karikatur.
Sicher, wir kennen das vor allem aus der Konsumwelt, aus dem öffentlichen Leben – nicht zuletzt aus der Politik… Aber auch das Kunst-Marketing kennt seinen kategorischen Imperativ: „Male stets so, dass Deine Kunst von der grösstmöglichen Zahl von Menschen spontan wiedererkannt wird und Dein Marktwert stetig wächst.“
Gerhard Richter verstösst gegen dieses Gebot, seit Jahrzehnten. Und trotzdem hat ihn die New York Times „Europas grössten modernen Maler“ genannt. Trotzdem? Oder gerade deswegen? Ist es vielleicht genau dieses Wechselspiel zwischen Wandel und Konstanz in der Identität, die uns an Richters Oeuvre so fesselt?
Zwangsjacke der Eindeutigkeit
Falls es einen Schlüssel zu seinem Werk gibt – sind es vielleicht jene Selbstporträts, deren Konturen bis zur Selbstauflösung verschwommen sind? Ein britischer Kritiker schrieb einst treffend über ihn: „He resisted painting in one particular style“. Ist Gerhard Richters Variantenreichtum also auch ein Widerstand gegen das Identitäts-Diktat der Gesellschaft und des Marktes?
Wir leben einerseits in einer Multi-Optionen-Gesellschaft. Aber wir stecken gleichzeitig in einer Zwangsjacke der Eindeutigkeit. Das heimliche Motto vieler Zeitgenossen lautet denn auch mit Ödön von Horvath: „Eigentlich bin ich ganz anders – ich komme nur so selten dazu.“
Für mich ist der höchst vielfältige, immer wieder gleiche und doch ganz andere Richter vielleicht kein hoch politischer – dafür aber ein tief politischer Künstler.
Geschichte in Schichten
Diese komplexe Verschränkung von Konstanz und Wandel: Sie gilt natürlich nicht nur für Individuen. Sie gilt auch für ganze Gesellschaften, die sich ebenfalls neu entdecken müssen beziehungsweise dürfen – und gleichzeitig davor zurückschrecken.
Auch dieses Sich-Vortasten von Kollektiven findet sich in Gerhard Richters Gemälden – vor allem den expressiven. Sie bestehen ja aus zahllosen Schichten. Diese wurden aufgetragen, abgekratzt, wieder neu übermalt. Wer Geschichte verstehen will, muss sie in ihren Schichten begreifen. In ihrer Vielschichtigkeit.
Was wir alle erleben oder, je nach Situation, zu entdecken gezwungen sind – das scheint Gerhard Richter immer schon gewusst zu haben. Vielleicht, weil er die geschichtlichen Brüche – Drittes Reich, DDR, Mauerfall, Wiedervereinigung – nicht nur darstellt, sondern auch selber erlebt hat.
Gerhard Richters Malerei: Das ist dargestellte Geschichte in einer Zeit, die ihr Geschichtsbewusstsein einzubüssen scheint. Einer Zeit, die rast, die atemlos wirkt wie die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Heute ist die Situation wieder so offen wie damals. Der Kriegsausbruch war ja keineswegs zwangsläufig. Eher kam es zu dieser schlimmstmöglichen Wendung, weil keiner der Akteure ernsthaft mit ihr rechnete, bis es zu spät war. Weil jeder an der Oberfläche seines eigenen Weltbildes polierte, statt die Schichten darunter auf ihre Politikmächtigkeit hin zu ergründen.
Realistisch ist, wer über politische Phantasie verfügt
Umso wichtiger ist es, dass wir heute wieder vermehrt in Schichten denken – und nicht in sterilen, linearen Modellen. Denn realistisch ist, wer über politische Phantasie verfügt, wer in vielen Szenarien denkt – statt sich auf eines zu verlassen.
Um es mit den Worten von Gerhard Richter selbst zu sagen – er hat ja, zum Glück, nicht ganz so konsequent geschwiegen über seine Malerei: „Paradox ist, dass ich stets mit Absicht beginne, ein geschlossenes Bild zu erhalten und dass ich dieses Bild Stück für Stück zerstöre, fast gegen meinen Willen. Bis es also nichts mehr hat ausser Offenheit.“
„Nichts mehr ausser Offenheit“: Gerhard Richter ermutigt uns, dem verführerischen Mythos der unveränderlichen Identität zu widerstehen. Sei es als Person, sei es als Gesellschaft. Er ist ein Künstler, der uns hilft, uns zu befreien. Von Stereotypen, falscher Eindeutigkeit, von Klischees – auch und nicht zuletzt von Klischees in eigener Sache.
Source : Conseil fédéral, admin.ch · Document original (PDF)