Locarno

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées. Date déduite : premier vendredi du festival de Locarno.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Liebe Mitglieder des Leoparden-Clubs

Der grosse Billy Wilder, der übrigens am ersten Filmfestival Locarno von 1946 mit „Double Indemnity“ vertreten war – Billy Wilder also sagte einst über Marilyn Monroe:

„Sie kam immer zu spät. Sie konnte nie ihre Zeilen auswendig. Es war äusserst mühsam, mit ihr zu arbeiten.

Ich habe eine Tante namens Millie. Sie ist eine sehr nette Dame. Wenn sie beim Film arbeiten würde, wäre sie immer pünktlich. Sie würde immer ihre Rolle perfekt auswendig lernen.

Wieso also wollen in Hollywood alle mit Marilyn Monroe arbeiten und keiner mit meiner Tante Millie?

Weil niemand ins Kino gehen würde, um meine Tante Millie auf der Leinwand zu sehen.“

Sponsoren wollen das explosive Talent Marilyn Monroes – und die grundsolide Verlässlichkeit von Tante Millie.

Gut, gibt es das Filmfestival Locarno.

Denn es ist halb Marilyn, halb Millie.

Locarno steckt voller Überraschungen, aufregender Sinnes-Reisen und Entdeckungen.

Dieses Festival zeichnet sich aus durch eine nicht vorhersehbare, kreative Energie. Diese fliesst zwischen Film und Publikum. Und auch zwischen den Zuschauern.

Locarno mit seiner legendären Piazza: Das ist ein magischer Ort. Ein stets junger Klassiker.

Immer für eine Überraschung gut.

Wie auch ein Blick zurück in frühere Programmhefte:

Im gleichen Jahr, 1952, liefen hier Filme von Humphrey Bogart und Fernandel. Ein seltsames Paar.

Oder 1971: Gezeigt wurden Werke von Woody Allen und Rainer Werner Fassbinder. Ein noch seltsameres Paar.

Und dann erst der Jahrgang 2004: Damals standen Ken Loach und Bud Spencer auf dem Programm. Eine seltsamere Kombination gibt es nicht.

Und das sage ich als Mitglied einer Kollegialbehörde.

Ich bin mir also einiges gewohnt.

Das Filmfestival Locarno ist voller Überraschungen, aber eben auch ein sicherer Wert.

Es ist gut positioniert. Mehr noch: Es ist selbstbewusst positioniert. Locarno will weltweit die Nummer vier bleiben und nicht zur Nummer eins werden – das hat Stil in einer Welt, in der alle nach Superlativen lechzen.

Locarno weiss, was es will – und das erreicht es auch mit Beständigkeit.

So solid und souverän stelle ich mir auch Billy Wilders Tante Millie vor. Sie hätte gut Schweizerin sein können – sie war Österreicherin.

Meine Damen und Herren

In meinem ersten Jahr als Bundesrat fiel die Eröffnungsrede hier in Locarno auf den 1. August.

Und so fühlt sich das Filmfestival auch immer ein wenig an. Wie ein zweiter Erster August.

In Locarno erfindet sich die Schweiz jedes Jahr wieder ein Stück weit neu.

Und zwar als Land, das seine Kultur pflegt, indem es sich der Welt öffnet.

Locarno hat eine enorme kulturelle Bedeutung für die Schweiz – und natürlich ganz besonders für das Tessin.

Und es ist gleichermassen unverzichtbar für die einheimische Filmszene wie für das anspruchsvolle internationale Filmschaffen.

Locarno ist, last but not least, bemerkenswert, weil sich die Kunst hier stets behauptet hat

gegen den Jahrmarkt der Eitelkeiten,

das Sehenundgesehenwerden;

gegen die plumpe Dichotomie von kommerziell und künstlerisch;

Dies nicht zuletzt, indem die Stars, die hier auftreten, auch stets bedeutende Künstler sind – von John Ford über Faye Dunaway bis Alain Delon in den letzten Jahren.

Locarno: Das war immer eine künstlerische Veranstaltung. Und Locarno hatte stets einen politischen Anspruch: hier wird die Filmkunst verteidigt, gestärkt und reflektiert. Und das wird es auch immer sein.

Dass der Bund seinen Beitrag ans Filmfestival Locarno erhöht, ist unsererseits ein Zeichen der Anerkennung und Motivation, die hohe künstlerische Qualität noch zu erhöhen.

Schweiz, Tessin, Identität, Tourismus, Schweizer Film, internationaler Film.

Das alles steckt in Locarno, dieser helvetisch soliden Wundertüte.

Das ist mehr als die Quadratur des Kreises.

Das ist ein kleines Schweizer Wunder.

Dieses Wunder verdankt sich nicht zuletzt der Kleinheit der Schweiz.

Oder besser gesagt: Ihrer genialen Grösse. Hier in Locarno wird sie einem erst richtig bewusst.

Denn hier bietet sich Kultur, Wirtschaft und Politik eine wunderbare Gelegenheit, um miteinander zu reden – statt übereinander.

Vielen Dank.

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