Berne

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.

Wir wollen heute am ersten Kulturgipfel über Kultur reden. Das ist mindestens so gefährlich wie Bergsteigen. Es lauern politische Stolpersteine, vielleicht sogar Gletscherspalten.

Aber erinnern wir uns an Tartarin, der furchtlos auf den alpinen Gipfeln unseres Landes unterwegs war. Dem guten Tartarin wird im Buch von Alphonse Daudet die Schweiz folgendermassen erklärt:

«Die Schweiz, Herr Tartarin, ist ein geöffneter Kursaal, ein Casino-Panorama. (…) Es gibt da keinen Winkel, der nicht wie (…) ein Opernhaus seine Maschinengeheimnisse hätte: Wasserfälle, die taghell beleuchtet sind, Drehkreuze am Eingang zu Gletschern und bis auf die höchsten Gipfel (….) Zahnradbahnen.“

«Nicht möglich!“, ruft Tartarin aus: „Die Spalten, mein lieber, die schrecklichen Gletscherspalten!… wenn Sie da hineinfallen?»

«Sie fallen auf Schnee, Herr Tartarin“, entgegnet man ihm, „und sie tun sich nicht sehr weh. Unten, in der Tiefe, steht immer ein Portier, der Ihnen wieder auf die Beine hilft, Sie abbürstet und sich höflichst erkundigt: Haben Sie auch Gepäck dabei?»

Nicht nur Tartarin und viele andere ausländische Beobachter staunen über unser Land und über dessen Abgründe, die manchmal gar keine sind. Wir sind selber manchmal etwas verwirrt über die Vielfalt der Schweiz. Oder deren Widersprüchlichkeit, die ja auch eine Facette der Vielfalt ist.

Wir sind tolerant – aber gleichzeitig herrscht eine starke Sozialkontrolle. „Wenn du in einem Schweizer Dorf niest“, sagte Geraldine Chaplin einst, „weiss es jeder“.

Wir sind Pragmatiker und Mythomanen.

Wir wirken angeblich oft etwas griesgrämig. In unserem Innern aber herrscht offenbar Freude. Die UNO ermittelt jedes Jahr die glücklichsten Völker der Welt. Und siehe da: Wir Schweizer sind immer auf einem der Top-Ränge – wenn auch immer hinter Dänemark.

Sie sehen: Selbstwidersprüche gehören einfach zu uns. Aber schillernde Vielfalt bedeutet nicht Beliebigkeit oder gar Gleichgültigkeit. Im Gegenteil: Wir müssen umso mehr erkennen, was für unser Land wichtig ist, was uns zusammenhält und wo es einen Konsens braucht.

Einen Konsens zum Beispiel zum Stellenwert der Kultur und der Mehrsprachigkeit. Deshalb braucht es eine kohärente nationale Kulturpolitik. Das ist der leitende Gedanke der Kulturbotschaft. Mit einem Budgetwachstum von 3.4 Prozent pro Jahr anerkennt der Bundesrat, wie wichtig die Kultur für unseren nationalen Zusammenhalt ist.

Gewisse globale Entwicklungen treffen unser kulturelles Selbstverständnis im Kern. In der Schweiz leben heute immer mehr Menschen unterschiedlicher Sprache, Religion, Kultur und Nationalität. Unsere Gesellschaft ist fragmentierter denn je. Dazu kommt die Individualisierung der Multioptionen-Gesellschaft. Es treibt uns auseinander.

Das ist eine Herausforderung: Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wie auch für die Verständigung zwischen den verschiedenen sprachlichen und kulturellen Gemeinschaften.

Die Kulturbranche ist speziell betroffen: Die Globalisierung verstärkt den wirtschaftlichen Druck. Das kann zu einer Verringerung der kulturellen Angebote führen und die kulturelle Vielfalt gefährden.

Die rasch fortschreitende Digitalisierung ist ein zweiter Trend, der das Kulturleben fundamental verändert. Neue Vertriebskanäle beeinflussen nachhaltig die Produktion wie auch den Absatz von Kulturgütern. Insbesondere im Musik-, Literatur- und Filmbetrieb ist die ganze Verwertungskette im Umbruch. Das schafft neue Chancen – aber kann auch bedeuten, dass Arbeitsbedingungen schwieriger werden.

Diese Entwicklungen verlangen nach gemeinsamen Antworten der öffentlichen Hand – nach einer kohärenten, nationalen Kulturpolitik. Bund, Kantone, Städte und Gemeinden müssen die Situation gemeinsam analysieren und gemeinsam Massnahmen entwickeln.

Stellen Sie sich vor, aus allen diesen Töpfen würde das Gleiche gefördert. Oder die verschiedenen Massnahmen würden sich gegenseitig aufheben. Es ist unsere Pflicht, diese Ausgaben möglichst gut zu koordinieren.

Der Bund will seine Kulturpolitik in Zukunft strategisch auf drei Handlungsachsen ausrichten: Er will die kulturelle Teilhabe, den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie Kreation und Innovation fördern.

Kulturelle Teilhabe meint die aktive und passive Teilnahme möglichst vieler am Kulturleben und am kulturellen Erbe. Indem sie selber Kultur machen – sei es auf professionellem Niveau oder als engagierte Laien. Und natürlich auch, indem sie Kultur geniessen.

Indem möglichst viele an Kultur teilhaben, setzen wir der Zersplitterung der Milieus etwas Konstruktives entgegen.

Ab 2016 soll deshalb die musikalische Bildung verstärkt gefördert werden. Damit wird die neue Verfassungsbestimmung zur musikalischen Bildung umgesetzt. Ausserdem soll die Leseförderung ausgebaut werden. Unterstützt werden sollen nicht nur Organisationen, sondern auch einzelne Projekte. Etwa die Förderung von überregionalen Kinder- und Jugendbuchfestivals oder Lesetage.

Der zweite Schwerpunkt der Kulturbotschaft gilt dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auch damit wollen wir den gesellschaftlichen Fliehkräften entgegenwirken. Wir wollen den Dialog zwischen unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Gemeinschaften fördern.

Schliesslich das dritte Ziel der Kulturbotschaft: Die Förderung von Kreation und Innovation: Das Kunst- und Kulturschaffen ist ein wichtiges Experimentierfeld. Eine international konkurrenzfähige Schweiz muss innovativ sein.

Im Fokus stehen zum Beispiel Unternehmen der Kreativwirtschaft. Sie sollen ihr kreatives und kommerzielles Potential voll ausschöpfen können. Deshalb wollen wir spezifische Instrumente zur Förderung kultureller Innovationen zur Verfügung stellen.

Eine andere Massnahme sind finanzielle Anreize, damit Schweizer Film und Schweizer Koproduktionen vermehrt in der Schweiz hergestellt werden. Und damit soll die hiesige Filmbranche als Ganze gestärkt werden, was wiederum Chancen für den Tourismus und das lokale Gewerbe bedeutet.

Zentral für unsere Kultur ist, dass wir das sprachliche und kulturelle Fundament unseres Landes erhalten. Wir brauchen den gegenseitigen Zugang zur Kultur des anderen, den kulturellen Austausch, das gemeinsame Verständnis unserer Identität. Eine Landessprache hat nicht nur eine kommunikative, sondern auch eine kulturelle Dimension. Es geht um mehr als Informationsübermittlung.

Wenn wir eine andere Sprache lernen, tauchen wir auch in den entsprechenden Kulturraum ein, lernen wir dessen Werte und dessen Traditionen kennen. Nicht zuletzt erfahren wir, dass es auch noch andere Perspektiven auf unser Land gibt als unsere angestammte. Wenn wir die Sprachfrage nicht mehr ernst nehmen, schwächen wir die Schweiz von innen.

Mit der neuen Kulturbotschaft wollen wir den Austausch von Schülerinnen und Schülern zwischen den Sprachregionen verstärken. Möglichst viele Jugendliche sollen einmal in ihrer schulischen Laufbahn an einem Austauschprojekt teilnehmen. Wir möchten die Förderung literarischer Übersetzungen zwischen den Landessprachen ausbauen und den Stellenwert der italienischen Sprache ausserhalb der italienisch sprachigen Schweiz verbessern.

Die entscheidende Frage lautet: Wie viel ist uns die Identitätsfrage und das mit ihr verbundene Erlernen einer zweiten, sogar einer dritten Landessprache wert?

Die Kantone haben sich auf einen Kompromiss verständigt: Mit dem Resultat, dass der Unterricht einer zweiten Landessprache in der Primarschule beginnen soll. Wobei die Frage, ob diese oder das Englische zuerst unterrichtet werden soll, nicht als entscheidend erachtet wurde.

Es geht jetzt darum, diesen Kompromiss der Kantone umzusetzen – und die meisten Kantone sind ja auch dabei. Wenn Kompromisse unvermittelt wieder aufgekündet werden, dann wird die Politik in unserem Land unberechenbar. Damit verlöre die Schweiz eine ihrer grössten Stärken. Ich vertraue auf die Kantone.

Unsere Identität ist – zum Glück! – nicht einfach Bundessache. Auch jeder einzelne Kanton hat eine Verantwortung gegenüber der Schweiz als Ganzes. Sonst funktioniert der Föderalismus nicht. Sonst löst sich das kulturelle Gewebe unseres Landes allmählich auf.

Wollen wir, dass es drei oder vier Schweizen gibt, die nebeneinander existieren anstatt miteinander – in einer globalisierten Welt, die auseinanderdriftet? Wollen wir uns wirklich selbst schwächen, weil wir einander nicht mehr verstehen?

Das wird auf lange Sicht, für die nächsten 20 Jahre, eine entscheidende Frage sein. Michel de Montaigne hat es poetisch kurz formuliert: «L’amitié se nourrit de communication ».

La réponse adéquate à la mondialisation, c’est une politique culturelle nationale convaincante. Pas pour créer une seule et unique culture nationale mais pour conserver des cultures fortes. Car sans identités culturelles fortes, nous tomberons inévitablement dans le piège simpliste du réflexe de défense identitaire.

L’ouverture culturelle est un élément aussi central de notre identité que le plurilinguisme, la démocratie directe et le fédéralisme. Oui, on peut comprendre le narcissisme des petites différences de Sigmund Freud. Mais le fait est qu’en Europe, nous sommes entourés de tout un éventail de cultures avec lesquelles nous partageons beaucoup. Et qui sont vraiment proches de la nôtre. Nous faisons partie de l’espace culturel européen et cela explique aussi que nous souhaitons participer au programme Culture et au programme Media.

Nos points communs sont évidents. A commencer par la langue : sur les 503 millions d’habitants de l’UE, quelque 220 millions parlent l’une de nos langues nationales.

Les frictions sont parfois inévitables et c’est logique. Il ne faut toutefois pas oublier qu’une culture et une identité ne peuvent se définir que par rapport à d’autres. Mais ce n’est pas en égrenant ses différences avec l’autre que l’on circonscrit et découvre sa propre identité. C’est en se confrontant à la culture de l’autre. En apprenant à la connaître.

La Suisse est devenue un autre pays. La diversité culturelle nous a enrichis. Elle nous a aussi décontractés. Regardez le contrôle social que j’évoquais. Aujourd’hui, il est clairement moins marqué qu’il y a quelques dizaines d’années.

D’ailleurs, récemment, un sondage réalisé par le Festival lausannois de la Cité posait la question suivante :

« Peut-on être un bon Suisse en se levant seulement à 9 h ? » Eh bien, 72,8 % des personnes interrogées ont répondu « oui ».

La Suisse de la créativité fait partie de cette évolution. Mais elle ne se fera pas toute seule.

Il ne suffit pas de l’attendre de pied ferme. Il faut la réclamer, l’encourager, la revendiquer.

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