Saint-Gall

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Sehr geehrter Herr Regierungsrat
Sehr geehrter Herr Stadtpräsident
Sehr geehrte Damen und Herren

Frauen und Männer haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleiche oder gleichwertige Arbeit. Das sagen Bundesverfassung und Gleichstellungsgesetz.

Wir alle wissen aber, dass diese eigentlich garantierte Lohngleichheit keineswegs überall umgesetzt ist.

Es geht um Gerechtigkeit – oder in der Sprache des Sports – um Fairness.

Es geht darum, dass wir in der Realität leben, was in der Bundesverfassung festgehalten wird.

Meine Damen und Herren

Schauen wir uns die Realität an:
Frauen verdienen im Schnitt 20 Prozent weniger als Männer.
Das gilt für die ganze Schweiz und es gilt auch für die Ostschweiz. Die Statistikfachstelle des Kantons St. Gallen hat dies in einer Studie aufgezeigt.

In Zahlen heisst das: Hier in der Ostschweiz beträgt der
Durchschnittslohn der Frauen 4630 Franken. Damit verdienen sie 1175 Franken weniger als die Männer.

Einen Teil dieses Unterschieds kann man erklären: zum Beispiel mit der Ausbildung, der beruflichen Stellung oder der Erfahrung. Für 510 Franken des Unterschieds gibt es also gute Gründe.

Es bleiben aber mehr als 11 Prozent, die man damit nicht erklären kann. 665 Franken.

Das ist inakzeptabel.

Das ist verfassungswidrig.

Das ist aber leider ganz normal.

Der diskriminierende Lohnunterschied – also der Lohnunterschied, der ausschliesslich auf die Geschlechtszugehörigkeit zurückzuführen ist – ist in der Schweiz immer noch gross. Und er wird kaum kleiner.

Die Lohndiskriminierung zwischen Frauen und Männern ist schon zu Beginn der beruflichen Karriere zu beobachten.

Eine kürzlich erschienene Studie unter der Leitung des Schweizerischen Nationalfonds hat gezeigt, dass bei Eintritt ins Berufsleben die nicht erklärbare Differenz rund 7 Prozent oder 280 Franken pro Monat beträgt.

Die Gesamtsumme der unerklärten Lohndifferenz der Frauen ist gewaltig. Wenn Frauen im Schnitt 8 Prozent weniger verdienen, macht das im Jahr fast 8 Milliarden Franken aus, die den arbeitenden Frauen und ihren Familien fehlen.

Meine Damen und Herren

Die öffentliche Hand hat die Pflicht, bei der Lohngleichheit voranzugehen. Denn die öffentliche Hand ist ja gewissermassen die sichtbare Hand – im Gegensatz zur unsichtbaren Hand des Marktes. Und eine sichtbare Hand kann den Weg weisen.

Deshalb haben wir im Januar erstmals ein Treffen zur Förderung der Lohngleichheit im öffentlichen Sektor durchgeführt.

Das war für die beteiligten Gemeinden und Kantone hilfreich. Deshalb werden wir es wiederholen.
Lohndiskriminierung bekämpft man nämlich am besten, indem man weiss, was man konkret dagegen tun kann.

Zuallererst: Man muss sie messen.
Dazu hat der Bund Logib entwickelt, einen Selbsttest, mit dem die Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern in einem Unternehmen oder einer öffentlichen Institution einfach geprüft werden kann.
Appenzell Ausserrhoden hat Logib angewendet und stellte für das Jahr 2013 eine Lohndiskriminierung von fast 10 Prozent fest.
Daraufhin hat der Kanton reagiert: mit Massnahmen wie Homeoffice, Anrechnung der Erfahrungsjahre, familienfreundlichen Karrieremodellen.

Dank einer guten Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern wurde der finanzielle Handlungsspielraum geschaffen.
Dieses Jahr wird die Lohndiskriminierung in Appenzell Ausserrhoden noch rund 4 Prozent betragen.

Die Stadt Bern, ein anderes Beispiel, verlangt im Beschaffungswesen von jenen Unternehmen, die nicht einem Gesamtarbeitsvertrag unterstehen, eine Bestätigung, dass die Lohngleichheit eingehalten wird.

Das zeigt: Es ist nicht so schwierig, etwas gegen Lohndiskriminierung zu unternehmen.
Man muss nur wollen.

Meine Damen und Herren

Die Argumentation der Skeptiker ist bekannt: Lohngleichheit sei selbstverständlich das Ziel, aber – leider, leider – stecke der Teufel im Detail.
Es sei halt alles nicht so einfach.

Ist das wirklich so?

Schauen wir uns die Details an:

Gewiss hat ein Teil der Lohnungleichheit seine Ursache in der Wahl der Lebensform. Dies gilt es zu respektieren. Beispielsweise nimmt einen Karriereunterbruch bewusst in Kauf, wer sich voll und ganz der Familie widmen möchte.

Eine wichtige Ursache für Lohnungleichheit sind aber auch fehlende Betreuungsstrukturen für Kinder. Wären mehr solche Strukturen vorhanden, könnten Erwerbstätigkeit und Familie leichter vereinbart werden.

Ein Grund für Lohnungleichheit liegt auch in fehlenden Rahmenbedingungen bei den Arbeitgebenden.

Es muss möglich und normal sein – für Männer ebenso wie für Frauen – Teilzeit zu arbeiten.

Und es muss möglich sein, Teilzeit zu arbeiten und trotzdem Karriere zu machen.

Dazu braucht es Modelle, die Familie, Weiterbildung und Arbeit gut aufeinander abstimmen. Es braucht Anreize, damit Frauen zu einem höheren Beschäftigungsgrad arbeiten und damit bessere Karriere-Chancen haben.

Dazu braucht es auch Vorbilder.

Der Bundesrat hat deshalb beschlossen, Zielquoten einzuführen, um den Frauenanteil in Führungspositionen der bundesnahen Unternehmen zu erhöhen.

Meine Damen und Herren

Lohngleichheit heisst: Jede und jeder hat die Gewissheit, im Arbeitsmarkt fair behandelt zu werden.

Lohngleichheit heisst auch: Die Schweiz lässt die Frauen nicht unfreiwillig zu Hause stehen, weil Beruf und Familie schlecht miteinander vereinbar sind. Die Schweiz braucht diese – oft gut ausgebildeten – Frauen.

Reden wir also über Lohnungleichheit!
Über ihre gesellschaftliche Bedeutung und die Diskriminierung von Frauen im Erwerbsleben.

Genau dies macht das Lohnmobil. Es fällt auf, regt zum Nachdenken an und zeigt Lösungswege auf. Es präsentiert das Problem der Lohngleichheit in seiner ganzen Vielschichtigkeit.

Es geht darum, dass wir in der Realität leben, was in der Bundesverfassung festgehalten wird.
Deshalb engagiert sich der Bund für Lohngleichheit. Und deshalb unterstützt er diese kreative Wanderausstellung

Ich freue mich, heute mit Ihnen das Lohnmobil auf seine Reise durch die Schweiz zu schicken. Und wünsche ihm auf seiner Tour de Suisse viel Aufmerksamkeit!

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