Glaris
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Sehr geehrter Herr Landammann Marti
Sehr geehrter Herr Landammann Inauen
Sehr geehrte Damen und Herren National- und Ständeräte
Sehr geehrte Damen und Herren
Glarus gilt ja als Kanton mit grossem Traditionsbewusstsein.
Das zeigt sich auch in einem Witz über einen Glarner und einen Zürcher.
Der Zürcher prahlt:
« Mein Geschlecht reicht zurück bis zu den Burgunderkriegen! »
Darauf sagt der Glarner:
«ich weiss bimeid nüd, we alt mis Gschlecht isch, wil huufä Ufzeichnigä bi dr Sintfluet verlore gangä sind…»
Sie merken: Vielleicht sollte man in der Romandie das Früh-Schweizerdeutsch einführen…
Auch als ehemaliger AOC-Präsident beeindrucken mich die langen Zeiträume, in denen Ihr Kanton denkt.
So hat die Glarner Landsgemeinde Markenschutz schon Jahrhunderte „avant-la-lettre“ betrieben.
Ich spiele natürlich an auf die Landsgemeinde vom 24. April 1463. Damals hielt der Souverän fest, wie der „Glarner Schabzieger“ genau zu produzieren sei.
Im Jahre 1463 definierte Glarus also einheitliche Qualitätsstandards – und das erst noch mittels direktdemokratischem Beschluss.
Zu dieser ausserordentlichen Leistung gratuliere ich Ihrem Kanton – wenn auch mit 552 Jahren Verspätung.
Aber da Sie in Glarus ja immer langfristig denken, verzeihen Sie mir das sicher…
Im Ernst: Zum Glarner Traditionsbewusstsein gehört natürlich ganz prominent die Landsgemeinde.
Und ich muss sagen: Es ist ein bewegendes Erlebnis.
Hier trifft das Volk auf die Regierenden.
Hier zeigt sich die Macht des Einzelnen, auch die Macht des Arguments.
Hier zeigt sich aber auch: Sich engagieren und Kritik äussern braucht Mut – man muss den Kritisierten in die Augen schauen.
Und man muss diese direkte Form der Kritik aushalten können.
Nicht selten geht an der Landsgemeinde das Volk weiter als die Regierung.
Ich war beeindruckt, wie vor 9 Jahren der Entscheid Glarus neu zu organisieren, zustande kam:
Die Regierung wollte von 25 auf 10 Gemeinden runter.
In der Debatte kommt der Antrag auf eine Reduktion auf 3 Gemeinden. Argument: „Wenn schon, denn schon.“
Der Antrag gewinnt.
Oder der Entscheid zum Stimmrechtsalter 16 ein Jahr später:
Eine intensive Debatte und schliesslich gewinnt der Antrag der Jungsozialisten. Diese haben an sich keine Mehrheit im Kanton.
Sie müssen argumentieren und überzeugen.
Meine Damen und Herren
Was ist es, was die Landsgemeinde so besonders macht?
Ich meine: dass man sieht und spürt, dass Demokratie auf gegenseitigem Vertrauen basiert.
Auf dem Vertrauen, dass auch die oder der andere gute Argumente hat.
Und auf Respekt vor den anderen – auch und gerade dann, wenn sie einer Minderheit angehören.
Das Gemeinwohl kann nur gemeinsam definiert werden. Das klingt banal, aber es ist keine Selbstverständlichkeit mehr in einer Zeit der Individualisierung.
Glarus ist also nicht nur eine Schweiz im Kleinen.
Sondern auch eine Mahnung an unser Land: Denn in der Schweiz ist das gegenseitige Vertrauen – unsere wichtigste Ressource – zuweilen gefährdet.
Die Polarisierung bringt zwar mediale Aufmerksamkeit, vielleicht gar Wählerstimmen.
Aber wenn es um die grossen Reformen in unserem Land geht, müssen wir uns zusammenraufen.
Ohne Kompromisse kann es keine Demokratie geben.
Und ohne Kompromisse können auch jene Reformen in der Altersvorsorge und im Gesundheitswesen nicht gelingen, die nötig sind, damit die Schweiz auch in Zukunft sicher und stabil bleibt.
Meine Damen und Herren
Für ausländische Beobachter mag die sichtbar gelebte direkte Demokratie das Spektakulärste an Glarus sein.
Als Schweizer beeindruckte mich stets die Tatsache, dass Glarus es wie kaum ein anderer Kanton verstand, Moderne und Tradition zu vereinen.
Schon im 18. Jahrhundert war der französischamerikanische Reiseschriftsteller Louis Simond beeindruckt von Ihrem Kanton, den er als „petite république de paysans et de manufacturiers“ beschrieb.
Er beschreibt Glarus übrigens als „plus Suisse encore“ als die Gegenden, die er zuvor gesehen hatte.
Die wollen wir nicht namentlich erwähnen, der Bund ist da strikt neutral…
Worin besteht diese Essenz der Schweiz, für die Glarus stellvertretend stand und noch immer steht?
Es ist das Bewusstsein: Wandel braucht Kontinuität.
Und: Es gibt keine nachhaltige Dynamik ohne festen Halt.
In diesem Wissen wurzelt das „glarnerische Wirtschaftswunder“.
Schon im 18. Jahrhundert produzierten glanerische Betriebe für ganz Europa, ja sogar für aussereuropäische Märkte.
In dieser doch eher kargen Natur, in dieser vom Verkehr lange kaum erschlossene Talschaft entstand eine der am frühesten industrialisierten Regionen Europas.
Und dabei blieb man in Glarus stets geerdet, bewahrte Augenmass, schätzte die eigenen Ressourcen und Chancen realistisch ein.
Und war gerade deshalb so gut.
Von dieser Glarner Geisteshaltung kann die heutige Schweiz lernen.
Deshalb bin ich für Glarus optimistisch. Auch wenn die wirtschaftliche Situation durch die Frankenstärke sich jüngst verschärft hat.
Und leider auch zu Stellenverlusten geführt hat, da der im Glarnerland stets wichtige zweite Sektor besonders stark unter der Währung leidet.
Meine Damen und Herren
Die wirtschaftliche Tüchtigkeit und die souveräne Gelassenheit, die Ihren Kanton durch all diese Jahrhunderte ausgezeichnet hat, wird Sie auch diese Krise meistern lassen.
Wie schon die Krisen zuvor.
Glarus ist immer wieder gestärkt aus diesen hervorgegangen.
Weil es Glarus, diese Schweiz im Kleinen, immer wieder gelang, sich selber neu zu erfinden – und sich doch treu zu bleiben.
Häufig fallen ja im Zusammenhang mit bekannten Glarnern Attribute wie
„eigensinnig“ und „hartnäckig“
Ich würde das anders formulieren: Sie wissen, was Sie wollen.
Das – auch das! – zeigte sich schon früh, zum Beispiel in der Geschichte der 200 Glarner, die 1845 auszogen, um ihr Glück in den USA zu finden.
Einer dieser 200, Matthias Dürst, schrieb während der Überfahrt von Rotterdam nach New York in sein Tagebuch:
„Zweyback hätten wir genug, aber dieser ist keine Menschliche Kost. Die sieben Schweine, die auf dem Schiff sind, fressen ihn nicht.“
Dürst liess sich nicht einfach so abspeisen.
Er wusste genau, was er wollte: „grünen Schabzieger“.