Zurich
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand et en anglais. Texte original, non traduit.
Sehr geehrte Stadtpräsidentin
Meine Damen und Herren
Dear guests
So kurz vor den Wahlen ist man ja etwas vorsichtig.
Man wittert überall Politisches…
Deshalb bedanke ich mich zuerst für die Ausgewogenheit bei der Auswahl der Star-Gäste:
Von Jeremy Irons, den ich bei den Dreharbeiten zu „Nachtzug nach Lissabon“ in Bern kennenlernen durfte – bis zu Stephen Fry.
Von Mike Leigh bis Arnold Schwarzenegger.
Ein breites Spektrum.
Das erinnert mich fast an die Zusammensetzung des Bundesrates
Da fühle ich mich zuhause.
Meine Damen und Herren
Wir sind eines der rätselhaftesten Länder der Welt – wir sind sogar uns selber ein Rätsel.
« Die Eidgenossen verbündeten sich miteinander, um voneinander verschieden zu bleiben », schrieb der Neuenburger Philosoph Denis de Rougemont 1963.
Besonders rätselhaft scheint mir Zürich:
In Zürich lebten Lenin und die Dadaisten – und zwar in der gleichen Gasse.
Wo wurde die Ländlermusik als Soundtrack der Schweiz erfunden? Im Zürcher Niederdorf.
Und besonders verwirrend:
In Zürich erblickte das „Heidi“ das Licht der Welt –
aber auch HR Gigers „Aliens“ sind hier… ausgeschlüpft, muss man wohl korrekt sagen.
Und auch heute noch gibt Zürich Rätsel auf:
Geht die Urbanisierung nicht allzu weit, wenn künftig sogar das Getreide in einem Hochhaus wohnt?
Reicht das normale „urban gardening“ für Zürich nicht?
Gewiss, das Birchermüseli wurde am Zürichberg erfunden – aber brauchen die Zutaten wirklich freie Sicht auf die Alpen?
Aber ich nehme an, so ist Zürich halt einfach.
Innovativ, kreativ und gleichzeitig sehr gründlich.
Hier macht man keine halben Sachen.
Nur schon die Sauberkeit der Zürcher Strassen ist legendär.
Schon James Joyce sagte, die Bahnhofstrasse sei so sauber, dass man Minestrone von ihr aufschlürfen könne.
Davor muss ich als Verantwortlicher der Bundesämter für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit allerdings warnen.
Ohne genaues Studium der Herkunftsnachweise sämtlicher Zutaten würde ich das nicht tun.
Ich hoffe, das wird mir nicht als staatliche Bevormundung ausgelegt.
Das hört man ja in letzter Zeit immer wieder.
Trotzdem hat der Bundesrat entschieden, dass sämtliche salz- und zuckerhaltigen Pausen-Snacks in den Kinos PER SOFORT verboten werden.
Das war ein Scherz!
Natürlich gilt dieses Verbot erst NACH den Wahlen.
Meine Damen und Herren
Das Zurich Film Festival ist eine interessante und sehr zürcherische Mischung
aus Kreativität und ambitionierter Gründlichkeit.
aus Experimentierlust und perfekter Organisation.
Hier wird vieles ausprobiert, was andere nicht wagen.
Zum Beispiel der internationalen Filmmusikwettbewerb.
Oder der Wettbewerb um die Produktion eines Filmclips – 72 Sekunden realisiert in 72 Stunden.
Vor allem aber bietet das Zurich Film Festival auch dieses Jahr wieder ein breites Angebot an faszinierenden Filmen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt dieses Jahr auf dem jungen und sehr weiblichen französischen Kino: La nouvelle vague au féminin.
Rund ein Drittel der französischen Filme wird inzwischen von Frauen gemacht.
Das zeigt, welch ungeheures kreatives Potenzial überall darauf wartet, sich entfalten zu können. Auch bei uns!
Meine Damen und Herren
Wieso brauchen wir Filme, Kino, Festivals?
Warum brauchen wir bewegte Bilder, die manchmal weltbewegend sind – und manchmal nur einen einzelnen Menschen bewegen?
Warum brauchen wir die Geschichten, die das Kino schreibt?
Weil wir in einer Zeit leben, in der wir mit Bildern überflutet werden.
Der Übermacht der Bilder können wir nur mit genaueren Bildern begegnen.
Und mit Geschichten, die auf der Suche nach der gefährdeten Vieldeutigkeit sind – die unser reales Leben ja prägt und die wir auch im Medium Film gespiegelt sehen wollen.
Das Zurich Film Festival sucht für uns denn auch Filme aus, die einen überraschenden Blick auf die Welt werfen.
Die unsere soziale und politische Empathie fördern – ohne die unsere Gesellschaft auseinanderdriften würde.
Die uns das Unvertraute entdecken lassen und es so zu Vertrautem machen.
Im Kinosaal fläzen wir im Sessel, sind wir äusserlich unbewegt und sehen der Welt beim Vorbeirasen zu.
– und tauchen gleichzeitig in fremde Universen ein, die so zu unseren eigenen werden.
Meine Damen und Herren
Der grosse Orson Welles sagte einst:
„Ein Film ist nur dann wirklich gut, wenn die Kamera ein Auge im Kopf eines Dichters ist.“
Vielleicht ist das ja das „goldene Auge“, das dem Zurich Film Festival als Wahrzeichen dient?
Aber vielleicht ist es ja viel einfacher:
Goldeneye – so heisst ja bekanntlich ein James Bond-Film; natürlich nach Ian Flemings Haus auf Jamaika, wo er die Bond-Romane schrieb.
Und der Bösewicht aus dem nächsten James Bond-Streifen reist dieses Jahr auch nach Zürich:
Es ist Oscar-Preisträger Christoph Waltz.
Ein Österreicher…
Das kommt mir doch etwas seltsam vor…
Ich meine: Ist es nicht seltsam, dass der Bond-Bösewicht ausgerechnet ein Habsburger ist?
Der zudem auch schon in einem Film als EU-Beamter zu sehen war?
Sie sehen: Ich bin geistig schon wieder im Bundeshaus.
Und komme deshalb jetzt schleunigst zum Schluss.
Ladies and gentlemen
The Zurich Film Festival is still young, but has already become an important fixture in Switzerland’s cultural calendar.
An event of cinematic inspiration, diversity and lively exchanges.
I hope you will all be able to enjoy some outstanding films over the next few days!