Zurich

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Damen und Herren National- und Ständeräte
Sehr geehrter Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands
Sehr geehrter Herr Professor Schaltegger
Meine Damen und Herren

Wir alle wissen, woran man in der Schweiz eine erfolgreiche Reform erkennt:

Daran, dass am Schluss alle unzufrieden sind.

Genauer: dass am Schluss alle GLEICH unzufrieden sind.

Das gehört zu den Geheimnissen des Swiss Way of Life.

Es täuscht also, wenn wir am Montagmorgen im Tram die griesgrämigen Gesichter sehen.

Innerlich jubilieren alle.

Dieser Aspekt meines Themas „Reform der Altersvorsorge“ ist also klar – aber ein anderer Aspekt aber stellt uns vor ein Rätsel:

Was ist eigentlich das Alter?!

Lassen Sie mich etwas ausholen:

Im Juli 1962 traten die Rolling Stones erstmals auf, im Londoner Marquee Club.

Zwei Monate später wurde der Kalte Krieg in der Kuba-Krise beinahe heiss – die Welt stand im Oktober 1962 am Rand eines atomaren Kriegs.

Ende März 2016 fand in Havanna ein Gratiskonzert statt – und zwar von eben diesen Rolling Stones.

Mick Jagger zappelte 2016 ebenso wild wie im Jahre 1962.

Der Rollator hat seinen Namen jedenfalls nicht von den Rollenden Steinen…

Im Ernst, meine Damen und Herren

Man merkt heute deutlich: Das Alter ist nichts Absolutes, sondern etwas sehr Relatives.

Die Babyboomer haben in den sechziger Jahren definiert, was es bedeutet, jung zu sein.

Und dieselben Babyboomer definieren heute, was es bedeutet, alt zu sein.

Das Alter war während fast der ganzen Menschheitsgeschichte verbunden mit Armut und Elend.

Heute erscheint es – zumindest in den wohlhabenderen Ländern – häufig als das genaue Gegenteil:

Als goldener Spätsommer des Lebens.

Als Zeit der Selbstverwirklichung, des Reisens und des intensiven Erlebens.

Diese Neuerfindung des Alters gehört wohl zu den dramatischsten Entwicklungen der jüngeren Geschichte.

Und trotzdem gilt Alter in der Arbeitswelt immer noch als Makel, als Schwäche.

Diesen fundamentalen Widerspruch aufzulösen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre.

Und zwar nicht nur für die Politik, sondern auch für die Gesellschaft – und ganz besonders für die Wirtschaft, für die Arbeitgeber.

Meine Damen und Herren

Ich bin überzeugt, dass der demographische Wandel nicht nur zu bewältigen ist.

Sondern, dass er eine Chance darstellt.

Wir müssen ein positives Bild des Alters entwickeln – denn der gegenwärtige Jugendkult ist in einer alternden Gesellschaft eine absurde Entwicklung.

Immer mehr Menschen bleiben über das Pensionierungsalter hinaus im Arbeitsprozess – und erbringen gerade in altersmässig durchmischten Teams hervorragende Leistungen.

Alter bedeutet Erfahrung, Genauigkeit, Wissen, vielleicht gar Weisheit.

Je schnelllebiger die Zeiten, desto wichtiger wird die Fähigkeit, zwischen kurzatmigen Moden und echtem Wandel zu unterscheiden.

Aber es geht darüber hinaus:

Die Alterung gibt uns die Chance, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, der heute durch die Globalisierung gefährdet ist – und zunehmend auch durch die Digitalisierung.

Und indem wir die soziale Inklusion stärken, stärken wir auch unsere Demokratien.

Die Alterung zwingt uns nämlich dazu, möglichst alle Menschen in unser Wirtschaftsleben einzubeziehen.

Es kann nicht sein, dass hoch qualifizierte Frauen nur Teilzeit arbeiten, weil es noch immer hapert bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Dies ist – leider – auch in der Schweiz noch immer der Fall.

Hier steht die Politik in der Verantwortung – aber auch Sie als Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber!

Das gilt auch bei der Lohngleichheit von Frauen und Männern.

Die Gesamtsumme des unfairen Lohnverlustes der Frauen ist gewaltig. Wenn Frauen im Schnitt 8 Prozent weniger verdienen, macht das im Jahr fast 8 Milliarden Franken aus, die den arbeitenden Frauen und ihren Familien fehlen.

Dass die Frauen für gleiche Arbeit noch immer weniger verdienen, ist inakzeptabel. Und es ist klar verfassungswidrig.

Und schliesslich noch ein Wort zu einem Thema, dass medial präsent ist seit der Abstimmung über die Masseneinwanderung.

Und bei dem es trotzdem nicht richtig vorwärts geht: Das Engagement gegen die Diskriminierung der Älteren auf dem Arbeitsmarkt.

Es mutet in einer alternden Gesellschaft doch absurd an, dass Arbeitnehmende über 50 immer häufiger aus dem Arbeitsmarkt ausgemustert werden.

Auch hier stehen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in der Verantwortung.

Die Schweiz bleibt nur weltoffen – und Europaoffen! – wenn die Bürgerinnen und Bürger davon überzeugt sind, dass es in diesem Land fair zu- und hergeht.

Wir müssen auch möglichst viel in Bildung und Weiterbildung investieren. Und dabei sorgfältig auf die Chancengleichheit achten. Nur ein Viertel der Menschen mit tiefem Bildungsniveau arbeitet in Europa länger als bis 60 – aber die Hälfte jener mit einem höheren Bildungsniveau.

Und natürlich gilt es auch, möglichst viel und möglichst früh in die Gesundheit zu investieren. Die Prävention wird noch wichtiger.

Klar ist auch, dass wir die Rentensysteme so reformieren müssen, dass der drohende Generationenkonflikt entschärft wird – und sich die Pensionierten trotzdem finanziell abgesichert wissen.

Falls es uns gelingt, die Altersvorsorge nachhaltig zu reformieren und zu stabilisieren, stärken wir mehr als die soziale Sicherheit – wir stärken die Schweiz als Ganze.

Ich bin überzeugt: Diese Herausforderung ist zu bewältigen.

Denn hinter dem Ziel, dass es in der Schweiz im 21. Jahrhundert keine Altersarmut geben darf, stehen sämtliche politischen Kräfte.

Jedenfalls ist Demographie nicht einfach Schicksal.

Es kommt immer darauf an, ob wir diese Entwicklung in einem optimistischen Geist angehen oder mit Defaitismus.

Wer die soziale Sicherheit unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts nachhaltig stabilisieren will, muss Realist und Optimist zugleich sein.

Unbequeme Wahrheiten müssen ausgesprochen werden, an viele Adressaten.

Auch solche, die einem sonst nahe stehen.

Das macht es natürlich nicht einfacher.

Wer eine solche Reform versucht, hat aber auch einen grossen Vorteil:

Das génie hélvétique hilft ihm dabei.

Denn wenn unsere politische Kultur eine grossartige Stärke hat, dann ist es diese:

Nach endlosen Debatten raufen wir uns am Schluss wieder zusammen – im Namen des Gemeinwohls.

Was mich ermutigt ist meine feste Überzeugung: Die Schweiz ist ein Land, das Probleme nicht endlos aussitzt – sondern sie anpackt und löst.

Vielen Dank.

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