Berne

Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Damen und Herren National- und Ständeräte

Natürlich habe ich mich gefragt, was Calvin oder Zwingli dazu sagen würden, dass ein katholischer Bundesrat aus Freiburg zu 500 Jahren Reformation spricht.

Sie wären wohl überrascht gewesen. Um es sehr vorsichtig zu formulieren.

Wie Sie wissen, formulieren wir im Bundesrat immer dann besonders vorsichtig, wenn es richtig heikel wird…

Aber noch seltsamer fänden die Reformatoren wohl eine andere Facette unserer Gegenwart.

Die Reformatoren dachten ja intensiv über die Bedingungen einer fairen Wirtschaft nach. Insbesondere beschäftigte sie die Frage, wie viel Zins der Kreditgeber erhalten sollte. 5 Prozent schien ihnen angemessen.

Was Calvin zum NEGATIV-Zins gesagt hätte, sprengt meine Vorstellungskraft ….

Meine Damen und Herren

Die Reformation ist eines der wichtigsten Ereignisse der Geschichte.

Eine Bewegung, deren geistige, kulturelle, gesellschaftliche und politische Dynamik seit einem halben Jahrtausend weite Teile der Welt prägt.

Die Reformation führte im 16. Jahrhundert zu einer grundlegenden Neuordnung von Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

Der protestantische Geist der Mündigkeit und der damit verbundene hohe Stellenwert der Bildung waren wichtige Grundlagen, auf denen aufklärerisches Gedankengut erblühen konnte.

Alleinige Schrittmacherin der Moderne war die Reformation jedoch nicht – im 18. Jahrhundert setzte auch eine katholische Aufklärung ein, deren Vitalität sich etwa auch im Zweiten Vatikanischen Konzil vor etwas mehr als fünfzig Jahren zeigte.

Trotzdem: Die Reformation ist eines der Fundamente, auf denen unsere moderne Welt mit Rechtsstaat und Menschenrechten ruht.

Beides ist leider auch heute alles andere als selbstverständlich, wie Entwicklungen in verschiedenen Teilen der Welt zeigen.

Aus all diesen Gründen ist die Reformation mehr – viel mehr! – als eine kirchengeschichtliche Zäsur.

Um es mit den Worten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes zu sagen: „Sowohl für Reformierte als auch Anders- oder Nichtgläubige ist die Reformation bedeutsam, weshalb ein Blick auf diesen historischen Moment zwingend ist. Die Reformation gehört nicht der reformierten Kirche allein.“

Es ist deshalb richtig, dass der 500ste Geburtstag der Reformation konfessionsübergreifend gefeiert wird.

Im Bewusstsein, dass Protestanten und Katholiken – historisch wie auch in der Gegenwart – weit mehr verbindet als sie trennt.

Meine Damen und Herren

Unser Land spielt in der Geschichte der Reformation eine entscheidende Rolle.

Für einmal war Schweiz von einer wichtigen europäischen Entwicklung nicht einfach betroffen. Sondern sie war eines der Epizentren dieses geistigen und gesellschaftlichen Erdbebens.

Zwei der drei grossen Reformatoren wirkten hierzulande: Der aus Frankreich zugewanderte Jean Calvin in Genf und der gebürtige Toggenburger Ulrich Zwingli in Zürich.

Und nennen muss man auch Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger, dessen „Hausbuch“, eine Sammlung von Predigten, bis weit über Europa hinaus rezipiert wurde. Und der sich in der Zürcher Übereinkunft von 1549 mit Calvin in wichtigen dogmatischen Fragen einigte.

Wodurch er die Alte Eidgenossenschaft und einen französischsprachigen Zugewandten Ort zu verbinden half.

Diese Leistung bewundere ich sehr. Auch wenn es damals um das Abendmahl ging – und nicht um Frühfranzösisch…

Meine Damen und Herren

Die Freiheit des Einzelnen, dieser Kerngehalt reformatorischen Denkens, hat auch unsere demokratische Kultur in der Schweiz stark geprägt.

Aber Freiheit hat Voraussetzungen:

nämliche eine Gesellschaft, die Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit ernst nimmt. Gerade in Zeiten wachsender Ungleichheit – zwischen und innerhalb von Gesellschaften – droht Freiheit ohne Voraussetzungen zur Floskel zu verkommen.

Die Freiheit ist mehr als die Freiheit des Einzelnen.

Der Protestantismus beinhaltete denn auch eine elaborierte Sozialethik.

Calvin befürwortete das Recht auf Eigentum, aber er bestand auch auf einer gerechten Verteilung des Eigentums.

Der Schweizer Religionshistoriker Emidio Campi ist überzeugt: „Calvin hätte jedes System entschlossen bekämpft, das soziale Ungerechtigkeit als Gegebenheit hinnimmt, denn in seinen Augen ist soziale Ungerechtigkeit eine Beleidigung des Schöpfers.“

Soziale Gerechtigkeit stand auch im Zentrum des Denkens von Ulrich Zwingli. Dank seiner Almosenverordnung von 1525 war nicht mehr nur die Kirche, sondern auch der Staat dazu verpflichtet, den Armen und Kranken zu helfen.

Sowohl Calvin als auch Zwingli engagierten sich also stark für das, was wir heute wohl eine soziale Marktwirtschaft nennen würden.

Aber ich will ja nicht in den Verdacht geraten, Zwingli und Calvin sozialdemokratisieren zu wollen…

Also zitiere ich den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund: „Der moderne säkulare Rechts-, Verfassungs- und Sozialstaat wurde von der Reformation geprägt.“

Mesdames et Messieurs,

Aujourd’hui, la sécurité sociale garantie par l’État n’a rien perdu de son importance. Bien au contraire.

Dans un monde globalisé, l’inclusion sociale de tous ceux que l’intégration planétaire exclut, menace ou désécurise est un devoir moral. Mais c’est aussi une stratégie politique pertinente pour préserver la cohésion sociale…

…et pour ne pas se retrouver dans la situation de la Grande-Bretagne dernièrement, où le passage aux urnes a tourné au règlement de comptes entre les gagnants et les perdants de la mondialisation.

A quoi devrait ressembler un ordre économique juste ? L’urgence de la question est la même qu’au XVIe siècle.

En leur temps, les réformateurs, notamment Calvin, avaient déjà souligné l’importance de la juste mesure dans la vie économique.

C’est un message qui, cinq siècles plus tard, reste d’une actualité brûlante. Ce qui fait la force de la Suisse, c’est la combinaison entre compétitivité et équilibre social.

Une combinaison éminemment protestante, car elle découle de cette double ambition des réformateurs : renforcer la liberté de l’individu ET promouvoir le « bien commun », lequel va bien au-delà de la distribution d’aumônes.

L’anniversaire que nous fêtons est une célébration à vocation œcuménique. Cela veut aussi dire qu’il convient de rappeler les zones d’ombre de la Réforme : Les protestants aussi ont brûlé des sorcières. Les protestants aussi – en particulier Luther dans son œuvre tardive – ont voué une hostilité radicale à la religion juive. Parmi les zones d’ombre, on peut aussi citer l’iconoclasme – la destruction systématique de l’art sacré… …et le décalage culturel du protestantisme par rapport au mouvement artistique baroque qui a accompagné le catholicisme au XVIIe siècle. Les partisans de la Réforme se sont en outre montrés – avec les catholiques – extrêmement violents à l’égard des anabaptistes, pour lesquels la Réforme de Zwingli n’allait pas assez loin. Sans oublier que ni Luther ni Zwingli n’étaient des modèles de tolérance : ils se voyaient comme des « prophètes » et seule leur conception de la foi trouvait grâce à leurs yeux. Enfin, il convient de rappeler – tout particulièrement maintenant – que Réforme et Contre-Réforme ont été l’une des causes de la Guerre de Trente ans, une véritable catastrophe pour le continent. Autrement dit, la Réforme a certes été la condition sine qua non des Lumières et de la Modernité.

Mais son histoire montre aussi que même une force qui place la dignité de l’être humain au cœur des préoccupations n’est PAS à l’abri d’un fondamentalisme destructeur.

Meine Damen und Herren

Die Reformation erinnert uns daran, wie stark Europa verbunden ist durch die grossen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Bewegungen der Geschichte.

Das hat heute Aktualität, in einer Zeit, wo das Gespenst der Renationalisierung umgeht in Europa. Und die Schweiz – stets verflochten und stets sich abgrenzend – kann natürlich nur verstanden werden als Teil dieser transnationalen Geschichte.

Das zeigt nicht zuletzt die starke Einwanderung von Protestanten – Hugenotten, aber auch Lutheraner und Anglikaner – die ihren Glauben zuhause nicht ausüben durften. Und die in der Schweiz Freiheit und Zuflucht fanden.

Diese Glaubensflüchtlinge verdankten unserem Land viel – und unser Land verdankt ihnen viel. Die Schweiz wäre ärmer ohne sie – sowohl kulturell als auch wirtschaftlich.

Meine Damen und Herren

Ein unvoreingenommener Blick vergegenwärtigt uns auch unsere wohl grösste historische Leistung: Dass wir durch alle diese Jahrhunderte zusammen geblieben sind.

Und dies trotz gewaltiger Fliehkräfte, seien sie kulturell, sprachlich, politisch, sozial – oder eben religiös.

Die Schweiz hat diese enormen Spannungen immer wieder überwunden.

Wir haben, auch daran gilt es heute zu erinnern, früher als andere gelernt, mit Andersgläubigen zusammenzuarbeiten und zusammenzuleben.

Ein wirklicher zivilisatorischer Fortschritt!

Was uns dabei half, war die grosse Nähe zwischen Katholiken und Protestanten in der konfessionell zersplitterten Eidgenossenschaft.

Diese Nähe erzeugte Spannungen, aber sie erhöhte eben auch den Druck, für beide Seiten akzeptable Lösungen zu finden.

Man fand pragmatische Lösungen, zum Beispiel von beiden Konfessionen genutzte sogenannte „Simultankirchen“. Ein Begriff, der den ökumenischen Gedanken auf hübsche Art vorwegnimmt.

Pragmatisch ging man auch nach der Schlacht bei Kappel 1531 vor. Sieger und Verlierer einigten sich darauf, die Frage der religiösen Wahrheit auszuklammern, weil keine Aussicht auf Verständigung bestand.

Dafür einigte man sich auf einen modus vivendi, der die friedliche Koexistenz der beiden Glaubensauffassungen zuliess.

Bezeichnenderweise heissen die Regelungen der Eidgenossen nach den konfessionellen Kriegen 1531, 1656 und 1712 „Landfrieden“. Sie stellten gegenseitige Beschimpfungen als Störungen des Friedens unter Strafe.

Entscheidend für die erfolgreiche Entwicklung unseres Landes war auch die Tatsache, dass die konfessionellen Grenzen nicht mit dem Stadt-Land-Gegensatz zusammenfielen. Eine solche Kongruenz hätte die Alte Eidgenossenschaft wohl kaum überstanden.

Wir hatten – und haben bis heute – das Glück grosser Unübersichtlichkeit, die eine Einteilung in Freund und Feind a priori verunmöglicht.

Aber allein auf die komplizierten kulturellen und konfessionellen Grenzverläufe durfte und darf man sich auch heute nicht verlassen:

Wir sind auch zu dem geworden, was wir sind, weil wir immer an unserem Zusammenhalt gearbeitet haben. Weil wir bis heute immer wieder zueinander finden müssen.

Ich bin überzeugt, dass uns das auch künftig gelingen wird, solange wir genau hinschauen: Wie geht es den Minderheiten? Wie verhalten sich die Mächtigen? Wie können wir den Schwächeren helfen?

Und diese Kultur des genauen Hinschauens lässt sich ohne die Geschichte der Reformation mit ihrer radikalen Diesseits-Orientierung wohl nicht erklären.

500 Jahre Reformation sind also auch eine Mahnung. Für uns alle. Vielen Dank.

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