Rorschach

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Sehr geehrter Herr Nationalrat und Stadtpräsident
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Meine Damen und Herren

Ich freue mich, mit Ihnen hier in Rorschach den 1. August zu feiern.

Seit ich Kulturminister bin, ist mir erst richtig bewusst geworden, wie vielfältig die Schweiz ist.

Der Kanton St. Gallen ist ein Kanton mit besonders vielen Traditionen.

Die Alpaufzüge, das Hackbrett, die Schellen.

Das Maskenschnitzen im Sarganserland.

Die St. Galler Maschinenstickerei.

Hinzu kommen all die neueren Traditionen, die diesen vielfältigen Kanton verbinden:

Das St. Galler Kinderfest, die Schützen- und Musikfeste Das St. Galler Open-Air – nicht nur ein kultureller Anlass, sondern auch eine Art Spa, wo man sich mit Schlamm einreiben kann Und nicht zuletzt natürlich die OLMA

Wer OLMA sagt, sagt – nein, nein, nicht dass hier jeweils ein Bundesratsmitglied, ein quiekendes Ferkel hält. Nein, wer OLMA sagt, sagt Bratwurst.

Und an der Bratwurst sieht man schön, wie stark unsere Traditionen auch in einer digitalen Welt sind.

Vor ein paar Jahren gab es ja eine Aufregung im Kanton St. Gallen.

Auf den sozialen Medien herrschte Empörung: „Skandalös“, twitterte ein User. „Ein Affront gegen die sanktgallische Kultur!“

Und ein anderer schrieb kurz und bündig: „Gaht’s no?“ Sie merken: Ich setze mich nicht nur für das Früh-Französisch ein. Sondern auch für das Früh-Schweizerdeutsch.

Warum diese grosse Aufregung?

Ein grosser Detailhändler hatte Bratwürste im Multipack verkauft – und dazu eine Tube Senf! Was für ein Frevel!

Ich bin ja auch Minister für Lebensmittelfragen – und ich werde im Anschluss kontrollieren, ob wirklich niemand hier seine Wurst mit Senf isst.

Im Ernst: Die Schweiz lebt davon, dass wir unsere Unterschiede pflegen und wertschätzen.

Über die Rolle der Kantone bei der Entstehung der Schweiz schrieb einst der Neuenburger Philosoph Denis de Rougemont: « Sie verbündeten sich miteinander, um voneinander verschieden zu bleiben.“

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Meine Damen und Herren

Rorschach – das ist die Schweiz im Kleinen:

Eine starke Identität, die in erster Linie der Gemeinde gilt, dann dem Kanton und erst zuletzt wohl dem Bund.

Ich spreche jetzt aber trotzdem weiter…

Hier in Rorschach herrscht seit jeher ein starkes Bewusstsein dafür, dass nichts selbstverständlich ist – dass alles erarbeitet werden muss, mit Fleiss, Hartnäckigkeit und einem ausgeprägten Sinn für Qualität und Präzision.

Was mich an Rorschach fasziniert, ist die Mischung aus scheinbarer Ruhe und untergründigem Wandel.

Denn Rorschach ist deshalb so stabil, weil es immer in Bewegung war.

Und bis heute in Bewegung ist.

Rorschach liess sich nie entmutigen – auch nicht durch grosse wirtschaftliche Krisen.

Hier stand einst die wahrscheinlich grösste Stickereifabrik der Welt, die Feldmühle. Stickereien „made in Rorschach“ wurden vor hundert Jahren in den Salons von Paris, London und New York getragen. Die Feldmühle steht bis heute exemplarisch für den Aufstieg und Niedergang der Stickerei-Ära in der Schweizer Industriegeschichte.

Aber auch wenn der Strukturwandel hart war, Rorschach hat sich – wie der ganze Kanton St. Gallen – immer den Realitäten gestellt.

Ich bin mir sicher: Das wird auch in Zukunft so sein.

Pragmatismus und Realitätssinn: Das sind zwei Schweizer Leitmotive, die man manchmal etwas vergisst. Angesichts der häufig polarisierten Debatten. Und angesichts der auch bei uns verbreiteten Zukunftsängste.

Was Rorschach – und den Kanton St. Gallen als Ganzen – geprägt hat, ist auch entscheidend für die heutige Schweiz: Die gelebte Erkenntnis, dass sich die Zukunft nie als blosse Verlängerung der Gegenwart vorstellen lässt. Dass das Neue zwar verunsichert, aber eben auch Chancen bietet. Und dass Optimismus häufig eine realistische Haltung ist.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Meine Damen und Herren

Wir sind ein Land, das sich immer wieder neu erfindet. Erfinden muss. Erfinden darf.

So wie Rorschach das getan hat – und gegenwärtig wieder tut.

Ich denke dabei etwa an die starke Stellung, die sich Rorschach als Ort der Bildung erarbeitet hat in den letzten Jahren.

In der Schweiz reden wir häufig von unserer Vergangenheit. Das ist auch wichtig und es hilft uns zu verstehen, wer wir sind.

Aber wir müssen auch an die Zukunft denken – wie die Schweiz auch früher an die Zukunft gedacht hat.

Die Gründung des Bundesstaates 1848 war ein Akt des Aufbruchs, des Muts, des Selbstvertrauens – und das in einem Europa, in dem die bürgerlichen Revolutionen allesamt gescheitert waren.

In den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts pflegte unser Land die geistige Landesverteidigung; aber sie fand zur gleichen Zeit auch einen höchst zukunftsträchtigen Kompromiss, den Arbeitsfrieden. Dieser stärkt den Standort Schweiz bis heute.

Wir können sogar vor die Zeit des Bundesstaates zurückgehen. Schon um 1830 exportierte niemand in Europa mehr als wir Schweizerinnen und Schweizer.

Wir dürfen auch mit Stolz daran denken, dass wir – gleich nach Grossbritannien – jenes Land sind, das sich am frühesten industrialisierte.

Wir waren und sind also nicht nur geschichtsbewusst – wir waren und sind auch zukunftsfreudig.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Meine Damen und Herren

Auch heute heisst es darum: nach vorne schauen.

Gerade, WEIL wir in unsicheren Zeiten leben.

Wir stellen schon länger fest: Auch bei uns ist die Mittelschicht unter Druck.

Auch bei uns wächst die Angst der Älteren, den Job zu verlieren.

Auch bei uns werden die Gewinne der Globalisierung einseitig verteilt.

Wie aber reagieren wir am besten auf diese unsichere Situation?

Indem wir den Alltag der Leute wirklich verbessern.

Indem wir die soziale Sicherheit stärken –

Indem wir, in komplexen Politikbereichen Reformen durchbringen.

Indem wir aufzeigen, dass wir den demographischen Wandel politisch gestalten können. Und dass Stillstand, Rückzug oder Besitzstandswahrung keine Optionen sind.

AV 2020

Vor diesem gesellschaftspolitischen Hintergrund gilt es – in der Schweiz wie überall sonst in der westlichen Welt –, die Altersvorsorge neuen Realitäten anzupassen.

Die Reform des Bundesrats – über die wir am 24. September abstimmen- ist jedoch nicht nur deshalb so wichtig, weil sie ein Versprechen der Schweiz an ihre Bewohnerinnen und Bewohner einlöst: nämlich ein Alter in materieller Sicherheit.

Die Vorlage ist auch deshalb so entscheidend, weil wir mit ihr auch beweisen können, dass die Schweiz nach wie vor reformierbar ist – auch und gerade in diesem komplexen Politikbereich.

Unser Erfolg als Nation gründet darauf, dass wir Probleme anpacken und nicht ins Unendliche verschieben.

Gewiss: WAS die Schweiz prägt, das bestimmt nicht allein die Schweiz. Aber die Schweiz bestimmt, WIE es uns prägt.

Alle wichtigen Akteure stehen in der Pflicht, an der Stärkung unseres Landes zu arbeiten. Indem sie sich kompromiss- und damit reformfähig zeigen – zum Wohl der Bevölkerung. Damit das Gefühl der Unsicherheit nicht weiter um sich greift.

Etwas eminent Praktisches wurde vielleicht nicht zufällig in der Schweiz erfunden – und zwar von einem St. Galler: Der Reissverschluss.

Links und rechts müssen zusammenkommen, damit es wirklich hält. Das gilt für Rucksäcke, Röcke und Reformen.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Meine Damen und Herren

Wer reformiert, sitzt am Steuer. Wer reformiert, ist den Verhältnissen nicht einfach ausgeliefert. Sondern gestaltet diese Verhältnisse.

Wir leben in einer Zeit, in der Innen- und Aussenpolitik kaum mehr zu trennen sind – und schon gar nicht in Europa!

Das bedeutet: Auch unsere Weltoffenheit und der Wille zur internationalen Kooperation ist abhängig davon, dass innenpolitische Herausforderungen auch weiterhin als STEUERBAR wahrgenommen werden.

Was ist schweizerisch? Die Skepsis gegenüber den grossen europäischen Ländern?

Ja, gewiss, das ist ja auch verständlich für einen vielfältigen, eher kleinen Staat.

Aber schweizerisch ist auch das Bewusstsein, wie wichtig Europa für uns ist. Hier am Bodensee muss ich das ja nicht weiter ausführen.

Wir sind – zusammen mit Luxemburg – wohl das europäischste Land von allen; nicht politisch, aber doch kulturell, wirtschaftlich und gesellschaftlich.

Die enge wirtschaftliche Verflechtung mit unseren Nachbarn war schon lange vor der EU eine der Bedingungen für unseren Wohlstand.

Und sie ist es selbstverständlich auch heute noch.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Meine Damen und Herren

Wer handelt, ist dem Wandel nicht ausgeliefert.

Wer diskutiert, ist nicht ohnmächtig.

Wer abstimmt, entscheidet über die Zukunft der Schweiz.

Deshalb beleben grosse Reformen unsere direkte Demokratie. Sie sind ein Test für unser Engagement und für unsere Kompromissfähigkeit.

Man kann und soll eine Reform kritisieren – aber man muss dann auch einen eigenen Vorschlag bringen, wie wir die Probleme anpacken.

Und man muss sich immer bewusst sein: Am Schluss entscheidet das Volk – und diesbezüglich sind wir wirklich ein Sonderfall.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger
Meine Damen und Herren

Ich komme jetzt zum Schluss – bevor Sie sagen, ich hätte zu JEDEM Thema meinen Senf dazugegeben. Und das auch noch in St. Gallen.

Im Ernst: Wir müssen uns immer wieder vergegenwärtigen, dass wir alle zusammen eine Gesellschaft bilden.

Die Schweiz muss ALLE mitnehmen. Denn: wenn wir nicht zusammenhalten, dann schwächt das am Ende jede und jeden von uns.

Auch hier hat die Geschichte von Rorschach ein Symbol parat für uns: Das Strandbad – das sogenannte „Sozibad“ – das einst Proteste auslöste, weil Männer und Frauen dort gemeinsam baden durften…

An der Geschichte des Strandbads kann man ablesen, wie sehr die Schweiz – aller Polarisierung zum Trotz – seither zusammengewachsen ist.

Heute baden nicht nur beide Geschlechter zusammen – sondern sogar Linke und Rechte!

Deshalb sage ich mit grossem Ernst, so wie es sich für eine Nationalfeier gehört: Wenn wir nicht zusammen baden Dann gehen wir zusammen baden.

Ich wünschen Ihnen allen einen schönen Nationalfeiertag!

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