Berne
Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.
Sehr geehrte Damen und Herren Nationalräte,
Sehr geehrte Frau Regierungspräsidentin
Sehr geehrte Damen und Herren Regierungsräte,
Excellencies,
Mesdames et Messieurs,
Wer sind wir?
Über dieser Frage könnte man in der Schweiz leicht verzweifeln: Diese immense Vielfalt auf kleinem Raum! Diese nationale Spannweite zwischen dem Genfer Privatbanker und der Glarner Bäuerin. Zwischen Jean-Jacques Rousseau und Alfred Escher. Und ein Zürcher ist wahrscheinlich nicht ganz sicher, mit wem ihn mehr verbindet: Mit einem Walliser oder einem Waliser…
Im Ernst: Wir sind selber etwas verwirrt über uns.
Vielleicht reagieren wir deshalb mit einer Mischung aus Zerknirschung und Erleichterung auf die Klischees, die im Ausland über uns kursieren. Banken, Schokolade, Käse mit Löchern.
Zerknirschung versteht man – aber warum Erleichterung?
Nun ja: Wenn die Leute wirklich über die echte Schweiz mit ihren komplizierten Prozessen und ihrer vielschichtigen Identität reden wollten – das wäre extrem anstrengend! Dann müssten wir dauernd Begriffe erklären wie:
Differenzbereinigungsverfahren Vernehmlassungsvorlage Interkantonaler Finanzausgleich Konkordanzdemokratie Frühfranzösisch – was sicher besonders in jenen Ländern Fragen aufwerfen würde, in denen Spätfranzösisch gesprochen wird.
Deshalb sage ich: Seien wir froh um die Klischees!
Sie sind perfekt für den smalltalk und – sie sind nicht einmal falsch!
Auch wenn wir manchmal etwas mogeln: Die Alpen-Ikone Heidi wurde in Zürich erfunden. Der Schweizerischer Alpenclub wurde 1863 im Bahnhofbuffet Olten gegründet – von grossbürgerlichen Städtern Das Handörgeli stammt aus Wien. Dafür steht die Stamm-Burg der Habsburger in der Schweiz – es steht damit 1:1, würde ich sagen. Und die Jodelclubs wurden Ende des 19. Jahrhunderts in den Städten ins Leben gerufen.
Und der Ländler? Er wurde populär in den Zürcher Stadtkreisen 4 und 5 – wo heute die Hipster wohnen. Der Stocker Sepp – als Sepp Stocker unter anderem Mitarbeiter des „Tages-Anzeigers“ – taufte in den 1920er Jahren seine Länder-Kapelle „Stocker Sepps 1. Unterwaldner Bauernkapelle“ – obwohl die Musiker weder Unterwaldner noch Bauern waren. Und da meinen einige, fake news seien eine neue Erfindung…
Meine Damen und Herren
Unser Kulturerbe ist natürlich weit mehr als eine Ansammlung nationaler Klischees, auf die es in Zeiten der Globalisierung manchmal reduziert wird.
Ohne ihr Kulturerbe wäre die Schweiz gar nicht denkbar. Wir haben keine gemeinsame Sprache, sind aber gleichzeitig mit drei grossen europäischen Sprachräumen verbunden.
In intimer Distanz, sozusagen – oder in distanzierter Intimität?
Wir sind das europäischste Land – und zwar nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich.
Ja, wir sind stärker in den EU-Binnenmarkt integriert als die meisten EU-Länder.
Wir können eben nicht nur Dialekt – wir können auch Dialektik.
Jedenfalls darf es nicht verwundern, dass die Schweiz seit jeher zwischen Anziehung und Abstossung, zwischen Öffnung und Abgrenzung pendelt. Diese Nähe-Distanz-Beziehung zu unseren Nachbarn ist also alles andere als neu – im Gegenteil: Man betrachtet sie wohl am besten als Teil unserer nationalen Identität.
Meine Damen und Herren
Unsere Kultur ist das Resultat dieses permanenten Aushandlungsprozesses.
Aber gerade deshalb braucht es gemeinsame Bezugspunkte.
Diese Bezugspunkte sind unser gemeinsames Erbe. Es besteht aus materiellem Kulturerbe wie Baudenkmälern oder dem archäologischen Erbe. Aus immateriellem Kulturerbe wie unseren althergebrachten – aber auch unseren jüngeren Traditionen. Traditionen, die wir stets weiterentwickeln. Und es besteht auch aus dem digitalen Kulturerbe – sei dies digitalisiertes oder digital entstandenes Kulturerbe.
Dabei lassen sich materielles und immaterielles Kulturerbe nicht trennen, sie bedingen sich sogar gegenseitig. Traditionen, Wissen, Praktiken sind die immaterielle Grundlage unseres materiellen kulturellen Vermögens. So ist eine Kirche steingewordener Ausdruck des Glaubens, Zeuge einer Lebenshaltung, Ergebnis jahrhundertealter handwerklicher Tradition.
Für die Millennials müsste man wohl sagen: Unser Kulturerbe ist gleichermassen die Hardware und die Software unseres Landes.
Meine Damen und Herren
Unser Kulturerbe ist existentiell wichtig für unsere Gesellschaft:
Mehr noch: Es ermöglicht erst Gesellschaft.
Genauso wie die Gesellschaft selbst – oder vielleicht besser: die Gesellschaften – muss auch das Kulturerbe immer wieder neu verhandelt werden.
Deshalb ist das Kulturerbejahr so wichtig, für Europa und für die Schweiz.
Es fördert Dialoge und Aushandlungsprozesse, die den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft zum Thema machen.
Und damit das Potenzial haben, die Gesellschaft selbst zu festigen oder zu verändern.
Oder vielleicht durch Veränderung zu festigen…
Mesdames et Messieurs,
L’Europe se trouve actuellement confrontée à des défis majeurs : une pression migratoire constante et importante, un fort taux de chômage des jeunes, sans oublier la menace terroriste, la montée des populismes et le chant des sirènes d’un nouvel autoritarisme.
Cette combinaison scabreuse met notre démocratie à l’épreuve. Notre identité culturelle aussi.
Dans ce contexte, nos fondements culturels constituent un socle qui joue probablement un rôle plus important que jamais.
Il renforce la cohésion de notre société. C’est une référence identitaire à la disposition de chacun. Qui confronte le discours des mythomanes à la réalité historique.
En bref : le patrimoine culturel a une signification politique dans ce sens où il se soustrait aux théories politiques simplistes.
Mesdames et Messieurs,
La Suisse entend apporter sa pierre à l’édifice de l’année du patrimoine culturel 2018. Concrètement. Durablement.
Elle entend construire de nouveaux ponts entre les citoyens et des thèmes comme ceux de la sauvegarde, de la protection et de la promotion du patrimoine culturel. Pas pour le patrimoine culturel en soi, Mais aussi et surtout pour chacun d’entre nous et le vivre ensemble.
Le Conseil fédéral a commencé le travail le 8 novembre, en ouvrant la consultation sur deux conventions relatives au patrimoine culturel : Celle de l’Unesco sur la protection du patrimoine culturel subaquatique et celle de Faro, soit la convention-cadre du Conseil de l’Europe sur la valeur du patrimoine culturel.
En lançant ces deux consultations, la Suisse ouvre la discussion, le débat politique, sur le patrimoine culturel.
Quelle que soit l’issue de ces consultations, le thème aura été abordé et largement discuté, ce qui constitue une belle avancée.
Pour ouvrir l’Année du patrimoine culturel 2018, nous organisons par ailleurs, en janvier, une conférence européenne des ministres de la culture à Davos.
Celle-ci vise à adopter la Déclaration de Davos, qui proclame l’importance du milieu bâti – y compris des biens du patrimoine culturel – pour le bien-être de l’individu et la cohésion de la société.
Mais la discussion ne doit pas seulement être politique. Il faut un débat public. L’Office fédéral de la culture a donc lancé un concours d’idées et de projets intitulé « Le patrimoine pour tous ». Comment les habitants souhaitent-ils découvrir, utiliser et entretenir le patrimoine culturel ? Dans une première phase, il s’agit d’encourager le grand public à participer à la discussion, à proposer, commenter et évaluer des idées. Ensuite, un concours de projets fondé sur ces idées aura lieu avec le soutien de la Confédération.
Ces deux concours visent à briser le monopole quant à l’interprétation du sens et de l’importance du patrimoine culturel. Les concours sont ouverts à tous et le jury qui désignera les meilleures idées n’est pas un « jury d’experts » au sens strict du terme.
Nous aurons d’ailleurs l’occasion d’en rencontrer les membres lors de la partie conviviale de cette manifestation.
Meine Damen und Herren
« Kulturerbe kann mehr », heisst es auf der Website des Kulturerbejahrs.
Vielleicht mehr, als wir alle denken.
Worin genau dieses «Mehr» besteht, das stellen wir im Kulturerbejahr zur Diskussion. Ausgang ungewiss. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt.
Und unser Kulturerbe hat jedenfalls das Potenzial, uns jederzeit zu überraschen – obwohl es uns ja eigentlich vertraut sein sollte.
Nehmen wir das Beispiel der Basler Fasnacht, die ja kürzlich in das immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen wurde.
Damit wurde ausgerechnet ein immaterielles Kulturerbe, das ausgerechnet mit Humor zu tun hat.
Bisher sind wir in der Schweiz davon ausgegangen, dass eher unsere Humorlosigkeit zu unserem immateriellen Kulturerbe gehört.
Sie kennen ja die Vorurteile – die ich hier nur wiedergebe, um gleichzeitig offiziellen Protest einzulegen gegen diesen gemeinsten Witz auf unsere Kosten:
Frage: „Was ist der Unterschied zwischen der Schweiz und dem Wiener Zentralfriedhof?“
Antwort: „Auf dem Wiener Zentralfriedhof ist es lustiger.“
Den Österreichern allein hätten wir vielleicht nicht geglaubt…
Aber auch Mark Twain stellte auf seinem „Bummel durch Europa“ fest:
„Falls die Schweizer wissen, wie man lächelt, behalten sie dieses Geheimnis für sich. Und falls sie eine Maschine zum Lächeln haben, können sie diese nicht bedienen.“
Doch wir können!
Die UNESCO hat es uns in ihrer ganzen Seriosität bestätigt.
Vielleicht inspiriert uns das Kulturerbejahr ja nicht nur dazu, uns unserer kulturellen Fundamente zu versichern.
Sondern auch dazu, zu entdecken, dass wir etwas anders sind, als wir bisher immer geglaubt haben.