Saint-Gall
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Sehr geehrte Ständeratspräsidentin
Sehr geehrter Regierungspräsident
Sehr geehrter Stadtpräsident
Sehr geehrte Damen und Herren Parlamentarier
Liebe St. Gallerinnen und St. Galler
Wir kommen gerade aus der Bundesratssitzung. Es war spannend. Ich darf Ihnen leider nicht verraten, worüber wir gesprochen haben. Ich mache es trotzdem.
Es gab aus Anlass dieser Sitzung des Bundesrats in St. Gallen einen innovativen Antrag – ich sage nun nicht von welcher Seite –, dass in jedem Kantonshauptort ein roter Platz eingerichtet werden müsse.
Damit war eine Mehrheit im Grundsatz einverstanden.
Allerdings gab es Differenzen bei der Farbe.
Mehrere Bundesräte bestanden darauf, der Platz müsse blau sein.
Ein Vermittlungsversuch mit einem neutralen Orange fand keine Mehrheit.
Eine Minderheit kritisierte die Idee grundsätzlich als zu urban.
Sie schlug vor, eine andere St. Galler Eigenheit schweizweit zu harmonisieren: das lockere Festhalten eines Ferkels. Dies soll in der ganzen Schweiz ab der zweiten Klasse geübt werden.
Dieser Vorschlag scheiterte aber an regionalpolitischen Bedenken.
Nach zwei Stunden wurde beschlossen, nichts zu beschliessen und zuerst eine interdepartementale Arbeitsgruppe einzusetzen.
In der restlichen halben Stunde erledigten wir übrigens dann die weiteren Traktanden: Die Senkung der Gesundheitskosten, ein neues Mandat für die Verhandlungen mit der EU und der Ausbau der Bahninfrastruktur.
Im Ernst, meine Damen und Herren: Die Sitzung war produktiv. Es ist schön, hierher zu kommen. In die Mitte der Schweiz.
Die Mitte ist ja nicht eine Frage der Geometrie. Sondern eine Frage der Perspektive. Die Mitte ist zum Beispiel dort, wo man alle Länder, die einen umgeben, in den Blick nehmen kann. So wie auf dem Säntis.
Dieser Blick über die Grenzen ist wichtig für die Schweiz: Dann merkt man, wie nah die Grenzen sind. Und dass Grenzen nicht nur trennen, sondern auch verbinden.
Der Blick über die Grenzen erfordert Weitblick. Und Weitblick haben wir in unserer Geschichte immer wieder bewiesen. Und beweisen ihn auch heute noch.
Kürzlich hat eine Umfrage unter 12’000 Personen ermittelt, wer unser grösster Held ist – also die Person, die Mut verkörpert. Es ist nicht Wilhelm Tell oder Roger Federer. Der wurde 32. Unser grösster Held ist Nelson Mandela. Ein südafrikanischer Freiheitskämpfer an erster Stelle. Wenn das nicht von Weitblick und Offenheit zeugt. Unter den ersten zehn Helden waren übrigens drei Schweizer: Tell, Winkelried und der Bergsteiger Ueli Steck.
Und wir stellen fest: Die Skepsis gegenüber fremden Richtern ist grösser als gegenüber fremden Helden.
So positiv die Liste der Mutigen auf den ersten Blick ist, sie sollte uns aber auch zu denken geben. Unter den ersten zehn ist nämlich gerade mal eine Frau: Mutter Theresa.
Wir haben nicht nur bei der Lohngleichheit, sondern auch bei der Gleichstellung der Heldinnen noch viel Arbeit vor uns. Aber vielleicht zeichnet es die Schweiz ja aus, dass sie eigentlich gar keine eigenen Helden braucht.
Vielleicht sind es die namenlosen Heldinnen und Helden des Alltags, die die Schweiz ausmachen. Jene Menschen, die täglich Freiwilligenarbeit leisten, zum Beispiel am Krankenbett, im Turnverein, in der Kirche oder in einem politischen Amt.
Meine Damen und Herren
Im Namen des Bundesrats bedanke ich mich herzlich für den wunderbaren Empfang hier in St. Gallen. Wir sind alle sieben da. Das ist selten. Das gibt es eigentlich nur bei einem Staatsbesuch. Oder wenn wir aufs Bundesratsreisli gehen. So viel Bundesrat erhalten Sie nicht so rasch wieder.
Und dazu auch noch die Ständeratspräsidentin. Herzlichen Dank, dass Sie, Frau Keller-Sutter, uns hier bei diesem Austausch mit der Bevölkerung in Ihrem Kanton begleiten. Das unterstreicht auch, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit von Bundesrat und Parlament ist.