Zurich

Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Frau Regierungsrätin
Sehr geehrte Frau Stadtpräsidentin
Sehr geehrter Präsident des Schweizer Theatertreffens
Sehr geehrte Vertreter von Kanton und Stadt Schaffhausen
Sehr geehrte Preisträgerinnen und Preisträger
Liebe Liebhaberinnen und Liebhaber des Theaters

Die Verleihung der Schweizer Theaterpreise findet heute bewusst im Pfauen des Schauspielhauses statt –

Der Pfauen: Die Geschichte reicht bis ins vorletzte Jahrhundert zurück.

Damals war das Schauspielhaus eher Amüsiertempel als moralische Anstalt.

Im Jahre 1892 liess der Gastwirt Heinrich Hürlimann hier ein erstes festes Theater mit Kuppelbau und kleiner Bühne bauen:
Das «Volkstheater am Pfauen».
In diesem Bau wurden die Zuschauer während der Vorstellung an langen Tischen bewirtet.
«Berliner Possen» und frivole «Pariser Schwänke» standen ebenso auf dem Programm wie Schlangentänzerinnen und Fakire.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sich dieses Provinztheater dann zu einer angesehenen Bühne zu entwickeln.
Mit einem anspruchsvollen Spielplan aus klassischen und modernen Stücken,
etwa von Ibsen, Schnitzler oder Hauptmann.

Ich weiss jetzt nicht, welcher Traditionslinie Sie mich als Politiker zuordnen würden…
Eher jener von Ibsen und Hauptmann?
Oder doch eher jener der Fakire,
der «Fribourger Possen»
und der «Berner Schwänke»?

Meine Damen und Herren

Die Vergleiche von Theater und Politik sind zwar inflationär – aber manchmal eben doch berechtigt.

Nehmen wir nur das Bonmot von Oscar Wilde:
«Das Stück war ein grosser Erfolg.
Nur das Publikum ist durchgefallen.»

Ich kenne dieses Gefühl bestens:
Auch die Reform der Altersvorsorge war ein grosser Erfolg.
Nur das Volk ist leider durchgefallen.

Sie sehen: Die Parallelen sind augenfällig – aber es gibt auch beträchtliche Unterschiede zwischen Politik und Theater:
Das Theater begreift die Realität nicht als Knetmasse, wie das in der Politik gelegentlich vorkommen soll…

Das Theater ist ein Fake, aber ein transparenter Fake und deshalb – im Gegensatz zur Politik – fälschungsresistent.

Seltsame Zeiten…
Das Unechte ist das Authentische.
Und das Theater ist ein Ort,
an dem sich die Trolle trollen.

Das ist Dialektik der Wahrheit.

Meine Damen und Herren

Die Gefahr droht also nicht in der Verfälschung, so wie etwa in der politischen Debatte.

Beim Theater droht eher die Gefahr mangelnder sozialer Inklusion.

Hier sind wir am Stadttheater – und in diesem Begriff zeigt sich:
Stadt und Theater gehören fast schon symbiotisch zusammen.

Wovon lebt die Stadt?
Von Offenheit.
Davon, dass alle sie mitgestalten können,
dass sie ein lebendiger Organismus ist.
Ein Ort der permanenten Selbsterfindung,
der überraschenden Begegnung,
der kulturellen Vielfalt.
Der Unberechenbarkeit und des steten Wandels.

Und wovon lebt das Theater?
Von genau den gleichen Voraussetzungen.
Von kultureller Durchlässigkeit
und dem Spiel mit den Möglichkeiten.

Mesdames et Messieurs,

William Shakespeare a capturé en quelques mots la quintessence de la ville :
« What is the city but the people? »
Qu’est-ce qu’une ville,
sinon ses habitants ?

À l’époque de Shakespeare, Londres était une ville chaotique, marquée par les influences culturelles les plus diverses :
la population, en forte croissance, venait de partout,
attirée par le dynamisme économique de la métropole.

Étonnamment, dans ce chaos foisonnant, les classes supérieures n’ont pas ressenti le besoin de se distinguer des autres, bien au contraire :
toute la population se rassemblait au théâtre,
artistes et gens de cour,
nobles et artisans,
mendiants, prostituées,
commerçants et réfugiés.

Et que voyaient-ils sur la scène ? Ils se voyaient eux-mêmes.
Artistes et gens de cour,
nobles et artisans,
mendiants, prostituées,
commerçants et réfugiés.

L’auteur britannique MacGregor a très bien résumé ce mélange des classes :
« L’étonnante variété des personnages mis en scène par Shakespeare fait écho à la mixité sociale de son public. »

Mesdames et Messieurs,

La « mixité sociale du public », à savoir la participation culturelle et la cohésion sociale, sont des thèmes dominants de la politique culturelle nationale.

Et la question est :

Qui a accès ?
Qui a accès, dans le monde actuel, à une vie sûre et prospère ?
Et, dans les pays occidentaux en particulier,
qui a accès à une vie urbaine, à un bon travail et à une offre culturelle de qualité ?

Tout le monde parle de l’ouverture au monde, par opposition au repli identitaire.

Mais qu’en est-il du repli au sein même de la société ?

Liebe Freundinnen und Freunde des Theaters

Das Theater braucht die Gesellschaft – oder es stirbt ab.

Deshalb sind die Theaterpreise nicht nur Auszeichnungen für herausragende Verdienste um das Schweizer Theater.
Sondern sie dienen darüber hinaus dazu, ein breiteres Publikum für die Sparte Theater zu sensibilisieren.

Auch die Integration des Kleinkunstpreises seit 2015 erweitert den Theaterbegriff und spricht zusätzliche Bevölkerungsschichten an.

Diesjährige Preisträgerinnen und Preisträger haben punkto Zugänglichkeit und Vermittlung Hervorragendes geleistet.

Die Schweiz ist das Land,
in dem alle mitdenken, mitreden, mitgestalten müssen.
Sonst funktioniert unsere direkte Demokratie nicht.

Übrigens, wie wir alle wissen, haben wir am 10. Juni eine wichtige Abstimmung.

Die Pflicht mitzureden gilt auch für unser Kulturleben.

Denn das Theater braucht die Gesellschaft.
Die Gesellschaft –
jenes rätselhafte und etwas abstrakte Gebilde,
dessen überragenden Wert wir erst bemerken, wenn sie, wie heute, auseinanderzudriften droht.

Und die Gesellschaft braucht das Theater.
Ein Theater, das die eigene Identität nicht einfach spiegelt –
sondern bis zur Kenntlichkeit entstellt.

Vielen Dank.

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