Sils Maria

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Ihre Majestäten
Königliche Hoheiten
Durchlaucht
Herren Bundespräsidenten
Frau Schmidauer
Frau Büdenbender

Es ist mir eine Ehre, Sie heute Abend in diesem bemerkenswerten Rahmen empfangen zu dürfen:
In der Arven-Stube im berühmten Waldhaus Sils-Maria.

Bei offiziellen Besuchen versucht man sich ja immer von der besten Seite zu präsentieren.

Da drängte sich natürlich Sils-Maria und die hiesige Bergwelt auf. Von ihr zeigten sich zahlreiche Besucher beeindruckt:
Von Einstein bis David Bowie.
Von Rilke bis Thomas Mann.
Apropos Thomas Mann: Im April hatten Frank-Walter Steinmeier und ich die Gelegenheit, Manns Grab in Kilchberg bei Zürich zu besuchen.
Es war ein eindrückliches Erlebnis, an das ich gerne zurückdenke.

Aber vor allem ist Sils-Maria natürlich mit Friedrich Nietzsche verbunden, dem sich ja auch das Damenprogramm widmet.
Nietzsche verbrachte hier zwischen 1881 und 1888 seine Sommer
Und geriet jeweils in einen wahren Schaffensrausch.
Der Philosoph nannte Sils-Maria den „lieblichsten Winkel der Welt“. Oft hatte er hier auf seinen Spaziergängen, ich zitiere: „Tränen des Jauchzens“ im Auge.
Sein Landsmann Kurt Tucholsky war nicht ganz so euphorisch.
Zum hiesigen Bergpanorama fiel ihm nur folgendes ein:
Ich zitiere: „Hier gletschern die Gletscher“.
Das war noch vor dem Klimawandel.

Im Ernst: Kultur prägt diesen Ort – und umgekehrt.
Walter Benjamin fragte sich hier in Sils-Maria angesichts der überwältigenden Schönheit wozu überhaupt die ganze Kultur da sei – bis in ihm die Erkenntnis reifte,
dass es gerade die Kultur war, die es ihm erlaubte,
das grossartige Naturschauspiel lieben zu können.
Die Kultur als Voraussetzung der Naturliebe – das ist eine elegante Überwindung des Gegensatzes von Kultur und Natur.
Kultur ist aber nicht nur die Voraussetzung der Naturliebe – sondern auch die Voraussetzung einer guten Gesellschaft.
Also einer Gesellschaft,
die ihre Identitätsfragen kreativ angeht –
und nicht nur durch Abgrenzung von anderen.

Einer Gesellschaft, die sich bewusst ist,
dass kreative Köpfe aus allen Schichten und Milieus kommen –
und dass es gesellschaftliche Teilhabe nicht geben kann
ohne kulturelle Teilhabe.
Ich freue mich, dieses wichtige – und manchmal unterschätzte – Thema morgen mit Ihnen allen erörtern zu können.

Meine Damen und Herren

Nietzsche sass häufig sinnierend am Ufer des Silsersees auf einer Parkbank.

Darüber schrieb er im «Zarathustra», ich zitiere:
«Hier sass ich wartend, wartend – auf Nichts».

Vielleicht verspüren ja auch Sie schon dieses Gefühl des ewigen Wartens und fragen sich bang:
Wird diese Tischrede je enden?
Und Nietzsche-Kenner hoffen wahrscheinlich, dass Ihnen etwas Raffinierteres vorgesetzt wird als das, was Nietzsche hier in
Sils-Maria fast täglich zu sich nahm, nämlich:
Beefsteak,
rohe Eier,
Mutters Schinken,
und rund drei Kilo unreifes Obst.

Auch hier darf ich Sie beruhigen:
Das kulinarische Angebot heute Abend übertrifft rohe Eier und unreifes Obst –
und zwar bei weitem.
Ich wünsche Ihnen allen einen guten Appetit.

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