Sils Maria

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Eure Königliche Hoheit
Sire
Eure Durchlaucht
Exzellenzen

Ich freue mich, Sie heute Morgen zu unseren offiziellen Gesprächen begrüssen zu dürfen.

Wir werden uns im ersten Teil des Morgens über die Teilhabe an der Kultur unterhalten. Dabei dürfen wir uns auf einige Anregungen von Stefan Zweifel, Philosoph, Literaturkritiker und Kurator freuen.

Im zweiten Teil des Morgens werden wir aktuelle Themen diskutieren.

Wer bei Google «Kultur» eingibt, erhält rund 355 Millionen Ergebnisse.

Der Kulturbegriff ist in den letzten Jahren dermassen inflationär geworden, dass man sich kaum mehr traut, ihn in den Mund zu nehmen.

Ich weiss nicht, wie Sie das in Ihren Ländern handhaben –
aber wir in der Schweiz setzen in solchen Fällen erst einmal eine Arbeitsgruppe ein –
mit sämtlichen Akteuren, die etwas zu sagen haben.
Und das sind hierzulande eigentlich alle.
Leider haben wir nicht bis zum Jahre 2020 Zeit,
Bis endlich die ersten Resultate vorliegen.

Deshalb versuche ich es heute einfach mal selber:

Kultur lässt uns ausbrechen aus unseren gewohnten Wahrnehmungsmustern.
Sie bringt das Neue in unsere Köpfe und in die Welt.
Und sie ist der Schlüssel zu unserem Selbstverständnis als Gesellschaft.

Je vielfältiger unsere Gesellschaften werden – wir sprechen heute ja bereits von «superdiversen» Gesellschaften – desto mehr brauchen wir die Kultur:
Um diese Komplexität zu spiegeln –
und uns in ihr wiederzuerkennen.

Kunst und Kultur sind unverzichtbare Medien, in denen gesellschaftliche Verständigung stattfindet:
Meinungsbildung und
Vergesellschaftung
sind ohne Bilder, Begriffe und kulturelle Praktiken nicht denkbar.

Wir leben in Zeiten starker Zentrifugalkräfte und reflexartiger Polarisierung.

In dieser Situation hilft Kultur uns,
dem binären Denken zu widerstehen;
also NICHT jedes erdenkliche Thema brachial in Pro und Contra aufzuspalten.
Ja, das ist ja heute bereits eine wahrhaft zivilisatorische – und zivilisierende – Leistung.

Denn das erschwert den „terribles simplificateurs“ das Geschäft.
Diesen französischen Begriff hat übrigens ein Deutschschweizer geprägt, der grosse Kunsthistoriker Jacob Burckhardt –
und zwar in einem Brief an seinen deutschen Freund Friedrich von Preen.

Deutschsprachige, die sich miteinander auf Französisch verständigen:
Das freut mich natürlich ganz besonders.
Ich hoffe, Sie legen mir das nicht als frankophonen Chauvinismus aus…

Meine Damen und Herren

Wir wissen:
Gesellschaften sind stark,
wenn sich möglichst ALLE mit ihrem Potenzial einbringen können.
Und das gilt eben nicht nur im Hinblick auf das wirtschaftliche Potenzial.
Sondern eben genauso punkto Kultur und Kreativität.

Möglichst viele Menschen sollen deshalb einen Zugang zu Kultur erhalten – trotz ungleicher Startchancen bezüglich Bildung, Einkommen und Herkunft.
Und möglichst alle sollen auch die Möglichkeit haben,
selber kulturell tätig zu werden.

Gerade im digitalen Zeitalter mit seinen teilweise prekären Produktionsbedingungen gilt es aber verstärkt darauf zu achten,
dass die Chancengleichheit erhalten bleibt.
Nicht nur, aber auch im Kulturbereich.

Die Schweiz fördert die Teilhabe am kulturellen Leben bewusst. Die kulturelle Teilhabe ist eines von drei Zielen der aktuellen Kulturstrategie. Und Sie wird auch im Zentrum der nächsten Botschaft zur Förderung der Kultur stehen.

In der Musikförderung zum Beispiel haben wir 2017 das Programm «Jugend und Musik» gestartet. Alle Kinder und Jugendlichen in der Schweiz sollen einfach musikalisch aktiv sein können. Musik zu machen, soll keine elitäre Angelegenheit sein. Denn das aktive Musizieren und Singen ermöglicht intensive Erlebnisse und fördert die kreativen, emotionalen, intellektuellen und sozialen Kompetenzen junger Menschen.

Im ersten Jahr haben rund 8500 Kinder und Jugendliche, an Musiklagern oder Musikkursen teilgenommen. Dieses Jahr könnten es bereits doppelt so viele werden.

Es freut mich, dass ab nächstem Jahr dann auch die Kinder und Jugendlichen aus Liechtenstein mit dabei sind. Das Fürstentum und die Schweiz haben dieses Jahr anlässlich der Architekturbiennale in Venedig ein entsprechendes Übereinkommen unterzeichnet.

Meine Damen und Herren

Der Technologiepionier Sebastian Thrun hat kürzlich das digitale Zeitalter auf folgende Formel gebracht:
„Das ist eine Revolution,
aber keine der Maschinen,
sondern der menschlichen Kreativität
und des Selbstbewusstseins.“

Roboter denken nicht, Algorithmen erfinden nichts.

Eigenständigkeit, Originalität, Kreativität – das alles sind und bleiben exklusiv menschliche Eigenschaften.

Das Kunst- und Kulturschaffen ist entsprechend ein wichtiges Labor für Fragen der Zukunft.

Kultur bereichert unsere Gegenwart,
indem sie dem Kommenden einen wichtigen Platz in unserem Denken sichert –
also eine «Perspektivfunktion» hat,
wie das der Philosoph Odo Marquard einst genannt hat.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Baukultur.
Wir müssen uns heute fragen: Wie schaffen wir es,
einen Lebensraum für alle zu gestalten?
einen Lebensraum, der identitätsstiftend und inklusiv ist?

Der gebaute Raum beeinflusst unsere kulturelle Identität, unsere Lebensqualität und das Wohlbefinden aller.
Die Baukultur umfasst deshalb sämtliche Elemente der gebauten Umwelt, das baukulturelle Erbe wie auch das zeitgenössische Planen und Bauen.

Mit der Konferenz der europäischen Kulturminister vom Januar in Davos und der Deklaration von Davos haben wir ein wichtiges Bekenntnis zu einer hohen Baukultur abgegeben.

Meine Damen und Herren

Wenn wir alle uns also dafür engagieren,
dass möglichst viele Menschen teilhaben am kulturellen Leben,
dann ist eine hervorragende Investition in unsere Zukunft.

Denn ALLES kann heute der «kreativen Zerstörung» zum Opfer fallen.

Ausser die Kreativität.

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