Berne

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.

Meine Damen und Herren
Liebe Freunde der Literatur

Was ist Literatur?

Gegenfrage: Was ist Literatur NICHT?

Literatur erweitert unseren Horizont.
Den inneren nicht weniger als den äusseren.
Sie führt zu Entdeckungen und zu Selbstentdeckungen.

Die amerikanische Essayistin und Schriftstellerin Susan Sontag schrieb 2004, nur wenige Monate vor ihrem Tod:
«Grosse Romanschriftstellerinnen, grosse Romanschriftsteller erschaffen eine neue, einzigartige, individuelle Welt –
durch die Vorstellungskraft, durch eine überzeugende Sprache, durch handwerkliches Können –
und reagieren auf eine Welt,
die sie mit anderen teilen, die aber vielen Menschen,
eingeschlossen in ihren jeweiligen Kosmos,
unbekannt oder unverständlich ist.»

Besser kann man die Wirkungsbreite und Wirkungstiefe der Literatur nicht fassen.

Ist Literatur heute noch relevant?

Gegenfrage: Kann Literatur jemals NICHT relevant sein?
Vorausgesetzt natürlich,
man liest sie.
Von höchster Aktualität ist die literarische Qualität der Empathie – gerade, weil die Welt durch das Internet dramatisch geschrumpft ist.
Und wir uns deshalb besser kennenlernen müssen
oder dürfen –
je nach Weltsicht.

Präzise ist auch Sontags Formulierung von den Menschen, die, ich zitiere: «in ihren jeweiligen Kosmos eingeschlossen sind».

Denn hier beschreibt sie – fast schon prophetisch – die häufig unterschlagene Seite des herz-wärmenden Austausches mit Gleichgesinnten, wie er heute in den sozialen Medien floriert.
Nämlich die erschreckende Fremdheit,
die man anderen gegenüber nicht nur verspürt –
sondern leider allzu oft geradezu kultiviert.

Literatur ist denn auch die Freiheit,
die eigene Komfortzone zu verlassen
Befindlichkeiten nicht in ein begriffliches Korsett zwingen zu müssen.
Die Freiheit, dem Atmosphärischen den Vorrang vor dem Handfesten zu geben.

Das resignierte Mantra «Es ist, wie es ist» ist der natürliche Feind der literarischen Imagination.

Wie schreibt doch Robert Musil im «Mann ohne Eigenschaften»:

«Wenn es Wirklichkeitssinn gibt,
muss es auch Möglichkeitssinn geben».
«Der Möglichkeitssinn liesse sich geradezu als die Fähigkeit definieren,
alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken
und das, was ist,
nicht wichtiger zu nehmen als
das, was nicht ist.“

Meine Damen und Herren

Literatur mit Tiefgang ist nichts anderes als die natürliche Feindin jeder Form von Rechthaberei.

Dazu gehört, dass das literarische Bewusstsein Grenzen nicht nur mühelos überschreitet –
sondern dass es sie zwingend überschreiten MUSS.

Das lässt sich nicht nur in den Werken, sondern – vielleicht nicht ganz zufällig – auch in den Biographien der in diesem Jahr ausgezeichneten Autoren erkennen.

Mesdames et Messieurs,

Dans leurs romans, nouvelles et poèmes, les lauréates et lauréats nous livrent de généreux récits de formation et des réflexions sensibles sur le temps qui passe, à la croisée des cultures.

Il est intéressant de constater que ces auteurs aux origines multiples sont très mobiles et vivent, pour une bonne partie d’entre eux, entre la Suisse et l’étranger, témoignant d’une ouverture au monde et d’une curiosité qui se retrouve dans leurs écrits.

Voix nouvelles ou talents reconnus de longue date,
Alexandre Hmine
Anna Ruchat
Patrick Savolainen
Elisa Shua Dusapin
José-Flore Tappy
Christina Viragh
et Julia von Lucadou
reçoivent un Prix suisse de littérature 2019 pour leurs œuvres audacieuses et maîtrisées, résolument contemporaines.

La capacité à dépasser les frontières, l’ouverture au monde et une conscience aiguë sont étroitement liées. Ces qualités s’appliquent aussi à l’art de la traduction.

La traduction est en effet un état d’esprit, un genre de « rapport au monde ».

Dans un monde globalisé, l’expérience du passage entre les langues prendra d’ailleurs encore plus d’importance. Et dans un pays plurilingue comme la Suisse, les traductions littéraires revêtent une importance cruciale pour la compréhension mutuelle et la cohésion.

La traduction littéraire remplit un rôle de médiatrice.
C’est la raison pour laquelle le Prix spécial de médiation 2019 est attribué cette année conjointement au Centre de traduction littéraire et au Collège de traducteurs Looren.

Le Centre de traduction littéraire de Lausanne est le premier institut en Suisse à avoir joué le rôle de pont entre les différents acteurs du monde de la traduction : auteurs, traducteurs, maisons d’éditions, lecteurs, monde scientifique et festivals littéraires.

Quant au Collège de traducteurs Looren, il est le premier lieu de résidence de Suisse consacré exclusivement à la traduction littéraire. Il propose un espace de travail, complété si nécessaire par une bourse.

Ce choix permet de souligner la dimension créative du travail des traducteurs.

Le discours sur la traduction ainsi que la prise de parole des traductrices et traducteurs sont des contributions essentielles à la compréhension de la création littéraire et aux échanges culturels.

Meine Damen und Herren

Der Grand Prix geht mit Zsuzsanna Gahse an eine Autorin, in deren Werk Grenzüberschreitungen realer und imaginärer Art eine überragende Rolle spielen.

Ihr Werk zeugt in allen seinen Facetten vom Geist der Übersetzung.
Es ist ein bemerkenswert europäisches Werk.
Ein Werk über Identität, Migration, Veränderung, Neuerfindung.

Ein Werk, das sich auszeichnet durch Experimentierfreudigkeit mit verschiedenen Gattungen
und einem ausgeprägten – wiederum: grenz-überschreitenden – Interesse für Kunst, Musik, Wissenschaft, Philosophie.

Ich gratuliere allen Preisträgerinnen und Preisträgern herzlich!

Meine Damen und Herren

Die Kinder- und Jugendliteratur ist ein weiteres Feld, das Beachtung verdient. Es ist erfreulich, dass die Schweiz Ehrengast der diesjährigen Kinderbuchmesse in Bologna ist, der wichtigsten Lizenzmesse in diesem Bereich.

Der Gastlandauftritt der Schweiz bietet eine einmalige Gelegenheit, den Fokus auf die vielfältige Schweizer Kinder- und Jugendliteratur-Produktion aller Landesteile zu richten.
Und ebenso auf die lebendige und innovative Illustrations-Szene
mit ihrer grossen Tradition und den vielen jungen Nachwuchstalenten.

Meine Damen und Herren

Wie schrieb Zsuzsanna Gahse einst:
«Gute Texte, welcher Art auch immer,
haben nicht nur einen,
sondern einen mehrfachen Sinn,
sonst wären sie Botschaften».

In der Kinderliteratur gilt es besonders aufzupassen, dass allfällige Botschaften die Lesenden
nicht erdrücken
auch nicht einschüchtern
oder moralisch ermatten,
sondern die Phantasie anregen –

Phantasie nicht im Sinne einer Realitätsflucht,
sondern vielmehr im Sinne einer Realitätsbereicherung,
also der Erweiterung der Realität um deren Möglichkeiten.

Mit dieser Botschaft – ich darf Botschaften anbringen, ich muss das sogar, ich bin ja Politiker – komme ich zum Schluss.

Kinder sollen lesen – gerade im digitalen Zeitalter.
Denn sie sind es, die unsere Welt,
die ja bald schon ihre Welt sein wird,
möglichst gut kennen und verstehen müssen –
oder eben dürfen.

Sie sind es, die als digital natives von fake news wohl noch stärker betroffen als wir, die digital naives.
Auch auf diese Herausforderung der Gegenwart hält die Literatur eine griffige Antwort parat.
Denn sie ist bekanntlich die Kunstform,
die das Reale und das Erfundene
kombiniert, kontrastiert, neu konfiguriert.

Und die uns so die Mittel an die Hand gibt, um fake news, Verzerrungen, versteckte Agenden zu durchschauen.

Die Literatur lehrt uns, uns
in Situationen und andere Menschen hineinzudenken.
Beschönigungen und jedwelche Formen von Selbstgerechtigkeit zu wittern und zu entlarven.
Argumente abzuwägen, Vorurteile einzuordnen, Widersprüche zu erahnen.
Im vermeintlich Sinnlosen den Sinn zu erkennen.

Meine Damen und Herren

Die Literatur stellt uns geistige Werkzeuge zur Verfügung,
die uns denk- und handlungsfähig machen –
und die uns so vor kulturpessimistischer Lähmung bewahren.

In diesen spannungsreichen Zeiten ist immer wieder der Ruf nach einer neuen Aufklärung zu vernehmen.

Vielleicht keimt und blüht diese – ironischerweise – genau dort, wo wir sie kaum vermuten würden,
nämlich im Analogen.
Im guten, alten Buch.

Vielen Dank.

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