Zurich
Es gilt das gesprochene Wort.
Liebe Kollegin
Liebe Kollegen
Es ist mir eine Ehre und Freude, Sie hier nochmals zu begrüssen.
Wir sind hier an einem Ort, der zu einem Treffen der Gesundheitsminister passt :
Das Hiltl ist ein bekanntes vegetarisches Restaurant.
Nichts Ungesundes weit und breit.
Mit einer gewissen Wehmut erinnere ich mich da an ein Treffen mit dem österreichischen Gesundheitsminister vor ein paar Jahren.
Es fand übrigens in Wien statt – nicht auf Ibiza.
Und wo in Wien ? Im Hotel Sacher.
Zwei Gesundheitsminister treffen sich bei Kaffee und Sacher-Torte.
Das muss der kürzeste Witz zum Thema « Prävention » sein…
Nein, im Ernst, liebe Kolleginnen und Kollegen
Wir alle haben eines gemeinsam: Wir bewegen uns in einem höchst anspruchsvollen politischen und wirtschaftlichen Umfeld – und das vor dem Hintergrund des demographischen Wandels.
Ich habe jetzt zum Glück ein paar Apps, die mir den Job erleichtern.
Ich habe zum Beispiel seit kurzem eine App, die mir das Wachstum der Gesundheitskosten anzeigt.
Sehr praktisch.
Aber ich habe ein Problem :
Meine Blutdruck-App rät mir,
auf meine Kostenwachstums-App zu verzichten.
Liebe Kolleginnen und Kollegen
Sie haben Glück: Ich bin ja ein katholischer Romand. Deshalb schlemmen wir heute im Hiltl.
Wer weiss, was Ihnen ein protestantischer Deutschschweizer vorgesetzt hätte. Ich vermute: Ein Birchermüseli.
Erfunden wurde es vor etwas mehr als 100 Jahren vom Zürcher Arzt Doktor Bircher-Brenner.
Als Gesundheitsminister kann ich es nur in den höchsten Tönen loben:
Haferflocken, Milch, Zitronensaft, Äpfel, Haselnüsse.
Es ist ganz sicher gesünder als das Fondue, das typisch ist für Fribourg, meinen Heimatkanton.
Das Birchermüesli enthält, nebst vielen gesunden Zutaten, auch drei wichtige politische Erkenntnisse:
Erstens war Birchers Rohkostbewegung eine Bewegung der gehobenen Mittelschicht, die sich um ihre Gesundheit sorgten.
Mit der nötigen Bildung und dem nötigen Kleingeld für Birchers Klinik.
Das erinnert an die Gegenwart: die Debatte um Ernährung und Wellness scheint allgegenwärtig. Aber wir sind noch weit davon entfernt, dass alle selber gute Entscheidungen treffen können, was sie essen wollen – auch in den ärmeren und bildungsferneren Schichten der Gesellschaft.
Die zweite politische Lehre des Birchermüeslis ist simpel:
Die Zutaten von Dr. Birchers Müesli waren transparent.
Jede und jeder wusste, was drin war.
Das ist heute noch wichtiger als vor hundert Jahren. Man denke nur an den versteckten Zucker und die Zusatzstoffe in vielen Fertigprodukten.
Drittens geht es in Sachen Ernährung nicht ohne Widersprüche.
Man darf nicht allzu puritanisch sein. Im originalen Birchermüesli von Doktor Bircher wurde zwar der ganze Apfel geraffelt, mitsamt dem Kerngehäuse.
Aber statt frischer Milch schreibt das Original-Rezept gezuckerte Kondensmilch vor.
Das ist doch beruhigend: Sogar der Vordenker der Gesundheitsgesellschaft war nicht frei von Widersprüchen.
Uns verbindet vieles: Die Dadaisten kamen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum.
Der gebürtige Österreicher Udo Jürgens wohnte hier in Zürich am Bellevue.
Ja, mit 66 Jahren – da fängt das Leben an.
Und leider auch die Finanzierungsprobleme in der Altersvorsorge,
wie ich als Sozialminister, der ich ja auch noch bin, bestens weiss.
Überhaupt der kulturelle Austausch:
Deutschland gab uns Bertolt Brecht – wir gaben Deutschland DJ Bobo.
Wenn das nicht win-win ist…
Wir sind uns kulturell so nahe, dass wir gerne auch das Kulturerbe der ANDEREN als unsere eigenes pflegen.
Nehmen wir nur das berühmtestes Film-Zitat über die Schweiz:
Orson Welles sagte im „Dritten Mann“:
«In Italien hatten sie in den 30 Jahren unter den Borgias nur Krieg, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance.
In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und das Resultat? Die Kuckucksuhr!»
Wir Schweizer haben Jahrzehnte lang darauf hingewiesen, dass die Kuckucksuhr eine deutsche Erfindung ist – und keine schweizerische.
Vergeblich.
Irgendwann haben wir es aufgegeben.
Letzte Woche hat die Schweizer Regierung deshalb entschieden, die Kuckucksuhr offiziell zum schweizerischen Kulturerbe zu erklären.
Nein, das war jetzt wieder eine fake news. Und zwar eine echte!
Meine App verrät mir, dass Sie langsam ungeduldig werden und ich nach dieser Einleitung langsam zum eigentlichen Thema kommen sollte…
Ich wünsche allen einen guten Appetit.