Zurich
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.
Sehr geehrter Präsident von Swissfilm
Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Freunde des Auftragsfilms
Ich habe einen Auftrag für Sie.
Ich brauche einen Werbespot für die Reform der Altersvorsorge.
Also etwas Rasantes, Humorvolles und Prägnantes
über die Teilkompensation der Absenkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6 Prozent.
Und über die Vor- und Nachteile eines verminderten Koordinationsabzugs für Arbeitnehmende im Teilzeitpensum.
Aber natürlich auch über abstrakte Themen,
die nicht so leicht filmisch umzusetzen sind…
Nein, keine Angst, das war ein Scherz.
So fies bin ich nicht.
Obwohl ich Ihnen das schon zutrauen würde.
Nein, meine Damen und Herren
Mein Auftrag ist einfacher.
Der Bundesrat braucht einen Image-Film über unser politisches System.
Die Zielgruppe ist klar definiert: der Rest der Welt.
Im Ernst: Die Schweiz ist einfach zu komplex.
Das macht sie schwer vermittelbar.
Also ich meine: unsere Positionen.
Nicht nur in Brüssel.
WIE rätselhaft unser politisches System ist, realisiert man erst, wenn man es in weit entfernten Ländern zu erklären versucht:
Bis ich der Ministerpräsidentin der Fidji-Inseln nur schon den Unterschied erklärte hatte
zwischen der Hornkuh-Initiative
und der Milchkuh-Initiative…
Meine Damen und Herren
Unser Land ist so vielfältig!
Ein Kleinstaat, der aus 26 Kleinststaaten besteht.
Und eine Regierung mit sieben gleichberechtigen Ministern – wo gibt es denn so etwas?
Ich bin – je nach Sichtweise – gleichzeitig sieben.
Oder nur ein Siebtel.
Beides ist irgendwie seltsam.
Wo sonst fährt man durch einen Tunnel und versteht danach kein Wort mehr?
Und dann diese politische Instabilität!
Ich steige als «socialiste» in Fribourg in den Zug
und steige eine halbe Stunde später in Bern als «Sozialdemokrat» wieder aus.
Ein Rechtsrutsch in 30 Minuten!
In welchen Ländern gibt es denn so etwas?
Ok, falsche Frage.
In ziemlich vielen…
Kurz, meine Damen und Herren
Wenn man uns für einmal zuhört, dann müssen die Kernbotschaften schnell ankommen.
Für Sie als Profis der originellen Zuspitzung, des „reduce to the max“, ist das sicher kein Problem.
Über den Preis können wir später reden.
Nur soviel: Es handelt sich um Steuergelder.
Und ich bitte Sie, auch zu bedenken, dass der Preis, der heute vergeben wird, Edi heisst.
EDI: so heisst auch mein Departement.
Wir sind sozusagen eins.
Ich bin deshalb sicher, wir finden uns.
Meine Damen und Herren
Im Ernst: Der Auftrags- und Werbefilm ist ein unverzichtbarer Teil des Schweizer Filmschaffens.
Entsprechend ist der Edi in den 20 Jahren seiner Existenz zu einem unverzichtbaren Instrument der Förderung des Schweizer Filmschaffens geworden.
Die künstlerischen Grenzen zwischen Auftragsproduktionen und freiem Filmschaffen sind durchlässig.
So wie im Image- und Werbefilm ästhetische Impulse aus dem freien Filmschaffen übernommen werden – so inspiriert der Auftragsfilm seinerseits das freie Filmschaffen.
Und, auch nicht ganz unwichtig:
Für viele Filmemacherinnen und Filmemacher bietet diese Branche Möglichkeiten,
Geld zu verdienen und Erfahrungen zu sammeln.
Es gibt keine Konkurrenz zwischen dem Auftrags- und Werbefilm und dem freien Filmschaffen.
Im Gegenteil: Das Verhältnis ist bestimmt von Zusammenarbeit und Konvergenz.
Meine Damen und Herren
Der Auftrags- und Werbefilm bildet das Fundament der gesamten Filmbranche.
Und er prägt auch das gesellschaftliche Bewusstsein in unserem Land.
Wer die Filme der letzten 20 Jahre Revue passieren lässt, stellt fest, wie prominent das – wie auch immer definierte – „Schweizerische“ vorkommt; sei es in den Werbespots oder in den Firmen- und Image-Filmen.
Der Filmkritiker Martin Schlappner schrieb schon 1952 über den Industriefilm „Strömende Kraft“,
eine Dokumentation von Reparaturarbeiten an der Gotthard-Hochspannungsleitung,
ich zitiere:
„Da ist mehr von der Schweiz enthalten als in manchen Spielfilmen,
die das Schweizerische gesinnungshaft oder folkloristisch ausbreiten.“
Ende Zitat.
Ja, meine Damen und Herren
Die Auftrags- und Werbefilm-Branche prägt unser Bild von uns selber.
Und was immer wieder auffällt: Die vermeintlichen zwei Schweizen –
die ländliche und die urbane,
die traditionelle und die globalisierte,
sie führen in der Welt des Schweizer Auftrags- und Werbefilm eine entspannte Koexistenz.
Und dieses Bild einer entspannten Koexistenz liegt vielleicht näher an der Wahrheit als unsere politischen Debatten es manchmal vermuten lassen.
Das Heidi – bis heute eine alpine Sympathieträgerin in der Werbung – wurde bekanntlich in Zürich erfunden.
Der Schweizerische Alpenclub wurde 1863 im Bahnhofbuffet Olten gegründet – von gross-bürgerlichen Städtern
Auch der Ländler wurde nicht in den Alpen populär, sondern hier im Zürcher Stadtkreis 5.
Einer der Ländler-Pioniere taufte in den 1920er Jahren seine Länder-Kapelle
„Stocker Sepps 1. Unterwaldner Bauernkapelle“ –
obwohl die Musiker weder Unterwaldner noch Bauern waren.
Sondern beim «Tages Anzeiger» arbeiteten –
damals hatte man in den Medien noch Zeit für Hobbies…
das war noch vor dem «news room»…
Und anderseits wirbt die städtische Schweiz um Touristen und Investoren mit Hinweis auf die Attraktivität der ländlichen Schweiz.
Zürich etwa warb um die Jahrtausendwende explizit mit seiner Alpennähe.
Jahrelang zeigte die meistverkaufte Postkarte von Zürich eine Aufnahme des Zürichsees –
und gleich dahinter türmten sich Eiger, Mönch und Jungfrau auf – und natürlich auch gleich noch das Matterhorn…
„Fake news“ sind eben nichts Neues.
Wer hat’s erfunden?
Ricola mit „Chrüterchraft“!
…Nein, Entschuldigung…
Ich weiss auch nicht, woher das nun kommt. Das muss ein anderes Manuskript sein…
Mesdames et Messieurs,
Vous êtes des acteurs économiques et culturels importants. Et vous contribuez à la cohésion de notre pays,
même si vous ne le faites pas forcément de manière intentionnelle.
Mais la vraie Suisse, c’est quoi?
La Suisse alpine et rurale?
Ou la Suisse urbaine ?
La Suisse qui vit à 100 à l’heure ou la Suisse tranquille ?
Bon, à Bruxelles, on nous considère plutôt comme des lambins.
Même si – et on pourrait peut-être aussi l’intégrer dans le film promotionnel sur notre système politique –
notre lenteur est à relativiser depuis le Brexit.
« Y a pas le feu au lac » (ou „Nume nid gsprängt“) pourrait être notre devise – officieuse – en matière de politique européenne.
On finira pas avancer.
Un jour, et d’une manière ou d’une autre.
En Grande-Bretagne, au contraire, on préfère la chanson des Eagles « Hotel California »:
“You can check out,
but you can never leave.“
Meine Damen und Herren
Welches also ist die wahre Schweiz?
Die wahre Schweiz findet sich überall dort,
wo das Bewusstsein stark ist,
dass Stadt, Agglomeration und Land aufeinander angewiesen sind.
Und auch für diese Leistung –
die Schweiz ganz selbstverständlich in allen ihren Facetten zu zeigen –
auf originelle, humor- und liebevolle Weise –
hat Ihre Branche Anerkennung verdient.
Ich gratuliere allen Preisträgerinnen und Preisträgern.