Zurich
Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Meine Damen und Herren
Alles, was uns umgibt, ist ein Ausdruck von unserer Baukultur.
neu und alt,
Häuser und Infrastruktur,
Details und ganze Quartiere
das Gebaute, die Zwischenräume und die Freiflächen.
Bauen ist Kultur.
Bauen ist Identität.
“We shape our buildings and afterwards our buildings shape us.”
Diesen heute vielzitierten Satz sagte Winston Churchill 1943 in einer Parlamentsdebatte.
Churchill meinte das ganz konkret – und sehr politisch:
Der von den Nazis zerbombte Saal des Unterhauses sollte wieder rechteckig aufgebaut werden.
Und nicht etwa rund oder halbrund,
so wie in vielen Ländern Parlamentssäle gebaut sind.
Churchill war überzeugt, dass das Zweiparteiensystem, der Kern der britischen Demokratie, architektonisch abgebildet werden sollte.
Die beiden Parteien sollten sich also frontal und gleichzeitig möglichst nah gegenübersitzen.
Ja, die „Commons Chamber“ ist gebaute Streitkultur.
Und Streitkultur braucht es auch, um gut zu bauen.
Oder sagen wir lieber, gut helvetisch: Diskussionskultur.
Meine Damen und Herren
In den letzten Jahrzehnten wurde viel gebaut.
Darunter leider auch vieles, was den Kriterien baukultureller Qualität kaum genügen dürfte – egal, wie genau man diese definiert.
Der Raum wurde mancherorts trivialisiert.
Gewiss: Es gibt löbliche Ausnahmen, sogar Meisterleistungen.
Aber bei der grossen Masse des Bauens sehen wir eindeutig Verbesserungspotenzial.
Den Bedürfnissen der Menschen wurde oft zu wenig Rechnung getragen –
seien es kulturellen, ästhetischen, sozialen oder psychologischen Bedürfnisse.
Obwohl genau diese Bedürfnisse eigentlich bei jedem Bau im Zentrum stehen sollten.
Meine Damen und Herren
Baukulturelle Qualität prägt unser Leben, ist mitverantwortlich für unser Wohlbefinden.
Deshalb gibt es auch politischen Handlungsbedarf.
In der Schweiz haben wir im Jahre 2020 eine Strategie für Baukultur verabschiedet, die auf einem „whole-of-government“-Approach basiert.
15 Bundesinstitutionen,
die in 6 von 7 Departementen angesiedelt sind,
arbeiten gemeinsam an der Umsetzung dieser Strategie –
mit einer gemeinsamen Vision von hochwertiger Baukultur.
Zweifellos ein Fortschritt, wenn man bedenkt, dass vor 10 Jahren noch kaum jemand über Baukultur gesprochen hat.
Jetzt taucht sie in allen relevanten Politikfeldern auf.
So ist sie zum Beispiel auch ein wichtiger Aspekt in der neuen nationalen Tourismusstrategie, die derzeit erarbeitet wird.
Meine Damen und Herren
Die Davos Declaration 2018, von den europäischen Kulturministern 2018 verabschiedet, ist auf grosses positives Echo gestossen und wird in vielen Ländern rezipiert.
Das Davos Baukultur Quality System, von der Schweiz erarbeitet und 2021 publiziert, wurde von der EU-Kommission übernommen.
Baukulturelle Qualität im umfassenden Sinn ist damit definiert. Vermeintlich subjektive Faktoren wie die Vielfalt, der Genius Loci oder auch die Schönheit sind genauso wichtig wie
Funktionalität oder der Wirtschaftlichkeit.
Diese internationalen und nationalen Initiativen sind sehr wichtig, auch wenn sie eher informell sind.
In der Tat ist beides notwendig:
Informelle Instrumente sind oft sehr effizient, wenn sie mit formellen Instrumenten wie rechtlichen Verpflichtungen kombiniert werden.
Sie sind auch einfacher und schneller zu entwickeln.
Diese informellen Instrumente tragen zur Bewusstseinsbildung bei und befähigen die Akteure.
Deshalb fördern wir in unserer föderalen Baukulturstrategie eine Reihe von alternativen, nicht-regulatorischen Ansätzen.
Um so eine bessere Gestaltung anzuleiten und zu ermöglichen.
So wollen wir beispielsweise den Gemeinden den Zugang zu fachlicher Beratung beim Planen und Bauen erleichtern.
Gemeinsam erforschen wir, was für sie wirklich funktioniert.
Und zwar auf konkrete und pragmatische Weise.
Natürlich ist auch die formelle Regulierung nach wie vor wichtig.
Es gilt, die Ziele der hohen Baukultur in die Gesetzgebung einzubringen.
So versuchen wir gerade,
die Baukulturförderung und eine baukulturelle Verpflichtung für den Bund
in das Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz aufzunehmen.
Ziel ist nicht mehr Regulierung, sondern vor allem bessere Regulierung.
Meine Damen und Herren
Die Bauwirtschaft trägt über 6 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei.
Sie beschäftigt 327.000 Personen und bildet 25.000 Lehrlinge aus.
Das zeigt: Der Dialog mit der Bau- und Immobilienbranche ist absolut entscheidend.
Für diesen Dialog braucht es auch Strukturen. Wie zum Beispiel die Stiftung Baukultur Schweiz.
Sie verbindet die Bauwirtschaft mit Behörden und Akademikern.
Sie schafft Plattformen für Dialog und Austausch.
Die Bauwirtschaft hat ihre eigenen Schwerpunkte: Rendite, Planungssicherheit und zeitsparende Verfahren sind zentrale Themen.
Das sind legitime Anliegen – aber es gibt auch andere, ebenso legitime Perspektiven.
Wie wollen wir das Bauen qualitativ verbessern, wenn die Vorstellungen, was zu gutem Bauen führt, häufig so weit auseinanderklaffen?
Die Antwort kann nur lauten: Dialog. Diskussion. Debatte.
Unsere Werte müssen verhandelt werden. Nicht nur die der Expertinnen und Profis, auch die der breiten Bevölkerung.
Bewusstseinswandel ist immer zäh – aber nur ein Bewusstseinswandel in breiten Kreisen der Bevölkerung kann neue Realitäten schaffen.
Wir dürfen dabei nicht in die Entweder-Oder-Falle tappen:
Es kann nicht sein, dass wir
entweder unternehmerisches Bauen
oder hohe Baukultur suchen.
Wir können nur verlieren, wenn wir
entweder erneuerbare Energien
oder eine qualitätsvolle gebaute Umwelt fordern.
Wir brauchen beides.
Der Einsatz ist hoch:
Es geht um nichts weniger, als eine lebenswerte Umwelt.
Eine hohe Baukultur ist nachhaltig.
Und umgekehrt: Nachhaltigkeit verlangt nach hoher Baukultur.
Themen wie der Verzicht auf Umweltgifte,
wiederverwertbare Materialien und entsprechend einfache Konstruktionsweisen,
Energieeffizienz,
sowie die Förderung der Biodiversität sind wichtig.
Um die Klimaerwärmung zu stoppen, werden wir auch verzichten müssen.
Weniger gross,
weniger Material,
weniger Energie,
weniger neu.
Es geht aber um die soziale Vielfalt eines Ortes.
Orte, die Identitäten erhalten
und der Schutz von Denkmälern, Ortsbildern und Landschaft.
Alle diese Fragen müssen diskutiert und debattiert werden.
Je mehr über Baukultur gesprochen und gestritten wird, desto besser.
Was alle angeht,
dafür müssen auch alle Verantwortung übernehmen.
Ein fruchtbarer Diskurs auf Augenhöhe,
wie ihn die «Stiftung Baukultur Schweiz» fördern will
und wie ihn der Bund in seiner Strategie Baukultur anstrebt,
atmet den Geist unserer politischen Kultur.
Einer Kultur, die heute bekanntlich unter Druck steht:
Durch die Polarisierung und die Verhärtung der Positionen,
nicht zuletzt durch die sozialen Medien.
Aber auch durch die Fragmentierung unserer Gesellschaft, ihre Aufsplitterung in zahlreiche Mikro-Milieus,
die sich häufig gegenseitig misstrauen.
Trotzdem bleibe ich optimistisch: Unsere seit jeher robuste Debattenkultur wird die Anfechtungen und die Verwerfungen der Gegenwart überstehen.
Aber nur dann –
auch das sage ich deutlich –,
falls die konstruktiven Kräfte sich auch wirklich engagieren.
Meine Damen und Herren
Je vielfältiger unsere Gesellschaften werden – wir sprechen heute ja bereits von «superdiversen» Gesellschaften – desto mehr brauchen wir kulturelle – eben auch baukulturelle – Debatten.
Um diese Komplexität zu spiegeln –
und uns in ihr wiederzuerkennen.
Es braucht das Engagement sämtlicher Akteure und Stakeholder,
mit ihren jeweiligen Interessen, ihren Perspektiven, ihren Sensibilitäten.
Für die Baukultur gilt, was auch für andere Politikbereiche gilt:
Es braucht Lösungen,
die grösser sind als der kleinste gemeinsame Nenner.
Ja, wir müssen das Gemeinwohl höher gewichten als die Partikularinteressen.
Aber das geht nur,
Indem wir aufzeigen,
dass das Gemeinwohl letztlich auch die Partikularinteressen stärkt.