Lenzburg
Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Meine Damen und Herren
Wenn es heutzutage an einem nicht mangelt, dann sind es Meinungen.
Ja, Meinungen wachsen uns allen wie Haare.
Ok, ich bin vielleicht nicht der glaubwürdigste Überbringer dieser Botschaft.
Aber ich kann Ihnen versichern: Auch bei mir ist das so.
Die Gefahr, dass man vor lauter Meinungen aufhört, Fragen zu stellen – sie ist real.
Und dann geht es uns Politikern wie einst Henry Kissinger, der seine Pressekonferenzen mit dem Satz begann:
«Hat jemand Fragen zu meinen Antworten?»
Meine Damen und Herren
Wir erleben momentan in vielen Gesellschaften ein ähnliches Phänomen:
Sie sind hoch polarisiert und tief gespalten.
Kompromisslosigkeit gilt mancherorts als schick.
Rechthaberei wird gern verwechselt mit Unbestechlichkeit.
Und die Meinungen mögen sich oft gar nicht mehr dazu aufraffen, irgendwelche Begründungen nachzuliefern.
Der amerikanische Satiriker Stephen Colbert brachte die geistige Situation der Zeit so auf den Punkt:
„Wenn man darüber nachdenkt, macht es Sinn.
Und wenn man NICHT darüber nachdenkt,
dann macht es NOCH MEHR Sinn.“
Es scheint manchmal, als hätten wir die Lust am Fragen, am Befragen, am Entdecken und Begreifen schlicht verloren.
Aber gerade die Corona-Krise, die so viele verhärtete Meinungen hervorbringt, führt eben auch zu einer Renaissance der Fragen –
der echten Fragen, nicht der rhetorischen.
Und zwar längst nicht nur der Fragen,
die die gerade aktuelle epidemiologische Situation betreffen.
Sondern auch der Fragen nach dem gesellschaftlichen Ganzen.
Wird unsere Gesellschaft fairer – Stichwort systemrelevante, aber oft schlecht bezahlte Jobs –
Oder wird sie egoistischer?
Verstärkt sich die gesellschaftliche Entfremdung –
Oder wird der soziale Zusammenhalt im Gegenteil enger
wie es in der Geschichte nach tiefen Krisen oder Kriegen oft der Fall war?
Öffnen sich die geistigen Horizonte wieder –
oder verkriechen wir uns künftig in eskapistischen Idyllen?
Wird die Schweiz durch die Corona-Krise innovativer oder risikoscheuer?
Und was unsere politische Kultur angeht, die derzeit ja hart geprüft wird:
Raufen wir uns nach Corona wieder zusammen –
oder wird die verbreitete Verbissenheit unsere helvetische Kultur des Kompromisses ernsthaft gefährden?
Lauter Fragen!
Und so gesehen: Gute Zeiten für das Stapferhaus.
Denn hier geniessen die Fragen grosse Wertschätzung – und nicht die Antworten.
Und schon gar nicht die festgefahrenen Meinungen.
Hier werden scheinbar starre Konzepte –
Geld, Geschlecht, Identität –
In ihrer Komplexität und ihrer Ambivalenz
aufgefächert
in zahlreiche Positionen und Perspektiven.
So dass wir diesen Ort nach einer Ausstellung oft leicht verunsichert wieder verlassen.
Verunsichert im besten Sinne des Wortes.
Meine Damen und Herren
Das Stapferhaus ist ein Forum der inspirierenden Möglichkeiten – nicht der buchhalterischen Bestandesaufnahmen.
Und trotzdem setzen die Ausstellungen bei unseren konkreten Alltagserfahrungen an:
Das ist die grosse Stärke dieser Institution.
Wie schreibt doch Robert Musil im «Mann ohne Eigenschaften»:
«Wenn es Wirklichkeitssinn gibt,
muss es auch Möglichkeitssinn geben».
«Der Möglichkeitssinn liesse sich geradezu als die Fähigkeit definieren,
alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken
und das, was ist,
nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“
Das Stapferhaus ist ein Ort des Möglichkeitssinns.
Und auch der Möglichkeitssinne – denn hier lässt sich ein Thema berühren, spüren, ausprobieren.
Erkenntnisse werden eben nicht nur analytisch gewonnen,
sondern ebenso sehr emotional, atmosphärisch, auch haptisch.
Also indem wir in Erlebniswelten eintauchen.
Weil es das Denken als sinnlichen Akt versteht, ist das Stapferhaus auch beliebt bei Kindern und Jugendlichen.
Alle sind – und alle fühlen sich – willkommen.
Der «Europäische Museumspreis» ist aus allen diesen Gründen hoch verdient, obwohl – oder vielleicht gerade weil –
das Stapferhaus gar kein typisches Museum ist.
Es hat keine Sammlung und keine Dauerausstellung.
Hier stehen nicht die Exponate im Mittelpunkt,
Sondern die Besucherinnen und Besucher,
Mit ihren Erfahrungen, ihrer Neugier,
Ihrem Willen, sich einzulassen auf ein Thema.
Auf ungewohnte Fragestellungen.
Und vielleicht sogar darauf,
sich selber in Frage stellen zu lassen.
Meine Damen und Herren
Es ist kaum ein Zufall, dass der Namensgeber dieses Hauses, Philipp Albert Stapfer, der Bildungsminister der Helvetischen Republik, nicht zuletzt berühmt ist für seine Fragen.
Genauer: Für seinen Fragebogen –
bekannt als Stapfer-Enquête von 1799 –,
mittels derer er den Zustand des Schweizer Schulwesens erforschte.
In der Stapfer-Enquete wurden erstmals nicht die Pfarrer befragt,
sondern die Lehrer – also diejenigen, die über den Schul-Alltag tatsächlich Bescheid wussten.
Es waren echte Fragen mit offenen Antwortmöglichkeiten.
Eben keine Suggestivfragen,
keine Meinungen, die sich lediglich Fakten zu ihrer Untermauerung beschaffen wollten,
kein Dogma, das autoritär nach Bestätigung verlangte.
Mit anderen Worten:
Keine Fragen für Stapfers Antworten.
Meine Damen und Herren
Was zeichnet die Schweiz aus?
Dass wir in einer Welt, in der viele Länder polarisiert sind –
bis hin zur Gesprächsverweigerung mit der anderen Seite –
dass wir in dieser Welt zusammensitzen und über das debattieren,
was für unser Land das Beste ist.
Dass unsere Fragen an die Gegenseite echte Fragen sind – und keine verkappten Angriffe.
Weil wir wissen, dass auch andere Perspektiven berechtigt und verständlich sind.
Wir alle sind vereint im Wissen darum, dass unsere politische Kultur das Fundament ist, auf dem eine erfolgreiche, faire Schweiz ruht.
Wir dürfen und müssen über alles streiten.
Aber wir dürfen nicht endlos über alles streiten.
Irgendwann müssen wir wieder zueinander finden.
Und diesen Wunsch – dass wir wieder näher zusammenrücken – habe ich auch von den Gegnern des Covid-Gesetzes gehört.
Und darüber habe ich mich jedes Mal gefreut.
Lassen Sie uns hier ansetzen und den Weg in dieser Jahrhundertkrise – so gut es eben geht – gemeinsam weitergehen.
Die Geschichte der Schweiz ist die Geschichte ihrer immer wieder überwundenen Gräben – seien sie religiös, politisch, sprachlich oder sozial.
Ich bin sicher: Unser Land wird nicht an den Meinungsgräben scheitern, die uns das Corona-Virus beschert hat.
Wenn eine Staatsform die immerwährende Debatte braucht, dann ist es unsere direkte Demokratie.
Sie ist die Staatsform des Möglichkeitssinns.
Sie ist die Staatsform des Fragens.