Zurich

Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Damen und Herren National- und Ständeräte,
Exzellenzen,
Sehr geehrte Frau Staatssekretärin
Sehr geehrter Präsident,
sehr geehrte Direktorin
Meine Damen und Herren

Meine Damen und Herren

Das Motto des diesjährigen Tags der Wirtschaft lautet: «Wahlen 2023: Perspektiven statt Wunschdenken!»

Schwingt das schon ein wenig Nostalgie mit?

Vielleicht ist es ja das letzte Mal, dass wir überhaupt wählen dürfen.

Vielleicht übernimmt ja schon bald die künstliche Intelligenz das Politik-Geschäft.

Das wäre wahrscheinlich für viele eine Schreckensvorstellung. Wohin mit all den Möbeln im Bundesratszimmer? Wer kauft schon diese sperrigen Pulte aus dem 19. Jahrhundert? Und dann erst die düsteren Holztäfelungen… Im Vergleich dazu sind Bücherwände der letzte Schrei!

Aber vielleicht kommt es auch nicht ganz so wild:

Die OECD schätzt in einer aktuellen Studie, dass durch die Künstliche Intelligenz 27% aller Jobs gefährdet sind. Das wären dann – mit arithmetischer Präzision! – genau zwei Sitze im Bundesrat. Ist das die neue Zauberformel: 5 Menschen und 2 Algorithmen?

Viele Leute würden das wohl begrüssen.
Andere aber würden wahrscheinlich skeptisch bleiben.
Dies ganz nach dem Motto: Ob menschliche oder künstliche Intelligenz: Die 7 dort oben in Bern machen doch sowieso, was sie wollen…

Meine Damen und Herren

So ähnlich verläuft auch die – echte – Debatte um die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf Gesellschaft und Wirtschaft.

Die Optimistinnen und Optimisten sind überzeugt, dass die Vorteile bei weitem überwiegen. Dass die langweilige Arbeit ausstirbt und die Produktivität explodiert – so schätzt Goldman Sachs, das globale BIP könne um 7% steigen.

Die Pessimisten ihrerseits sehen die Mittelschicht erst recht in der Krise. Insbesondere hoch qualifizierte Berufe wie Recht, Medizin, Finanzen, Engineering und Business seien gefährdet. Die OECD schreibt im schon erwähnten Bericht, wir befänden uns am Tipping point, bald werde es ganz schnell gehen.

Meine Damen und Herren

Wie so viele Debatten heutzutage ist auch diese hochgradig polarisiert.

Und vielleicht ahnen Sie es schon: Der Bundesrat empfiehlt den Schweizer Mittelweg…

Im Ernst: Vielleicht ist eine ausgewogene, möglichst ganzheitliche Sicht der Dinge am zielführendsten.

Denn beide Lager haben ja plausible Argumente: Es macht Sinn anzunehmen, dass die Produktivität sich erhöhen wird. Aber gleichzeitig müssen wir damit rechnen, dass die Ungleichheit zunehmen wird, weil die Konkurrenz durch die KI zahlreiche Jobs überflüssig zu machen droht – oder zumindest das Lohnniveau in etlichen Branchen unter Druck setzt.

Gewiss: Die Geschichte der industriellen Revolutionen war letztlich immer eine Geschichte des wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts.

Aber insbesondere die erste industrielle Revolution war auch mit immensem menschlichem Leid verbunden. Weite Teile der arbeitenden Bevölkerung verelendeten.

Das muss uns eine Warnung sein.

Meine Damen und Herren

Was wir in der KI-Debatte vielleicht etwas zu wenig auf dem Radar haben, ist die Tatsache, dass diese Revolution in einer Welt stattfindet, die bereits heute extrem ungleich ist.

Auch wirtschaftsnahe Organisationen, vom WEF bis zum IWF, zeigen sich beunruhigt darüber, dass die Ungleichheit innerhalb vieler Länder, darunter die USA, heute so gross ist wie vor hundert Jahren.

Eine nochmalige Verschärfung der Ungleichheit wird politisch zum Desaster werden. Der Backlash ist programmiert. Gegen die Politik, aber auch gegen die Wirtschaft. Und nicht zuletzt gegen die Demokratie.

Punkto Demokratie gilt das Gleiche wie bei der Ungleichheit: Der Status quo ist bereits beunruhigend. Die globale Unzufriedenheit mit der Demokratie befindet sich auf einem Rekordhoch, wie unter anderen eine umfassende Studie der Universität Cambridge aus dem Jahr 2022 belegt.

Meine Damen und Herren

Daran, dass die Gewinne der AI möglichst allen zugutekommen, haben wir also alle ein existentielles Interesse.

Denn nur eine Gesellschaft mit einer starken Mitte ist eine stabile, demokratische Gesellschaft, die auch der Wirtschaft stabile und verlässliche Rahmenbedingungen bietet.

Deshalb müssen wir Ideen, wie man die Ungleichheit durch die Künstliche Intelligenz vermindern könnte, ernsthaft und ohne Reflexe debattieren können.

In einem Geist der konstruktiven Neugier.

Wie verhindern wir etwa, dass die KI den Graben zwischen Metropolen und Peripherie weiter vergrössert? Die Brookings Institution schätzt, dass zwei Drittel der AI-Industrie physisch in 15 Städten konzentriert sind. Die ungleiche geographische Verteilung wirtschaftlicher Macht – bei uns etwas altbacken als Stadt-Land-Graben bekannt – wird also weiterwachsen, falls wir nichts dagegen tun. Mit allen einschlägig bekannten politischen Folgen.

Und wie stellen wir sicher, dass alle etwas von der Produktivitätssteigerung haben? Ist beispielsweise eine substanziellere Besteuerung von KI-Firmen angezeigt, von denen ja künftig zumindest einige immense Gewinne einfahren dürften?

Und nicht zuletzt: Wie lässt sich ein aktivierender Sozialstaat gestalten, der die Verliererinnen und Verlierer auffängt und wieder arbeitsmarktfähig macht? Wie müssen wir unser Bildungssystem auf die Umwälzung durch die KI ausrichten, von der Primarschule bis zur Universität? Welche Weiterbildungsangebote sind wirklich zukunftsfähig? Und wie stellen wir sicher, dass diese auch für alle finanzierbar sind?

Welche Antworten wir auch immer als Gesellschaft finden werden, eines steht fest: Der Aufstieg der KI verlangt von uns, um es in den Worten der britischen Ökonomin Diane Doyle zu sagen: «neue Arten des Denkens darüber, was Fortschritt bedeutet.»

Eine Welt der Tech-Milliardäre und der Gig-Workers – und dazwischen eine um minimale Sicherheit ringende Mittelschicht: Diese Welt wird keinen Bestand haben.

Meine Damen und Herren

Der Unterschiede zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz: Er ist ein grosses Thema auf allen Kanälen.

Aber was ist eigentlich Intelligenz?

Der berühmte Schweizer Psychologe Jean Piaget definierte den Begriff folgendermassen: Ich zitiere: «Intelligenz ist das, was man einsetzt, wenn man nicht weiss, was man tun soll.» Ende Zitat.

In einer Situation, die unsicher und unberechenbar ist – was ja für die Gegenwart in besonderem Masse gilt –, in einer solchen Situation also helfen uns Mustererkennung und Verknüpfung schon bestehenden Wissens nicht weiter.

Das gilt für Individuen.
Das gilt für Unternehmen.
Und das gilt für Staaten.

Also: Wie reagieren wir am besten auf die künstliche Intelligenz?

Mit mehr menschlicher Intelligenz.

Vielen Dank.

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